vorwärts.de: Wird es eine "Stromlücke" geben, weil sieben Atomkraftwerke abgeschaltet sind?
Stephan Kohler: Natürlich muss der Strombedarf jetzt aus anderen Kraftwerken gedeckt werden. Er ist aber im Frühjahr und Sommer tendenziell niedriger als in den Wintermonaten.
Wir müssen aber beachten, dass in den Sommermonaten Revisionen und Reparaturen in den Kraftwerken durchgeführt werden. Dies führt zu einer zusätzlichen Abschaltung von Kraftwerken. Die
Stromnachfrage wird gedeckt werden können, fragt sich nur aus welchen Kraftwerken. Wir sind in ein europäisches Verbundnetz eingebunden und der Kraftwerkseinsatz ist nicht auf nationale Grenzen
beschränkt.
Brauchen wir zusätzliche Kraftwerke?
Als Fazit kann aber festgehalten werden, dass wir zusätzlich alte fossile Kraftwerke einsetzen müssen und Strom aus dem europäischen Verbundnetz beziehen werden. Davon gehen im Übrigen auch
das Umweltbundesamt und der Sachverständigenrat für Umweltfragen aus.
Was ist die Folge wenn die jetzt abgeschalteten Reaktoren dauerhaft vom Netz gehen?
Die Stromerzeugung aus regenerativen Anlagen muss bis zum Jahr 2020 auf 40 Prozent ausgebaut werden. Dazu ist ein sehr schneller Ausbau der Stromnetze erforderlich. Wir brauchen rund 4 500
Kilometer neue Höchstspannungsleitungen. Gleichzeitig muss die Stromerzeugung aus Kraft-Wärme-Kopplung verdoppelt werden. Für eine sichere Stromversorgung benötigen wir aber auch neue,
hocheffiziente Kraftwerke auf Erdgas- oder Kohlebasis mit einer Leistung von rund 10 000 MW.
Diese gesicherte Leistung ist nicht nur als Ergänzung für die fluktuierende Stromerzeugung aus Wind- und Photovoltaikanlagen erforderlich, sondern auch, um alte und ineffiziente Kraftwerke mit hohem CO2-Ausstoß außer Betrieb nehmen zu können. Eine grundsätzliche Voraussetzung, um die derzeit diskutierten Ausstiegsszenarien zu realisieren, ist die Steigerung der Energieeffizienz. Hier muss noch viel mehr getan werden. Der Stromverbrauch muss um rund acht Prozent bis zum Jahr 2020 gesenkt werden. Ein engagiertes Ziel, das aber bei einem gesellschaftlichen Konsens durchaus zu schaffen ist.
Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) und das Umweltbundesamt (UBA) halten eine 100 Prozent Stromversorgung aus Erneuerbaren Energien bis 2050 für möglich. Teilt die dena diese
Analyse?
Regenerativen Energiequellen sind potenziell in der Lage, die Stromversorgung zu 100 Prozent zu übernehmen. Die Analysen des UBA und des SRU basieren auf ebensolchen Potenzialanalysen. Das
reicht aber nicht aus, um diese Frage zu beantworten. Gerade in der Stromversorgung geht es um den Aufbau einer neuen Infrastruktur und die Integration von neuen Speichertechnologien, die für den
Ausbau der Erneuerbaren erforderlich sind. Diese beiden Themen sind Herausforderungen, die bislang nicht befriedigend gelöst sind. Es gibt derzeit Vorschläge für Speichertechnologien, die
allerdings die Effizienz des Gesamtsystems massiv reduzieren und das können wir uns auch in einer regenerativen Energiewirtschaft nicht leisten. Wir benötigen für den integrierten
Industriestandort Deutschland, eine hohe Versorgungssicherheit, Netzstabilität und konkurrenzfähige Preise für die Industrie, aber auch sozialverträgliche Strompreise für die Bevölkerung.
Wie hoch wären die Kosten für eine 100 Prozent Stromversorgung aus Erneuerbaren Energien?
Diese Kosten kann heute keiner realistisch abschätzen. Wir wissen heute noch nicht, mit welchen Technologien und mit welchem Infrastruktur- und Speicheraufwand wir das Energiesystem der
Zukunft realisieren werden. Die existierenden Szenarien gehen von den heute bekannten Technologien aus und unterstellen Effizienzsteigerungen in der Technologieentwicklung. So wird aber die
regenerative Energiewelt im Jahr 2050 nicht aussehen. Wir sollten nicht so vermessen sein, heute schon die technologische Entwicklung der nächsten 40 Jahre voraussehen zu wollen. Wichtig ist,
dass wir jetzt den Einstieg in eine Energiewirtschaft schaffen, die auf Energieeffizienz und erneuerbaren Energien beruht. Wir müssen nun vor allem die konkrete Planung für die
Energieinfrastruktur der nächsten 20 Jahre vorantreiben und in ein offenes und flexibles Energiesystem investieren, das in der Lage ist, auf zukünftige Innovationen reagieren zu können.
Die Deutsche Energie-Agentur GmbH (kurz dena) ist ein deutsches Unternehmen, das sich als Kompetenzzentrum für Energieeffizienz und erneuerbare Energien bezeichnet. Es befindet sich mehrheitlich in Staatseigentum. Über 50 Prozent der laufenden Mittel zahlt die Energiewirtschaft, u.a. auch die vier großen Stromkonzerne (E.on, EnBW, RWE, Vattenfall Europe), weitere Mittel kommen aus staatlichen Förderprogrammen und Aufträgen. Dietmar Schütz, Präsident des Bundesverbandes Erneuerbare Energie e.V. (BEE), ist anderer Meinung. Lesen Sie hierzu das Interview: " So können wir den Atomstrom kompensieren" und das Interview mit Thomas Leif, Journalist und Lobbyismus-Experte: " Die Doppelstrategie der Atomkonzerne "







