Uwe Hück ist ein Mann, den man hört, bevor man ihn sieht. Durch die offene Tür seines Büros in der ersten Etage der Porsche-Zentrale in Stuttgart-Zuffenhausen brüllt er Namen von Leuten, die er sprechen möchte, jetzt, sofort. An Hücks Bürotür klebt ein gelber Zettel. Darauf steht ein Spruch von Erich Kästner: "Man kann sich auch an offenen Türen den Kopf einrennen." Die Tür von Uwe Hück steht meistens offen.
An diesem frühen Nachmittag ist der Betriebsratsvorsitzende von Porsche sauer. In der Produktion wurde vor wenigen Tagen mit dem Betriebsrat ein neues Qualifizierungsprogramm gestartet, weil Porsche sich auf die neuen Fahrzeuge vorbereiten will. Damit die Kolleginnen und Kollegen am Band rechtzeitig und vernünftig eingearbeitet werden, hat der Betriebsrat mit dem Vorstand einen langsameren Fließband-Rhythmus vereinbart. Doch am Morgen lief das Band wie immer. "Wir stoppen jetzt alles", ruft Uwe Hück in sein Telefon. "Wenn wir etwas vereinbaren, müssen sich alle daran halten." Es klingt wie ein Credo.
"Der Respekt für die Arbeit des anderen ist ganz wichtig", erklärt Hück, als er sich wieder beruhigt hat. Dafür braucht der 48-Jährige nicht länger als einen Augenblick. Jetzt sitzt er ganz
entspannt da, mit Weste, aber ohne Sakko, und fixiert sein Gegenüber durch eine randlose Brille. Respekt ist so etwas wie das Leitmotiv des bulligen Glatzkopfs. Er selbst musste sich den immer
wieder verschaffen. Nach dem Tod seiner Eltern wuchsen er und seine vier Geschwister in einem Kinderheim auf. Die Lehre als Autolackierer habe er nur deshalb gemacht, um der Enge des 8er-Zimmer
zu entgehen: Mit dem Jugendamt handelte der damals 15-jährige Lehrling ein Einzelzimmer aus.
Betriebsrat statt Weltmeister
Nach der Lehre schlug er einen ganz anderen Weg ein. Uwe Hück wurde professioneller Thaiboxer und zweifacher Europameister. Einer Karriere als Profisportler stand nichts mehr im Weg. "Dann
habe ich gemerkt, dass mich mein Manager bescheißt", erinnert sich Hück heute. Wenn er 2500 Mark für einen Kampf bekam, strich sein Berater 20 000 ein. Ungerechtigkeit ist etwas, das Uwe Hück
noch immer rasend macht. Um sich das nötige Geld für einen Kampf um die Weltmeisterschaft zu verdienen, heuerte Uwe Hück 1985 bei Porsche an. Er war damals 22. "Eigentlich wollte ich nur zwei
Jahre bleiben und dann nach Thailand gehen."
Doch Hück blieb - und stieg schnell auf. 1987 wurde er Vertrauensmann, 1990 Betriebsratsmitglied, 1997 dessen Vorsitzender. Seit 2002 ist er Vorsitzender des Porsche-Gesamtbetriebsrats, seit
2003 des Konzernbetriebsrats. Seit 2007 ist er stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Porsche SE und seit vergangenem Jahr auch der Porsche AG. Rund 13 000 Mitarbeiter im Porsche Konzern
vertreten er und seine Betriebsratsmitstreiter - und zwar mit Nachdruck. "Ohne Uwe Hück wäre Porsche nicht das, was Porsche heute ist", sagen seine Kollegen.
Boxtraining mit den Söhnen
Im großen Pausenraum einer Werkhalle sitzen sie zusammen und feiern das 25-jährige Dienstjubiläum eines ihrer Kameraden. Bier und deftiges Essen stehen auf dem Tisch. Als Uwe Hück den Raum betritt, johlen die Frauen und Männer. Der Betriebsratschef begrüßt jeden mit Handschlag. Die meisten kennt er mit Namen. "Wichtig sind drei Dinge", sagt er in einer kurzen Ansprache: "Kameradschaft, Kameradschaft, Kameradschaft." Dann muss Uwe Hück schon wieder weiter. Zeit zum Biertrinken bleibt nicht. "Ihr seid die Besten", ruft er den Kollegen zum Abschied zu.
"Ich brauche den Kontakt zu den Kollegen", sagt Hück. Immer wenn bei Porsche am Samstag gearbeitet wird, steht der Hüne am Werktor und verabschiedet jeden persönlich. "Du musst leben, was Du
sagst", fordert Hück von sich und von anderen. "Wenn Du basisnah bist, haben die Kollegen auch kein Problem damit, wenn Du Porsche fährst." Hücks Modell ist schnell, geleast und hat 480 PS.
Am Abend steht der Wagen vor einer Sporthalle in Pforzheim. Drinnen steht Uwe Hück in Shorts, T-Shirt und Beinschonern, umringt von etwa 20 Jugendlichen. Die jüngsten sind acht, die
ältesten Anfang 30. Auch zwei von Hücks Söhnen sind dabei. Lam Anh hat Hück einst aus demselben Waisenhaus adoptiert, in dem auch der Betriebsratschef aufwuchs. Vincent ist sein leiblicher Sohn
mit seiner chinesischen Frau Ming Chung. Lam Anhs Bruder Tuan Anh ist heute nicht dabei.
Diamanten in den Hauptschulen
"Versucht immer, kontrolliert zu sein", ruft Hück den Jungs zu, während sie durch die Halle laufen und sich Stoffstreifen um die Fäuste wickeln. Aus einer Box in der Ecke der Halle dröhnt "The
eye of the tiger", das Lied, das durch den Boxfilm "Rocky" bekannt wurde. Wie die von Sylvester Stallone verkörperte Figur haben auch viele der Jugendlichen hier einen Migrationshintergrund.
"Disziplin und Regeln lernst Du nur im Sport", hat Uwe Hück am Nachmittag in seinem Büro gesagt. In der Pforzheimer Sporthalle will er genau das vermitteln. Zweimal in der Woche trainiert er hier
die Jugendlichen im Thaiboxen. Sie gehören zum FSV Buckenberg, einem Sportverein mit rund 500 Mitgliedern, dessen Vorsitzender Hück ist.
"Ihr nehmt mich nicht ernst", herrscht er plötzlich zwei Jungs an, die sich nicht an seine Anweisungen gehalten haben. Zur Strafe gibt es 15 Kniebeugen für die ganze Gruppe. Klar, dass auch
der Trainer mitmacht. Schon nach kurzer Zeit glänzt der Schweiß auf Hücks rasierter Glatze.
"Die Jugend im Stich zu lassen, bedeutet eine Gefahr für die Demokratie", ist Uwe Hück überzeugt. Vor ein paar Wochen hat er in einem Interview vor "ägyptischen Verhältnissen" gewarnt, wo vor
allem junge Menschen gegen den Präsidenten auf die Straße gegangen
waren. "Der Aufschwung in Deutschland geht an vielen jungen Menschen vorbei. Sie sind von prekärer Arbeit besonders stark betroffen", klagt Hück. "Wir haben teilweise richtige Diamanten in
den Hauptschulen, reden sie aber schlecht." Porsche immerhin ist auch hier eine Ausnahme: 40 Prozent aller neu eingestellten Auszubildenden müssen Hauptschüler sein. Das hat der Betriebsrat
ausgehandelt.
Uwe Hück kümmert sich, im Großen wie im Kleinen. "Wie läuft es in der Schule?", will er nach dem Box-Training von einem der Jungs wissen. "Wie kommst Du nach Hause?"
Er unterstützte Gerhard Schröder
Auch von seiner Partei, der SPD, erwartet Hück wieder mehr Engagement im Kleinen. 1982 trat er ein, bewunderte Herbert Wehner und Willy Brandt. Im Wahlkampf 2005 unterstützte er Gerhard
Schröder und seine Reformpolitik. "Die SPD muss modern werden und dahin gehen, wo die Menschen Probleme haben." Und es muss ihr gelingen, wieder authentisch zu sein. "Wir müssen stärker die
Sprache sprechen, wo die Menschen verstehen", sagt Hück in seinem Schwäbisch. "Wenn ich in der Politik wäre, würde ich dafür sorgen, dass wir da wieder hinkommen." Dann öffnet er die Tür seines
gelben Porsche. Bevor er einsteigt, sagt er noch: "Und die Gefahr, dass ich in die Politik gehe, wird immer größer."







