vorwärts.de: Wie haben Sie den 26. April 1986 erlebt?
Wladimir Sednjow: Der 26. April 1986 war für mich ein ganz normaler Samstag. Meine Familie und ich haben diesen Frühlingstag in unserem Garten verbracht. Wir hatten keine Ahnung,
was in Tschernobyl passiert war. Erst eine Woche später haben wir von der Reaktorkatastrophe erfahren.
Was haben Sie erfahren?
Im Fernsehen habe ich gesehen, dass es einen Störfall im Atomkraftwerk in Tschernobyl gegeben hat. Dort wurde berichtet, dass zwei Menschen ums Leben gekommen sind und Arbeiter zur
Beseitigung der Schäden gesucht werden.
Hatten Sie Angst? Immerhin wohnten Sie nur ein paar hundert Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt.
Nein, ich wusste ja damals nicht, was der Unfall für uns bedeutet. Auch dass ich bei der Beseitigung der Schäden eingesetzt werden würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.
Ich arbeitete ja damals am Bau des neuen Atomkraftwerks bei Minsk mit - das übrigens nach der Katastrophe von Tschernobyl in ein Wärmekraftwerk umgebaut wurde.
Im September wurden Sie als Liquidator nach Tschernobyl geschickt, um mitzuhelfen, die Spuren der Katastrophe zu beseitigen. Wussten Sie, was Sie erwartet?
Ich wusste in groben Zügen, was in Tschernobyl auf mich zukommt. Bevor wir zum Kraftwerk abkommandiert wurden, wurden wir eingewiesen. Man hat uns gesagt, wir würden dasselbe tun wie auf
der Baustelle des Minsker Kraftwerks. Allerdings gab es keine Informationen darüber, welche Technik in Tschernobyl eingesetzt wird.
Wie sah Ihre Arbeit dann aus?
In Tschernobyl war ich Leiter einer Heizungsanlage und zuständig für die Wärmeversorgung. Sie war die einzige Wärmequelle, weil die übrigen drei Kern-Reaktoren nach der Explosion
abgeschaltet worden waren. Sie musste weiterbetrieben werden, um die Arbeit aller Dekontaminationsanlagen und wichtiger Einrichtungen wie etwa der Wäscherei sicherzustellen. Die Halle versorgte
alle wichtigen Gebäude mit Dampf und heißem Wasser.
Ich habe mit meiner Gruppe auch alle unterirdischen Rohrleitungen kontrolliert. Wir arbeiteten in Schichten rund um die Uhr. In jeder Schicht waren zehn Arbeiter eingesetzt. Eine Schicht
dauerte 14 bis 15 Stunden, zwei Stunden Transfer von der Wohnsiedlung eingerechnet. Als Schichtleiter habe ich die Arbeit des Personals koordiniert.
Wie waren Sie bei der Arbeit ausgestattet?
Wir trugen einen Schutzanzug aus Baumwolle, Schutzschuhe, weiße Kappen und Gesichtsmasken, die wir "Blütenblätter" genannt haben. Auch einen Schutzhelm hatten wir.
Haben Sie gesundheitliche Beeinträchtigungen von der Arbeit davongetragen?
Bei mir wurden bisher keine sichtbaren oder spürbaren Folgen der Arbeit festgestellt. Bei meinem Kollegen, der mit mir zusammen nach Tschernobyl abkommandiert wurde, ist das anders. Er lebt
heute mit einer transplantierten Niere. Mein Vorgesetzter, der einen Monat nach mir nach Tschernobyl kam, ist mittlerweile gestorben, woran weiß ich allerdings nicht.
Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie jetzt die Bilder aus Fukushima sehen?
Ich bin sehr besorgt und kann es nicht fassen, dass ein so hoch technisiertes Land wie Japan die Situation nicht meistern kann. Wenn ich die Bilder von dort sehe, muss ich unwillkürlich an
Tschernobyl zurückdenken. Es handelt sich zwar in beiden Fällen um unterschiedliche Reaktortypen, aber in Fukushima sind drei Reaktoren betroffen, in Tschernobyl war es nur einer - mit den
bekannten Folgen. Die Auswirkungen des Unfalls von Fukushima werden enorm groß sein.
Ende März sind in Deutschland 250 000 Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Nutzung der Atomenergie zu
demonstrieren. Wäre so etwas in Belarus denkbar?
Im heutigen Belarus ist solch ein Protest nicht vorstellbar. Unser politisches System unterscheidet sich gravierend vom deutschen. Deshalb ist es nicht möglich, dass bei uns so viele
Menschen für oder gegen eine Sache auf die Straße gehen.
Interview: Kai Doering
Wladimir Sednjow wurde 1957 im Gebiet Minsk geboren. Er arbeitete als Ingenieur im Wärmekraftwerk Swetlogorsk. In Tschernobyl war er zwischen September und November 1986 tätig.

Der Fotograf Rüdiger Lubricht hat Wladimir Sednjow für seinen
Bildband "Verlorene Orte. Gebrochene Biografien" (Peter Junge-Wentrup, IBB-Dortmund (Hrsg.) ISBN 978-3-935950-11-4, 25 Euro) porträtiert. Eine
Ausstellung mit Lubrichts Fotografien ist vom 14. April bis 29. Mai im Willy-Brandt-Haus in Berlin zu sehen.







