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Das doppelte Tschernobyl

Kai Doering • 26. April 2011

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Die beiden Frauen könnten kaum unterschiedlicher sein. Die 40-jährige Merle Hilbk trägt Jeans und Turnschuhe, auf die Idee, ihre Haare zu färben, käme sie nicht. Die 23-jährige Mascha geht selten ungeschminkt aus dem Haus, trägt Highheels auch im Wald und stärkt ihre platinblonde Mähne regelmäßig mit Haarspray. Merle Hilbk ist eine deutsche Journalistin, die den Folgen des Reaktorunfalls von Tschernobyl auf den Grund gehen möchte, Mascha ihre belarussische Dolmetscherin.

Gemeinsam reist das ungleiche Paar 2009 und 2010 mehrmals in die verstrahlten Gebiete im Südosten von Belarus. Sie sprechen mit ehemaligen Liquidatoren, die 1986 die Schäden des Reaktorunfalls beseitigen mussten und heute, 25 Jahre danach, unter den Folgen der Strahlung leiden. Sie besuchen Aussiedler aus Tadschikistan und Tschetschenien, die in der 30-Kilometer-Sperrzone rund um den explodierten Atomreaktor eine neue Heimat gefunden haben. Und sie treffen junge Leute, die eine Arbeit darin gefunden haben, Touristen ganz nah an den havarierten Reaktor zu führen.

Unterschiedliche Perspektiven auf den GAU

Der Leser lernt die Erlebnisse der Frauen stets aus beiden Perspektiven kennen - aufgezeichnet von Merle Hilbk. Während sich die Deutsche über die Zustände in den belasteten Gebieten und das Vorgehen der belarussischen Regierung echauffiert, verfolgt ihre Dolmetscherin das Geschehen eher mit Desinteresse. Für sie ist Tschernobyl ein historisches Ereignis, über das mittlerweile buchstäblich viel Gras gewachsen ist. Mehr noch: In Belarus haben die Menschen aus ihrer Sicht genug damit zu tun, ihr tägliches Leben auf die Reihe zu bekommen, als dass sie sich groß Gedanken über die Reaktorkatastrophe und ihre Folgen machen könnten.

Dabei sind diese gewaltig. So wurden durch die Explosion und die frei gesetzte Radioaktivität nicht nur rund ein Drittel von Belarus verstrahlt und Tausende Menschen gesundheitlich geschädigt. Auch die sozialen Folgen des GAUs sind weit reichend: Hunderttausende Menschen mussten umgesiedelt werden und fristen seit mehr als 20 Jahren ein Dasein in schäbigen Plattenbausiedlungen. Viele leiden unter psychischen Erkrankungen und Traumata.

Auswirkungen auf Deutschland

Und auch Deutschland hat der Reaktorunfall vom 26. April 1986 nachdrücklich verändert. Rund 250 Organisationen gründeten sich hierzulande, um die Menschen in der damaligen Sowjetrepublik zu unterstützen. Noch heute werden regelmäßig Hilfstransporte organisiert und Tausende belarussische Kinder kommen jedes Jahr zur Erholung nach Bayern oder Niedersachsen.

Noch tief greifender aber war der gesellschaftliche Wandel, den "Tschernobyl" hierzulande ausgelöst hat. Über Monate gingen Menschen bei Regen nicht auf die Straße. Sie pflügten ihre Gärten um und tranken keine Milch. Die Angst vor Verstrahlung durch die radioaktiven Wolken, die aus der Ukraine gen Westen zogen, war riesengroß. In Folge des Unfalls kippte auch die Stimmung: Die Deutschen wurden atomkritisch und die Grünen stark. Der GAU in einem sowjetischen Atomkraftwerk verschob damit das gesellschaftliche Gefüge einige tausend Kilometer weiter westlich deutlich.

Nahezu rundes Tschernobyl-Bild

Merle Hilbk beschreibt in "Tschernobyl Baby" auch diese Seite des Reaktorunfalls genau. Ihr Buch ist damit nicht nur eine bloße Beschreibung der Zustände in Belarus und der Ukraine knapp 25 Jahre nach dem GAU. Es erzählt vielmehr die Geschichte vom doppelten Tschernobyl - dem "echten" in Belarus und der Ukraine und dem "gefühlten" in Deutschland. Dafür hat sie die Protagonisten der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung ebenso besucht, wie Kraftwerksbetreiber und Politiker.

Entstanden ist so ein nahezu rundes Tschernobyl-Bild, das nur ein wenig darunter leidet, dass Hilbk zum Schluss unbedingt noch den Bogen zur Verlängerung der AKW-Laufzeiten durch die schwarz-gelbe Bundesregierung und dem Protest dagegen schlagen möchte. Das überfrachtet ihre ansonsten absolut gelungene Bestandsaufnahme, die zwar meistens persönlich gefärbt, aber dadurch äußerst lesbar ist.

Am Ende lässt die Autorin ihre Dolmetscherin Mascha etwas sagen, das die Geschehnisse rund um den Reaktorunfall ebenso gut zusammenfasst wie das Buch selbst: "Die Deutschen haben ihr Tschernobyl, und wir haben unseres. Nur dass wir unser Tschernobyl nicht einfach abstreifen können wie ein verschwitztes Hemd. Wir tragen es unter der Haut. Für immer."

Merle Hilbk: TschernobylBaby. Wie wir lernten, das Atom zu lieben, Eichborn 2011, 17,95 Euro, ISBN 978-3-8218-6534-8

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