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Saufen gegen die Strahlenangst

Nils Michaelis • 21. April 2011

Vera (Svetlana Smirnova-Marcinkevich) und Valerij (Anton Shagin) sehen auf der Flucht den zerstörten Reaktor. © Bavaria Pictures
Vera (Svetlana Smirnova-Marcinkevich) und Valerij (Anton Shagin) sehen auf der Flucht den zerstörten Reaktor. © Bavaria Pictures

Langsam, aber unaufhaltsam naht die Katastrophe. Jetzt nichts wie weg, doch die Beine gehorchen nicht. Jene Hilflosigkeit, der wir in Albträumen begegnen, zieht sich durch "An einem Samstag". Hier unterstreichen ein verpasster Zug oder ein Konzert, das zu Ende gespielt werden muss, das Ausgeliefertsein. Die Verzweiflung schlägt um in eine Lebensgier, die sich der Realität zu verweigern versucht. Doch der nukleare Horror lässt sich nicht verdrängen. Umso albtraumhafter tritt er am Ende des Films in Erscheinung.

Mustersiedlung wird zur Geisterstadt

Samstag, der 26. April 1986: Einer von vier Reaktoren im Atomkraftwerk Tschernobyl ist nur noch ein Trümmerhaufen. In Windeseile ist die Umgebung verstrahlt. Zunächst können die Behörden den Super-GAU vertuschen. Die Menschen in der benachbarten Stadt Pripjat starten nichtsahnend ins Wochenende. Erst nach 36 Stunden rollen Evakuierungsbusse. Doch für tausende Menschen kommt die Rettung zu spät. Die sowjetische Mustersiedlung wird zur Geisterstadt.

Heute besuchen allenfalls obskure Atom-Touristen die Sperrzone im Norden der Ukraine. Sie finden Wohnungen und Spielplätze vor, die so aussehen, als seien sie vor wenigen Augenblicken überstürzt verlassen worden. Man fragt sich: Wie lebten die Menschen vor 25 Jahren im Paradies der Werktätigen, als es längst zu einer verseuchten Hölle geworden war?

Symbol des Scheiterns

Tschernobyl wurde nicht nur zum Symbol für eine Risikotechnologie. Der Reaktorunfall steht ebenso für den menschenverachtenden Umgang damit. In jener Unfähigkeit und Gleichgültigkeit spiegelt sich der schleichende Kollaps der Sowjetunion wider. Kaum waren die ersten Meldungen über das Atomdesaster von Fukushima verbreitet, kehrten die Bilder von damals zurück. Daher braucht der russische Regisseur Alexander Mindadze weder knallige Spezialeffekte noch klare Begrifflichkeiten, um das Grauen anzubahnen.

Es genügt, ein paar Männer in grauen Anzügen von "dem Kraftwerk" raunen zu lassen, um zu verstehen, worum es geht. Dazu ein namenloser Haufen Plattenbauten: fertig! Mindadze lässt die Katastrophe im Hintergrund laufen, während sich die Kamera auf die Menschen richtet, die in Sichtweite des Meilers leben. An jenem Samstag feiern sie Hochzeiten oder tuckern seelenruhig zum Ernteeinsatz. Nur der junge Parteifunktionär Valerij Kabish hetzt durch die Straßen. Er weiß, was am frühen Morgen passiert ist. Höhere Parteibonzen haben ihn jedoch zum Schweigen verdonnert.

So weiht er nur seine Freundin Vera ein. Mit ihr will er aus der Stadt fliehen. Aber daraus wird nichts. Stattdessen treffen sie Valerijs frühere Band. Gemeinsam tingeln sie durch die Tanzsäle und bemühen sich, dem Ganzen mit Sarkasmus und - zur Dekontaminierung! - Rotwein zu begegnen. Doch Valerij kann sich noch so zuschütten oder ekstatisch trommeln: Immer wieder kehrt die Angst vor den Strahlen zurück. Wenn er versucht, sich mit einem Brautpaar über dessen Nachwuchs zu freuen, gerät seine innere Contenance ebenso stark ins Wanken wie die zunehmend alkoholisierten Hochzeitsgäste.

Rausch ohne Tiefe

Auch der Regisseur bewegt sich auf unsicherem Terrain. Zum Einen stellt Mindadze den sowjetischen Alltag in all seiner Normalität, wenn nicht Profanität dar. Mit wackeliger Handkamera immer ganz dicht dran am verschwitzten Geschehen, wird daraus ein sprichwörtlich rauschhaftes Panoptikum unbekümmerter Lebenslust. Andererseits kreuzt er das Ganze immer wieder mit grotesken Stimmungen. Viele der emotionalen Aufwallungen, die vom absurden Gebrabbel bis hin zur Prügelei reichen, sind indes nicht weniger gewöhnlich. Manch einer mag darin nichts als Klischees von versoffenen, abgründigen Sowjetbürgern sehen.

Wegen der fehlenden Bilder hinter den Bildern ist dieser Film merkwürdig oberflächlich. Merkwürdig deshalb, weil er Nähe suggeriert, die er nicht bietet. Zugegeben: Wer erwartet schon hochtrabende Dialoge auf einer Hochzeit? Und lassen sich starke Gefühle, wie etwa Todesangst, unbedingt vom Gesicht ablesen? Dennoch hätte man sich die Protagonisten weniger blass gewünscht.

Ein ordentliches Pfund von seiner Liebe zum Detail, die Mindadze bei Ausstattung und Kostümen beweist, hätte er in die Entwicklung seiner Charaktere investieren sollen. So bleibt es ein Rätsel, wovon er im tieferen Sinne erzählen will. Wenn der Filmemacher behauptet, zeigen zu wollen, wie man in einer unmenschlichen Situation Menschlichkeit bewahrt, fragt man sich, ob er mehr darunter versteht als den schwindenden Mut der Verzweiflung.

An einem Samstag/ V Subbotu (Russland, Ukraine, Deutschland 2011), Drehbuch und Regie: Alexander Mindadze. Mit Anton Shagin, Svetlana Smirnova-Martsinkevich u.a.

Kinostart: 21. April

Infos: www.aneinemsamstag-derfilm.de

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