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Eine sehr deutsche Geschichte

Dorle Gelbhaar • 08. May 2011

Foto: Das Neue Berlin
Foto: Das Neue Berlin

Der Pfarrer Friedrich Schorlemmer erzähle, so Hans-Dieter Schütt, Geschichte in Geschichten. Erfahrungen. Auch, wenn es sich um die Bibel handle, würde von Erfahrungen erzählt, die jeden anders berührten.

Aus der DDR heraus

Der 1944 geborene christlich-evangelische Theologe und Publizist Schorlemmer gehörte zu denen, die 1989 an vorderer Stelle das Ende der DDR einläuteten. Er gehörte zu den Gegenkräften, die ein bestehendes Regime zu Fall brachten. Aber ihm ging es nicht darum, gegen andere Menschen anzutreten, sondern in der Allianz der Unzufriedenen einen Platz einzunehmen, um den Träumen ihre Geltung zu verschaffen.

Auch reformwillige Mitglieder der SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, die sich entsprechend der Leninschen Lehre als führende Partei der DDR verstand, waren ihm Bündnisgenossen. In der Sache scharf, emotional aber verständnisvoll, hatte er seinen Anteil daran, dass es sich bei Revolution um eine friedliche handelte.

Bibel als Gleichnis auf die unstete Welt

Diese Position ist ihm erhalten geblieben, nachdem er zwanzig Jahre in einer scheinbar alternativlosen Welt lebt. Schorlemmer ist Einfallslosigkeit und bloße Oberfläche zuwider. Sein Erzählen vom Evangelium und den Leuten, die es verkündeten, schließt ein, dass es die eine Wahrheit nicht geben kann (außer im Ewigen). Alles sei parteiisch. Wo einer den anderen - zu Recht - hart kritisiere, wird der Ansatz neu entstehenden Unrechts nicht nur befürchtet.

Neue Widersprüche

Die Interessen des Kapitals seien nicht deckungsgleich mit den Interessen der Demokratie. Das scheint Konsens zwischen Interviewer und Interviewtem zu sein. Solches leitet sich ab aus uralten Geschichten, um die der Bibelkundige Schorlemmer weiß. Dabei weist er auch hier nicht mit dem Finger auf die anderen, ohne sich selbst den Spiegel vors Gesicht zu halten.

Allerdings weiß er sich frei von Pharisäertum, wo es darum geht, die Lehre des Christentums auf die Nöte der Menschen anzuwenden. Er verträgt es nicht, wenn Menschen, die ein schweres Los treffen könnte, wegen der Einhaltung des "reinen Wortes" Hilfe versagt werden sollte. Einem Geistlichen, der PID (Präimplantationsdiagnosatikür) als Einleitung zum Kindesmord versteht, empfiehlt er, selbst zwei schwerstbehinderte Kinder großzuziehen.

Schorlemmer versteht das Beten, als Form, dem Jammer der Menschen Ausdruck zu verleihen und diesen somit zu artikulieren, deutliche Konturen annehmen zu lassen "Opium für das Volk" (Karl Marx) kann er darin daher nicht erkennen.

Nach eigener Familiengeschichte befragt erzählt Schorlemmer auf seine sparsame Weise. Es ist zu erahnen, wie tief das Schorlemmersche Nachdenken über Zusammenhänge von Schuld, Verstrickung, Widerstand reicht. Es ist eine sehr deutsche Geschichte und sie mag insbesondere Jüngeren empfohlen sein, um sich ein Bild machen zu können, das in keiner Weise plakativ ist, das einfach berührt.

Hans-Dieter Schütt, Friedrich Schorlemmer: "Zorn und Zuwendung", Das Neue Berlin, Berlin 2011, 240 Seiten, 16,95 Euro, ISBN 978-3-360-02122-9

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