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Hamburg statt Castor

Birgit Güll • 21. April 2011

Am Tor zum Castor-Verladekran: Der OV Dannenberg mit Norbert Schwidder (3.v.r.) an der Spitze unterstützt die Anti-Atom-Proteste
Am Tor zum Castor-Verladekran: Der OV Dannenberg mit Norbert Schwidder (3.v.r.) an der Spitze unterstützt die Anti-Atom-Proteste. Foto: Anne Müller

Dannenberg - der Ortsname ist in Deutschland ein Synonym für den Anti-Atom-Protest. Hier, im östlichen Niedersachsen, steht der Kran, der Castoren mit radioaktivem Abfall von der Schiene auf Lkws verlädt. Sie kommen aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague. Streng bewacht werden die Behälter ins rund 20 Kilometer entfernte Atommüll-Lager Gorleben gebracht. Tausende blockieren die Transporte und demonstrieren so gegen die Atomkraft und die Atompolitik auf Kosten der Region. Im vergangenen Herbst waren die Proteste größer denn je.

Der SPD-Ortsverein Dannenberg ist zufrieden mit dem wachsenden Widerstand. "Wir stehen geschlossen hinter den Demonstrationen", sagt Norbert Schwidder. Der 49-jährige OV-Vorsitzende ist jedes Jahr bei den Blockaden, Sitzstreiks auf den Gleisen inklusive. So unmittelbar ist nicht jedes der rund 60 Mitglieder beteiligt, doch der schnelle Ausstieg aus der Atomkraft ist allen im OV wichtig. Die Unterstützung der Protestierenden auch.

Es sind nicht die friedlichen Blockaden, sondern das massive Polizeiaufgebot, das für Unbehagen sorgt. "Es gibt Polizisten, die unmäßige Gewalt ausüben", sagt Schwidder. Weil auf ihren Uniformen weder Namen noch Nummern stehen, könne man Straftäter nicht identifizieren. Der OV ist deshalb für die Kennzeichnungspflicht der Beamten. In der Energiepolitik fordert er den Ausbau von alternativen Energien: Windräder und vor allem Biogasanlagen sollen den Ausstieg aus der Atomkraft ermöglichen. Gerade unterstützt der OV den kommunalen Wasserverband bei der Übernahme des lokalen Stromnetzes.

Atomkraftgegner überzeugten
So groß wie jetzt war das Anti-Atom-Engagement im OV nicht immer. Als Schwidder, der sich seit den 80ern gegen Atomkraft engagiert, 1981 in die SPD eintrat, sei die Partei in Dannenberg gerade in einer wilden Umbruchphase gewesen. Ein zähes Ringen zwischen jenen, die sich von der Atomkraft Aufschwung und Arbeitsplätze erhofften, und jenen, die vor den Gefahren der Kernenergie warnten. Expertengespräche, Diskussionsrunden - letztlich setzen sich die Gegner der Atomkraft durch.

Das freut Schwidder: "Mich hat das Atomthema politisiert." Die Grünen seien aber nie eine Option für ihn gewesen. "Die sind doch sehr bürgerlich, gerade auf dem platten Land", sagt er. "Die sozialen Nöte der kleinen Leute sind ihnen nicht so wichtig." Doch genau die bewegen den OV. Er will an die Menschen ran, organisiert Hausbesuche und Stadtteilfeste. Hinterzimmerpolitik und Nabelschau sind nicht seine Sache.

Nähe zur Metropole nutzen
Die Region hat 14 000 Einwohner. Und die haben ein gemeinsames Problem: Zwar ist Dannenberg Zentrum der Anti-Atom-Proteste, ansonsten ist die Gegend eher abgehängt. Das will der OV ändern. Er hat ein klares Ziel, besser gesagt eine Vision: Er will, dass der Kreis Lüchow-Dannenberg die Nähe zum 100 km entfernten Hamburg und seine Möglichkeiten in der Metropolregion nutzt. "Der Hamburger Verkehrsverbund könnte bis Dannenberg ausgedehnt werden", sagt Schwidder. Günstigere Tarife und mehr gefühlte Nähe wären die Folge in einer Region, aus der viele zur Arbeit pendeln müssen. Der OV habe schon Kontakte zu Genossen aus der Hamburger Bürgerschaft geknüpft.

Auch sonst setzen die aktiven Dannenberger auf Begegnung. Frische Luft statt verstaubter Traditionen heißt das Credo des OV. Gerade war "Frühlingsempfang". Der SPD-Landesvorsitzende Olaf Lies war mit dabei, als es neben der warmen Jahreszeit auch langjährige Treue zu feiern gab. Monika Helms ist seit 50 Jahren SPD-Mitglied und Eva Wolter ist seit 25 Jahren dabei. Solche Jubiläen tun gut. Denn ein kleiner OV wie der in Dannenberg merkt den Unmut der Menschen schnell.

Der Atomkonsens der rot-grünen Bundesregierung hat viele enttäuscht austreten lassen, weil aus ihrer Sicht zu viele Zugeständnisse gemacht wurden. Auch die Agenda 2010 frustrierte. Doch jetzt ist der OV wieder im Aufwind. Im letzten Jahr sind fünf neue Mitglieder eingetreten. Das sind fünf mehr, die die nächsten Castor-Proteste unterstützen werden. Denn das klare Nein zur Atomkraft ist und bleibt ein zentrales Thema der Dannenberger.

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