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Schnell, schneller, am schnellsten?

Susanne Dohrn • 19. April 2011

Bild: Gerd Altmann / pixelio.de
Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

vorwärts.de: Wann kommen wir aus Ihrer Sicht ohne Atomkraftwerke aus?

Manuel Frondel: Es wäre technisch kein Problem, den rot-grünen Ausstiegsbeschluss umzusetzen, also bis etwa 2022 auszusteigen. Wegen der höheren Kosten für die CO2-Emissionsrechte und der Verknappung des Angebots wären die Strompreise allerdings um etwa zehn Prozent höher als im Falle einer Laufzeitverlängerung.

Sollte uns der Atomausstieg 10 Prozent Preissteigerung nicht wert sein?

Man muss sehen, dass die Preise darüber hinaus wegen der Verteuerung von Brennstoffen wie Kohle und wegen des Ausbaus der Erneuerbaren zusätzlich steigen werden. Bereits der Anstieg der Erneuerbaren-Umlage um 1,5 Cent je Kilowattstunde innerhalb eines Jahres - das sind weniger als 10 % Anstieg - hat zu großem Unmut bei den Verbrauchern geführt. Man muss sich auch in die Rolle der Industrie hineinversetzen. Eine Preiserhöhung von zehn Prozent könnte sich negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit auswirken und Arbeitsplätze gefährden.

Ließe sich das mit mehr Energieeffizienz wettmachen?

Da lässt sich immer etwas machen, aber im internationalen Vergleich ist die deutsche Industrie in Sachen Energieeffizienz schon jetzt führend.

Bis 2050 sei ein vollständiger Umstieg auf Erneuerbare Energien machbar und bezahlbar, heißt es z.B. in einer Studie des Umweltbundesamtes. Teilen Sie diese Ansicht?

Ich halte das für eine absolute Utopie. Wir brauchen z.B. Energiespeicher in rauen Mengen. Wenn der Wind im Winter mal eine Woche nicht weht, würden wir mehr als 1000 Pumpspeicherkraftwerke brauchen, um genügend Energie zur Verfügung zu haben. Die können wir in Deutschland nicht bauen.

Auch Wasserstoff, Biogas stellen Speicher dar ...

Möglich ist, dass wir in 40 Jahren noch ganz andere Optionen haben. Wir benötigen einen Netzausbau, nicht nur um den Strom von Norden nach Süden und Westen zu transportieren, wo er gebraucht wird, sondern weil das Netz auch einen "Puffer" darstellt, wenn zuviel Strom eingespeist wird. Aber: Schon jetzt gibt es Tage, an denen die Stromnachfrage so gering ist, dass an der Strombörse negative Strompreise gezahlt werden. Das heißt, es wird dafür gezahlt, dass der Strom abgenommen wird. Das wird zunehmen, wenn die Erneuerbaren mehr werden.

Könnte hier Wasserkraft aus Norwegen helfen?

In Norwegen gibt es derzeit vor allem Laufwasserkraftwerke. Die Pumpspeicherkraftwerke müssten erst noch gebaut werden. Norwegen würde es sich teuer bezahlen lassen, wenn wir dort unseren überschüssigen Strom speichern und bei Bedarf abrufen wollen. Wir müssen dann zwei Mal bezahlen, einmal wenn wir den Strom wegen zu hohem Windstromangebot bei geringer Nachfrage loswerden müssen und noch mal, wenn wir bei geringem Windstromangebot und hoher Nachfrage den Strom wieder beziehen möchten.

In der Wirtschaftswoche war kürzlich zu lesen, dass der Umstieg auf Erneuerbare bis 2050 1455 Milliarden kosten wird. Ist das realistisch?

Ich rechne lieber auf kürzere Zeiträume. Wir hatten bei der Photovoltaik im vergangenen Jahr einen Zubau von 7400 Megawatt. Das ist eine Verdoppelung gegenüber 2009 und stellt rund 75 % des zwischen 2000 und 2009 erfolgten Zubaus dar. Alle Anlagen, die zwischen 2000 und Ende 2010 in Deutschland installiert wurden, kosten den Verbraucher 81,5 Milliarden, denn die Vergütung für Solarstrom ist mit 29 Cent je Kilowattstunde noch immer sehr hoch, weitaus höher als etwa für Windstrom, der an Land mit 9 Cent vergütet wird. Deshalb sollten wir den Zubau von Photovoltaik auf 500bis 1000 MW begrenzen, wie der Sachverständigenrat für Umweltfragen in seinem jüngsten Gutachten fordert.

Senkt ein zusätzliches Angebot der Erneuerbaren nicht den Preis?

Temporär ja, langfristig nicht, weil wir konventionelle Kraftwerke brauchen, die die Spitzen abdecken. Künftig werden sie mit dem Ausbau der Erneuerbaren immer mehr zur Untätigkeit verdammt werden, weil die Erneuerbaren Vorrang haben. Sie müssen dann in entsprechend kürzerer Zeit die Kapitalkosten erwirtschaften. Das geht nur bei entsprechend hohen Strompreisen.

Was ist aus Ihrer Sicht gefährlicher: Eine kurzfristige Erhöhung des CO2-Ausstoßes oder das Risiko der Atomkraft?

Es gibt kein höheres Klimarisiko. Wenn wir in Deutschland vorübergehend mehr Energie aus fossilen Brennstoffen gewinnen, müssen wir die CO2-Emissionsrechte kaufen. Sie werden dann in einem anderen europäischen Land eingespart. In der Summe wird in der Europäischen Union kein Gramm Kohlendioxid mehr ausgestoßen. Wir werden allerdings auch mehr Strom importieren, also vom Stromexporteur zum Stromimporteur werden. Wie man dieser Tage bereits sieht, werden wir auch mehr Atomstrom aus Frankreich und Tschechien importieren

Bedeuten mehr Erneuerbare langfristig, dass weniger teure CO2-Emissionsrechte gekauft werden müssen?

Dazu müsste massiv in Offshore-Windstrom investiert werden. Das geschieht derzeit noch nicht. Anscheinend reichen die 15 Cent pro Kilowattstunde Einspeisevergütung den Investoren nicht aus. Klar ist jedenfalls, dass dieser Ausbau die Strompreise weiter ansteigen lässt, da die Vergütung deutlich höher ist als die Vergütung für an Land erzeugten Windstrom.

Manuel Frondel ist Diplom-Physiker und Diplom-Wirtschaftsingenieur, Professor für Energieökonomik an der Ruhr-Universität Bochum und seit Oktober 2003 Leiter des Kompetenzbereichs "Umwelt und Ressourcen" am wirtschaftsnahen Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen.

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