Für
Wladimir Sednjow war der 26. April 1986 ein ganz normaler Samstag. "Meine Familie und ich haben den
Frühlingstag in unserem Garten verbracht." Während der damals 29-Jährige in der Nähe von Minsk die Sonne genoss, bahnte sich im knapp 400 Kilometer entfernten Tschernobyl der bislang schwerste
nukleare Unfall der Geschichte an. Nach einigen schweren Bedienungsfehlern explodierte Reaktor vier des sowjetischen Atomkraftwerks, große Mengen radioaktiven Materials wurden in die Luft
geschleudert. In den folgenden Tagen verteilten mehrere radioaktive Wolken die Strahlung über weite Teile Europas.
Eine Fläche von mehr als 150 000 Quadratkilometern wurde kontaminiert. Das entspricht über 40 Prozent der Fläche der Bundesrepublik. "400 000 Menschen mussten umgesiedelt werden", rechnet
die
Strahlenschutzexpertin der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs Angelika
Claußen vor. "Die meisten Wissenschaftler gehen davon aus, dass durch den Super-GAU von Tschernobyl 200-mal mehr Radioaktivität frei wurde, als durch die beiden Atombomben in Hiroshima und
Nagasaki."
Von Tschernobyl nach Fukushima
Von all dem ahnte Wladimir Sednjow auch dann noch nichts, als er im September 1986 nach Tschernobyl beordert wurde. Der Ingenieur war einer von rund 830 000 so genannten Liquidatoren, die
die Schäden der Atomexplosion beseitigen und den gewaltigen "Sarkophag" über der Reaktorruine errichten sollten. Bekleidet mit einem Schutzanzug aus Baumwolle, einem Helm und einer Gesichtsmaske
mussten die Männer in 12-Stunden-Schichten schuften. Bis jetzt ist Sedjonow gesund geblieben.
Was die Strahlung mit ihnen machte, wussten die sowjetischen Arbeiter nicht. "Wenn ich die Bilder aus Fukushima sehe, muss ich unwillkürlich an Tschernobyl denken", sagt Wladimir Sednjow
heute. Für ihn ist es unfassbar, "dass ein so hoch technisiertes Land wie Japan die Situation nicht meistern kann". Und er weist auf einen Umstand hin, der nichts Gutes ahnen lässt: "In Fukushima
sind drei Reaktoren betroffen, in Tschernobyl war es nur einer."
Die Folgen dieser Katastrophe sind auch 25 Jahre nach dem GAU noch deutlich zu spüren. Ein Gebiet im Umkreis von 30 Kilometern um das Atomkraftwerk ist gesperrt. Und auch die
gesundheitlichen Folgen sind noch immer nicht alle bekannt. "Viele Krebserkrankungen, die der Strahlenbelastung von Tschernobyl zuzurechnen sind, treten erst nach 30 Jahren und mehr auf", weiß
Strahlenschutzexpertin Angelika Claußen. Für die Ärztin ist deshalb klar: "Die Akte Tschernobyl kann nicht geschlossen werden."







