Saul Friedländer, Träger des Pulitzer-Preises und des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, stellt die von Papst Pius XII betriebene Appeasement-Politik gegenüber der NS-Diktatur dar und legt dessen zweifelhafte Haltung zum Holocaust offen. 1965 erschien das fakten- und dokumentenreiche Werk erstmals auf Deutsch. Jetzt hat der israelische Holocaustforscher Friedländer eine Neuauflage veröffentlicht. Im Lichte neuer Forschungsarbeiten und Dokumente liefert er eine Neubewertung des alten Materials, das ohne Änderungen wiedergegeben ist.
Von München nach Rom
Der spätere Papst Pius XII., bürgerlich Eugenio Pacelli, trat 1901 im Alter von 25 Jahren in die vatikanische Bürokratie ein. Von 1917 bis 1929 amtierte er als Nuntius in München. In dieser Position bekannte sich Pacelli zu seinen rechtsgerichteten Einstellungen. Gegen die Linke gerichtete Erklärungen, so Friedländer, waren "an der Tagesordnung". Seine Berichte an den Vatikan enthielten häufig judenfeindliche Kommentare.
Aus München wechselte Pacelli nach Rom und avancierte zum Kardinalstaatssekretär von Papst Pius XI., dem "Schutzpatron und anerkannten Symbol des fundamentalistischen und antiliberalen Katholizismus". Friedländer weist Pacelli nach, vatikanische Initiativen von Pius XI, die Kritik am NS-Regime beinhalteten, verzögert oder sogar sabotiert zu haben.
Antisemitische Einstellung
Es gelangt Pacelli, dass Hitlers "Mein Kampf" vom Vatikan nicht auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt wurde. Im Mai 1938 hielt Pacelli eine Ansprache an den Eucharistischen Kongress in Budapest. Zu diesem Zeitpunkt verabschiedete Ungarn gerade eine antisemitische Gesetzgebung. Dennoch scheute Pacelli nicht davor zurück, Juden als Menschen, "deren Lippen (Christus) verfluchen und deren Herzen ihn auch heute noch verschmähen", zu stigmatisieren.
Während Pius XI. auf eine offene Parteinahme zugunsten Francos im Spanischen Bürgerkrieg verzichtete, segnete der frisch gekürte Papst Pius XII. persönlich im Vatikan die heimkehrenden Soldaten der italienischen Division "Pfeil", die auf Seiten der rechtsextremen Falangisten gekämpft hatten. Zudem hob Pius XII. die von seinem Vorgänger verfügte Exkommunizierung der antisemitischen Action francaise auf.
Informationen über Zyklon B
Im Januar 1942 wurde in Berlin auf der Wannsee-Konferenz die "Endlösung der Judenfrage" beschlossen. Kurze Zeit später, am 18. März 1942, schickten Vertreter der Jewish Agency, des Jüdischen Weltkongresses und der Schweizer Israelitischen Gemeinschaft dem Apostolischen Nuntius in Bern ein detailliertes Memorandum zum Stand der Verfolgung und Unterdrückung der Juden in Mittel- und Osteuropa. Das Papier gelangte auch an den Vatikan. Die Alliierten informierten den Papst im Sommer 1942 über die Vergasung von Juden mit Zyklon B.
Vertreter der Demokratien versuchten den Vatikan vergeblich zu einer öffentlichen Verurteilung der NS-Greueltaten zu bewegen. Auch als in der Nacht zum 16. Oktober 1943 die Verschleppung der Juden aus Rom und ihre Deportation in die Gaskammern von Auschwitz begann, schwieg der Papst. Freiherr Ernst von Weizsäcker, Hitlers Botschafter beim Vatikan, meldete am 28. Oktober 1943 nach Berlin, Pius XII. habe "auch in dieser heiklen Frage alles getan, um das Verhältnis zu der deutschen Regierung und den in Rom befindlichen deutschen Stellen nicht zu belasten."
Schweigen zur Vernichtung der Juden
Der Papst schwieg selbst noch dann, als im Mai 1944 die Verschleppung der ungarischen Juden begann und Rom und der Vatikan bereits unter dem Schutz alliierter Truppen standen. Der Apostolische Nuntius in Budapest, Mgr. Angelo Rotta, protestierte beim ungarischen Außenministerium und erklärte: "Die ganze Welt weiß, was diese Deportationen tatsächlich bedeuten." Dies war der erste offizielle Protest eines Vatikan-Vertreters gegen die Judendeportationen.
Im Gegensatz zu Pius XII. scheute auch der apostolische Delegierte des Heiligen Stuhls in Istanbul, Mrg. Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII., keine Mühe die Juden in Mitteleuropa und auf dem Balkan zu unterstützen. Der dortige orthodoxe Patriarch wies all seine Bischöfe auf dem Balkan und in Mitteleuropa schriftliche an, die Juden mit allen Mitteln zu unterstützen und in den Kirchen zu verkünden, das Verstecken von Juden sei eine heilige Pflicht. Papst Pius XII. schwieg.
Die von Friedländer akribisch zusammengetragenen Fakten und Dokumente belegen eindeutig, dass Papst Pius XII., Oberhaupt von mehr als 400 Millionen katholischen Christen, über die industriell betriebene Massenvernichtung der Juden "voll informiert" war. "Was wir nicht wissen und auf keine Weise in Erfahrung bringen können", so Friedländer am Ende seiner Dokumentation, ist, "ob für Pius XII. das Schicksal der Juden Europas eine schwerwiegende Krisensituation und ein quälendes Dilemma darstellte oder ob es für ihn nur ein Randproblem war, welches das christliche Gewissen nicht herausforderte."
Saul Friedländer: "Pius XII. und das Dritte Reich. Eine Dokumentation", Verlag C.H. Beck, München 2011 (Erstausgabe: 1965), 231 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-406-61681-5







