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Der Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. (BEE) hält den Ausstieg aus der Atomindustrie bis 2020 für möglich. Unter welchen Voraussetzungen?
Dietmar Schütz: Bis 2020 haben die Erneuerbaren nach unseren Prognosen bereits einen Anteil von 47 Prozent am Stromverbrauch. Damit können wir wegfallenden Atomstrom mehr als
kompensieren. Wir brauchen dazu auch keine neuen Kohlekraftwerke. Wir haben lediglich die Kraftwerke eingerechnet, die sich schon heute im Bau befinden. Das gleiche gilt für Gaskraftwerke.
Insgesamt kommen so rund 12 Gigawatt Kraftwerkskapazität hinzu. Gleichzeitig gehen aber bis 2020 voraussichtlich rund 8 GW Kohle und Gas aus Altersgründen vom Netz.
Die Studie der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena) von 2008 kam zu einem anderen Ergebnis. Danach droht schon 2012 eine Versorgungslücke beim Strom.
Diese Zahlen haben wir nie nachvollziehen können. Wir halten sie auch nicht für richtig. Wir haben seit Jahren einen deutlichen Exportüberschuss beim Strom. Auch die jüngste
dena-Netzstudie, die zusätzliche zur ersten Studie noch einmal von 3500 Kilometern neuer Höchstspannungstrassen (380 kV = 380 000 und 220 000 Volt) ausgeht, halten wir für stark überzogen.
Was muss passieren, damit bis 2020 der Atomausstieg möglich ist?
Zunächst müssen wir zurück zu verlässlichen Rahmenbedingungen für Stromsektor, das heißt, die Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke müssen komplett zurückgenommen werden. Und die
Grundsätze des EEG - Vorrang und feste Vergütung für Strom aus Erneuerbaren - müssen erhalten bleiben. Dann ist der Ausstieg ohne Probleme machbar. Wir können den Ausbau der Erneuerbaren aber
noch beschleunigen. Der BEE hat dafür ein Eneuerbare-Energien-Ausbaubeschleunigungsgesetz vorgeschlagen, ein Artikelgesetz, das alle relevanten Regelwerke auf den Prüfstand stellt. Das Ziel des
Umstiegs auf Erneuerbare Energien muss in die Raumordnungs-, Naturschutz- und Wasserhaushaltsgesetze als Abwägungsgebot aufgenommen werden.
Der BEE fordert, die Höhenbegrenzung von Windanlagen aufzuheben. Was bringt das?
Ein Meter zusätzliche Nabenhöhe bringt ein Prozent mehr Leistung. Wenn wir beispielsweise die alten 500 KW-Anlagen mit Nabenhöhen von etwa 50 Metern durch neue 3 bis 5 Megawatt-Anlagen mit
135 Meter Nabenhöhe ersetzen, können wir die Zahl der Anlagen auf die Hälfte reduzieren und die Leistung dennoch mindestens verdreifachen. Das setzt aber voraus, dass wir den Strom auch
einspeisen können.
Gibt es Keinen gesetzlichen Vorrang für die Einspeisung von EE?
Doch, den gibt es. Aber es bestehen Ausnahmeregelungen, die in der Praxis zunehmend zum Tragen kommen. Wenn die Netzkapazität im jeweiligen Netzbereich beispielsweise durch Windstrom
überschritten wird, dürfen Anlagen abgeregelt werden. Dafür gibt es eine Entschädigung. Das Energiewirtschaftsgesetz erlaubt sogar die endschädigungslose Abschaltung von Photovoltaik- oder
Windkraftanlagen, wenn die Sicherheit der Stromversorgung in Gefahr ist. Hauptgrund für Überkapazitäten im Netz ist aber nicht die Einspeisung der Erneuerbaren, sondern die Tatsache, dass die
Atom- und Kohlekraftwerke ihre Produktion nicht angemessen drosseln. Dafür sind sie technisch nicht flexibel genug.
Auch Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle propagiert die Beschleunigung des Netzausbaus. Aber viele Bürger sind dagegen. Wie wollen Sie damit umgehen?
Wir brauchen in der Tat einen beschleunigten Netzausbau. Deshalb müssen wir mit den Bürgerinitiativen in einen vernünftigen Dialog treten. Wenn klar ist, dass neue Leitungen für die
Integration der Erneuerbaren gebaut werden und nicht, um weiterhin Atomstrom zu transportieren, wird die Akzeptanz vielerorts steigen.
Sie sagen, wir brauchen gar nicht so viele neue Leitungen wie die dena prognostiziert hat. Warum?
Erneuerbare Energien sind dezentral. Wenn wir lokale und regionale Potenziale optimal ausnutzen, brauchen wir auch weniger Höchstspannungskabel, weil wir weniger Energie über so große
Entfernungen transportieren müssen. Wir wollen außerdem, dass alle 110 kV-Leitungen (110 kV = 110 000 Volt) unterirdisch verlegt werden. Das kostet nicht mehr als überirdische Stromleitungen und
ist auch das, was viele Bürgerinitiativen fordern.
Strom fehlt aber in Süddeutschland, der Windstrom entsteht in Norddeutschland.
In Süddeutschland - in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen - haben wir bisher so gut wie keine Windkraft. Im Süden wurde zwar die Solarenergie stark ausgebaut, aber auch für Windenergie
gibt es dort gute Standorte. Wenn wir im Süden Deutschlands die Windenergie zügig ausbauen und das Prinzip der Dezentralität stärker berücksichtigen, brauchen wir statt der von dena insgesamt
prognostizieren über 4000 Kilometer Höchstspannungsleitungen nur noch etwa 1000 Kilometer.
Bis 2050 kann Deutschland vollständig auf EE umsteigen. Da sind sich vom BEE über das Umweltbundesamt und dem Sachverständigenrat der Bundesregierung alle einig. Was muss zusätzlich
geschehen?
Wir brauchen vor allem einen massiven Ausbau von Energiespeichern und den vermehrten Einsatz der Erneuerbaren auf dem Regelenergiemarkt. Wir haben beispielsweise Biogasanlagen, die gut
regelbar sind. Da kann das Gas gespeichert und Energie nach Bedarf produziert werden. Wir brauchen aber auch die gezielte Förderung von Kombikraftwerken, in denen verschiedene
Erneuerbaren-Kraftwerke mittels Informationstechnik intelligent verknüpft werden.
Wo sehen Sie zusätzliche Speichermöglichkeiten?
Dazu gehört einerseits der Ausbau von Pumpspeicher-Wasserkraftwerken. Mit den in Bau und Planung befindlichen Projekten haben wir allein bis 2020 eine Kapazität von 13 Gigawatt, die wir für
das deutsche Netz nutzen können. Geeignet für zusätzliche Pumpspeicher sind z.B. auch ehemalige Bergwerke. Dazu kommen unterirdische Druckluftspeicherkraftwerke. Das erste wurde bei uns in
Niedersachsen in Elsfleth-Neuenhuntorf gebaut. Es ist noch nicht sehr effizient, aber ein Anfang.
Wir könnten die Wasserkraft in Norwegen als Speicher nutzen.
Das Unternehmen NorGer plant ein Hochspannungs-Gleichstromkabel von Norwegen nach Deutschland, um die Stromversorgungsnetze der Länder zu verbinden. Es soll eine Kapazität von 1400 Megawatt
haben und bei Butjadingen in der Wesermarsch in Deutschland ankommen. Wenn wir mehr erneuerbaren Strom haben, als gerade benötigt, können wir damit Norwegen mitversorgen. Umgekehrt unterstützt
uns die norwegische Wasserkraft, wenn bei uns Flaute herrscht. Die Transformierung des Gleichstroms in Wechselstrom könnte auf deutscher Seite im Kernkraftwerk Unterweser geschehen, wenn es nicht
wieder ans Netz geht.
Welche Rolle spielt das Energiesparen?
Die Energieeffizienz ist die Schwester der Erneuerbaren. Wir gehen in unseren Berechnungen von einem gut dreiprozentigen Effizienzgewinn bis 2020 aus. Das können auch die Gerätehersteller
schaffen. Eine weitere Möglichkeit ist die Lastverschiebung, das so genannte demand-side-management. Dann gehen in Spitzenlastzeiten Verbraucher, z.B. mit großen Kühlanlagen, vom Netz. Das
funktioniert schon heute und lässt sich ausbauen, auch für Privathaushalte.
Auf 1455 Milliarden Euro würden sich die Kosten für grünen Strom bis 2050 summieren, wenn wir bis 2050 auf Ökostrom umgestellt haben, schrieb kürzlich die Wirtschaftswoche. Wer soll das
bezahlen?
Ich weiß nicht, woher solche Totschlagzahlen kommen. Das wären ja 36 Milliarden Euro pro Jahr, das ist völlig überzogen. Bislang bezahlen die Stromkunden die Erneuerbaren über die
Einspeisevergütung. Bis 2010 betrug sie 2 Cent pro Kilowattstunde, derzeit sind es 3,5 Cent wegen des starken Ausbaus der Photovoltaik. 2012 werden es eher wieder 3 Cent. Dadurch entstehen
zusätzliche Kosten von 5 bis 8 Milliarden pro Jahr. Hinzu kommt der Ausbau der Netze. Dem müssen wir aber auch den Nutzen gegenüberstellen. Wir sparen jedes Jahr Milliarden ein, weil wir immer
weniger Kohle und Gas importieren müssen. Die Erneuerbaren verursachen zudem anders als andere Energieträger keine Klimafolgekosten und auch keine Entsorgungskosten für radioaktiven Müll.
Den Energieversorgern brechen die Gewinne weg, wenn sie keinen billigen Atomstrom mehr verkaufen können. Auch hier fehlt Geld für Investitionen.
Unternehmen investieren, wenn es sich lohnt. Dann geben auch die Banken Geld. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz bietet sichere Investitionsbedingungen. Deshalb gibt es hier auch keine
Finanzierungsprobleme. Etwas anders sieht es bei der Offshore-Windenergie aus. Die Anlagen kosten Milliarden und es bestehen relativ große technische und finanzielle Risiken. Diese Investitionen
muss man eventuell mit einer staatlichen Bürgschaft absichern.
Wo sehen Sie die Zukunft: Eher bei der dezentralen Energieversorgung oder bei großen Erzeugern?
Wir stehen auf Seiten der dezentralen Energieerzeuger und der Stadtwerke. Aber die Großen stellen sich um. Sie werden nach und nach in die Erneuerbaren Energien einsteigen, insbesondere,
wenn die Politik den Umstiegskurs jetzt forciert.
Bislang haben wir über Strom gesprochen, bei Energie geht es aber auch um Wärme und Verkehr. Wo sehen Sie da die Chancen?
Der größte Teil der Umstellung wird sich im Bereich Wärme vollziehen. Hier werden über die Hälfte der gesamten Energie verbraucht. Effizienzmaßnahmen und der Einsatz der Erneuerbaren stehen
hier erst am Anfang. Es stehen eine Menge an Technologien zur Verfügung, Wärmepumpen, Solarthermie, Holz oder Pellets, um nur einige zu nennen. Damit diese massenhaft zum Einsatz kommen, bedarf
es verlässlicher Rahmenbedingungen. Wir schlagen daher eine Erneuerbare-Wärme-Prämie vor, die auf den Verbrauch fossiler Brennstoffe als kleiner Aufschlag erhoben wird und über einen Fonds dann
die Umstellung von Privathaushalten auf Erneuerbare Energien unterstützt.







