Die Reaktion der Nuklearindustrie, die 78 Prozent des Strombedarfs der Grande Nation deckt, zeigt, wie sensibel, misstrauisch und vorsichtig sie das AKW-Desaster im Norden
Japans verfolgt. Sarkozy hat als erster Staatsmann im März Tokio besucht. Auf Atomenergie, sagte der Präsident auf einer Pressekonferenz, könne auch künftig nicht verzichtet werden. "Wir sind
zum CO2-Abbau verpflichtet. Aber es gibt keine 150 Wege dahin, es gibt die Kernkraft", forderte der Franzose. Und: Derzeit gebe es zur Nuklearkraft keine Alternative.
Mehrheit der Meiler ist 30 Jahre alt
Der Vorsitzende der ASN (L´Autorité de Securité Nucléair"), André-Claude Lacoste, schlägt überraschenderweise Ausstiegstöne an. Zunächst gab er an, alle, also auch der Vorzeigemeiler EPR,
müssten auf den Prüfstand. Eine totale Sicherheitsgarantie gebe es auch bei der Anlage in Flamanville auf der nordfranzösischen Halbinsel Cotentin nicht. Der angesehene Atomexperte wurde
präziser: Bauteile des ERP sollten gestoppt werden, wenn sie später, nach den Ergebnissen der Stresstests, modifiziert werden müssen. In Klarschrift: Der im Bau befindliche Druckwasserreaktor
der 3. Generation müsse genauso kritisch auf den Bratrost wie die anderen 58 Blöcke. Am besten man unterbreche den Weiterbau. Lacoste zieht dabei seinen Jahresbericht 2010 heran, der soeben
veröffentlicht eine Fülle von Pannen, Zwischenfällen und Unzulänglichkeiten auflistet.
Was Lacoste darin beklagt liest sich so: Erstens sei der Stresstest wichtig. Darauf könne nach Japan nicht verzichtet werden. Zweitens: Es habe im vergangenen Jahr zwei Zwischenfälle der
Schwere Niveau 2 gegeben (die Skala umfasst Gefahrenziffern von 0 bis 7). Die beiden Pannen hätten sich in den AKWs Cadarache (Departement Bouches-du Rhone) und in Marcoule (Dep. Gard)
ereignet. Drittens: EDF, eine der drei AKW-Betreiber (die anderen beiden sind der Konzern Areva und Alstom) hat in 34 Blöcken mit je 900 MW Leistung Anomalitäten festgestellt. Details wurden
nicht mitgeteilt. Bei den Alt-AKWs seien Mängel in der Notstromversorgung aufgefallen. Viertens: Die Mehrheit der Meiler ist 30 Jahre alt. Welche um eine Laufzeit von weiteren 10 Jahren
verlängert werden, muss der Sicherheitscheck ergeben. Fünftens: Der Zustand der französischen Anlagen, so steht es im Jahresbericht der ASN, sei "ziemlich zufriedenstellend".
Fessenheim im Elsass schleunigst einstellen
Die Erkenntnisse von Monsieur Lacoste zeigen deutliche Zurückhaltung. Von ihm ist bekannt, dass er die Einarbeitung neuer Sicherheitsvorkehrungen verlangt. Zum Beispiel Gefahren durch
Sturmflut, Erdbeben, Meteoreinschläge und Terrorattacken. Einige AKWs, wie zum Beispiel Fessenheim am Rhein bei Straßburg, können theoretisch nur ein Beben der Stärke 6,2 auf der Richterskala
aushalten. Ob also Fessenheim schleunigst vom Netz genommen oder kräftig nachgerüstet werden muss, sagte André-Claude Lacoste nicht deutlich. Aber er weist daraufhin, dass er einer der
ältesten Meiler sei. 1977 gebaut will der staatliche Energieversorger EDF seine Laufzeit um 10 Jahre noch ausdehnen. Der Meiler ist indessen heftig umstritten. Gegen Fessenheim (zwei Blöcke mit
je 900 MW Leistung) demonstrierten Ende März über 10 000 Menschen. Etwa 200 Mill. Euro sollen in diesem Jahr für die Sicherheit investiert werden.
Am 2007 begonnenen Bau des ERP zu rütteln hat Atomspezialist Lacoste einige Rüffel eingetragen.Der AKW-Betreiber Areva will jeden Rückschlag vermeiden. Paris will seine internationale
Vormachtstellung in der Nukleartechnologie behalten. Sarkozy nahm auf vielen seiner Auslandsreisen Areva-Vertreter als Verkaufsmanager mit, darunter auch Firmenchefin Anne Lauvergeon, die für
einen Eklat sorgte, als sie nach der Katastrophe in Japan demonstrativ öffentlich verkündete, hätte Japan einen EPR gehabt, wäre es zu dem Desaster nicht gekommen. "Atom- Anne", wie sie in den
Pariser Medien ironisch genannt wird, hat mit ihrer flapsigen Bemerkung die Franzosen allerdings nicht sonderlich beeindruckt. Sie glauben, dass der EPR-Bautyp in Fachkreisen einen guten Ruf
hat: Finnland baut derzeit einen ERP-Reaktor (1600 MW) an der Westküste bei Olkiluoto. China und Indien sind an einem Kauf interessiert. Dass nun die Atomsicherheitsbehörde ASN auch den EPR in
dieStressprüfung einbeziehen will, gefällt Areva überhaupt nicht, aber die Öffentlichkeit denkt da anders.
Einen schnellen Ausstieg aus der Kernkraft wie Deutschland schließt die Pariser Regierung jedoch rundweg aus. Schon weil Sarkozy von einer sauberen Technologie spricht und diese folglich
Frankreichs Beitrag zum Klimawandel sei. Auch wenn dreiviertel der Franzosen nach der Umfrage für einen Ausstieg sind, sieht die Pariser Regierung jetzt deutlich - vor allem nach dem
japanischen Atom- und Umweltunglück - die öffentliche Akzeptanz schwinden. Der Konsens unter den Franzosen über den atomaren Nutzen scheint aufgekündigt zu sein. Experten sagen jedoch, man
solle erst einmal abwarten, was der Stresstest ergebe.







