vorwärts.de: Am kommenden Wochenende veranstalten Sie in Berlin einen
Tschernobyl-Kongress. Was gibt es zu dem Thema 25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe noch zu sagen?
Angelika Claußen: Der Name Tschernobyl steht für die folgenschwerste Reaktorkatastrophe des 20. Jahrhunderts. So wie Hiroshima und Nagasaki ist die Tschernobylkatastrophe eine
von Menschenhand gemachte Katastrophe. Von der Katastrophe waren und sind immer noch neun Millionen Menschen betroffen. Eine Fläche von mehr als 150 000 Quadratkilometern wurde kontaminiert. 400
000 Menschen mussten umgesiedelt werden. Immer noch ist eine genaue und umfassende Abschätzung der gesundheitlichen Folgen des Super-GAUs nicht möglich. Schuld daran ist die Geheimhaltungspolitik
der damaligen sowjetischen Behörden, aber ebenso die Tatsache, dass die Internationale Atomenergiebehörde IAEO ihr vorliegende Fakten und Daten über die Atomkatastrophe unterschlägt bzw.
verharmlost. So besteht bis heute Unsicherheit darüber, wie hoch die tatsächlich freigesetzte Menge des radioaktiven Inventars war. Die meisten Wissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass durch
den Tschernobyl Super-GAU 200 mal mehr Radioaktivität frei wurde als durch die beiden Atombomben in Hiroshima und Nagasaki.
Sie kritisieren, dass die Folgen der Explosion noch immer verharmlost werden. Wie kommen Sie darauf?
Erst vor kurzem, im Februar, hat die UNSCEAR (das wissenschaftliche Komitee der UNO zu den Folgen radioaktiver Strahlung Anm. d. Red.) einen Bericht zu den gesundheitlichen Folgen von
Tschernobyl veröffentlicht, in dem die Zahl der Tschernobylopfer auf weniger als 50 Tote und bisher etwa 6000 Erkrankungen an Schilddrüsenkrebs beziffert werden. Dem gegenüber stehen jedoch
andere Untersuchungsergebnisse, beispielsweise die des Biologen Alexej Jablokow, Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, über die gesundheitlichen und ökologischen Folgen von
Tschernobyl. Yablokov geht von 900 000 bis 1,8 Millionen Toten weltweit aus, die bis 2056 zu erwarten sind. Die UNSCEAR fokussiert in der Studie alleine auf die drei Tschernobyl-Staaten:
Russland, Weißrussland und die Ukraine, wo sich 36 Prozent der Strahlenbelastung von Tschernobyl ausgebreitet haben. Der größte Anteil der Strahlenbelastung, nämlich 53 Prozent, hat jedoch
Europa getroffen, wie die Messungen von DeCort aus dem Jahr 1998 für die EU belegen. Auch der enorme Anstieg der schweren Missbildungen, Fehlgeburten und Totgeburten, sowohl in der
Tschernobylregion als auch in Europa, wird von der UNSCEAR völlig ignoriert.
Heißt das, dass noch immer Menschen an den Folgen der Reaktorexplosion sterben?
Ja. Die Akte Tschernobyl kann nicht geschlossen werden. Viele Krebserkrankungen, die der Strahlenbelastung von Tschernobyl zuzurechnen sind, haben eine Latenzzeit von 30 Jahren und mehr.
Von den genetischen Veränderungen sehen wir in der ersten Generation nur zehn Prozent. Denn der genetische Schaden kumuliert in den darauf folgenden Generationen. Das ist eine Lehre, die wir aus
den wissenschaftlichen Forschungen über Tschernobyl ziehen müssen. Der Zeitraum, bis ein instabiles, radioaktives Spaltprodukt wieder stabil wird, beträgt im Übrigen die zehnfache Halbwertzeit.
Beim Caesium 137 wären das zehnmal 30 Jahre, also 300 Jahre.
Wie wirkt radioaktive Strahlung auf den menschlichen Körper?
Radioaktive Strahlung schädigt die lebende Zelle. Sowohl der Zellkern, der die genetische Information enthält, wird geschädigt als auch die Enzymsysteme, die für das Funktionieren der Zelle
verantwortlich sind. Wir sehen genetische Schäden wie schwere Missbildungen, Totgeburten und vermehrte Säuglingssterblichkeit. Darüber hinaus kann andauernde Strahlenbelastung, im
Niedrigstrahlenbereich zwischen Null und 500 Millisievert, zahlreiche Nichtkrebserkrankungen verursachen, z.B. Herz-Kreislauferkrankungen, vorzeitige Alterungsprozesse, Linsentrübungen,
Magen-Darm-Erkrankungen und Hirnschädigungen. Nicht nur nach Tschernobyl, sondern auch bei den Opfern von Hiroshima und Nagasaki wurden diese Nichtkrebserkrankungen nachgewiesen. Um hier eine
genauere Dosis-Wirkungsbeziehung aufzustellen müssen noch viele Forschungen betrieben werden.
Sie kritisieren auch die Zusammenarbeit zwischen Weltgesundheitsorganisation WHO und Internationaler Atomenergiebehörde IAEO. Was ist das Problem?
Die zentrale Mission der Internationalen Atomenergiebehörde besteht in der Förderung der Atomenergie. Es ist ihr Hauptauftrag, "die Nutzung der Atomenergie für Frieden, Gesundheit und
Wohlstand in der ganzen Welt zu fördern und zu verbreiten". Im Mai 1959 schlossen IAEO und WHO einen Vertrag. Darin verpflichtete sich die WHO, "bevor sie ein Forschungsprogramm oder eine
Maßnahme einleitet" zu Folgen radioaktiver Strahlung "die IAEO zu konsultieren, um die betreffende Frage einvernehmlich zu regeln". Damit unterwirft sich die WHO der einseitigen, Interessen
geleiteten Politik der IAEO, die sich für Nutzung und Verbreitung der Atomenergie einsetzt. Die Auswirkungen dieses Knebelvertrags sind seit Tschernobyl offensichtlich. Mehrfach hat die IAEO
bekannte Daten und Publikationen über die radiologischen Folgen von Tschernobyl unterschlagen und verharmlost. Ein Beispiel: Schon 1990 war bekannt, dass die Anzahl der
Schilddrüsenkrebserkrankungen bei Kindern um das 30-fache angestiegen sind. Trotzdem behaupteten die IAEO und die WHO 1991, also nur ein Jahr später, dass der Tschernobylunfall keinerlei
Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung gezeigt habe, abgesehen von den Todesfällen der Aufräumarbeiter infolge akuter Strahlenkrankheit. 2005 behaupteten WHO und IAEO auf ihrer
Pressekonferenz, es gäbe infolge von Tschernobyl nur 4000 zusätzliche Krebstodesfälle zu erwarten. Die Studie der renommierten Krebsforscherin Elisabeth Cardis, die dieser Presseerklärung
zugrunde lag, hatte jedoch von einer Spanne zwischen rund 10 000 und 20 000 Todesfällen gesprochen. Die aktuelle Publikation der UNSCEAR zum Thema nimmt fünf Jahre später nicht einmal diese
Originalaussage von Cardis auf. Das ist ein riesiger Skandal! Auch zur Atomkatastrophe in Fukushima hat die WHO in der ersten Woche völlig geschwiegen. Erst am 21. März äußerte ein
WHO-Sprecher in Peking vorsichtige Sorgen. Ein eigenes WHO-Team ist bis heute nicht vor Ort. Unabhängige Informationen zur Gefährdung der Bevölkerung durch radioaktiv belastete Nahrung oder zur
notwendigen Ausdehnung der Evakuierungszone fehlen.
Haben denn die japanischen Behörden angemessen auf die Katastrophe reagiert?
Nein, leider nicht. Sie sind mit der Bewältigung der beiden Katastrophen völlig überfordert. Was die nukleare Katastrophe betrifft, so haben sich die Behörden in ihrer Informationspolitik
bisher den Interessen der Betreibergesellschaft Tepco untergeordnet und sich von deren Willkür abhängig gemacht. Sie hätten sehr viel früher vom Betreiber unabhängige Messungen, z.B. durch die
IAEO, zusammen mit eigenen Strahlenschutzexperten und anderen Regierungen durchführen können. Seit geraumer Zeit empfiehlt die amerikanische Atomaufsicht schon, die Evakuierungszone auf einen
Raum von 80 Kilometer auszudehnen, weil erhöhte radioaktive Strahlung gemessen wurde und demnach die Gefahr von strahlenbelasteten Lebensmitteln in diesen Regionen besteht.
Empfinden Sie mit Blick auf die neue Reakorkatastrophe eine gewisse Genugtuung, da Sie vor ähnlichem immer gewarnt haben?
Nein, ich bin sehr bestürzt. Die Menschen in Japan sollten nach Hiroshima und Nagasaki keine zweite atomare Katastrophe verarbeiten müssen. Sie sind durch das schreckliche Ausmaß des
Tsunami ohnehin schwer traumatisiert. Die japanische Bevölkerung und die japanische Regierung brauchen jetzt die Hilfe von den Regierungen der reichen Industrieländer, um die Katastrophe für die
Bevölkerung besser bewältigen zu können. Ich hoffe, dass die Regierung die zahlreichen Hilfsangebote annahmen kann. Auf der Tagesordnung ganz oben steht jedoch weiterhin der weltweite Ausstieg
aus der Atomenergie. Ihr Anteil an der weltweiten Energieversorgung ist mit zwei Prozent marginal, die Welt kann auf Atomenergie problemlos verzichten. Dazu braucht es nur die notwendigen
politischen Schritte. Erster und wichtigster Schritt wäre, dass die IAEO ihren Satzungszweck, nämlich die Förderung der Atomenergie, kritisch überdenkt und realisiert, dass das nukleare
Zeitalter, also der Gebrauch von Atomkraft und Atomwaffen, endlich beendet werden muss.
Welche Folgen sind für Japan zu erwarten? Müssen Sie in 25 Jahren einen Kongress zum Thema "Fukushima" veranstalten?
Die Folgen des Atomunfalls in Fukushima sind noch längst nicht abzusehen. Die Katastrophe ist noch längst nicht unter Kontrolle gebracht. Noch Wochen und Monaten, vielleicht sogar noch nach
ein bis zwei Jahren, kann es nach Einschätzung von Reaktorexperten die Gefahr der erneuten Kernschmelze geben. Das Grundwasser ist bereits kontaminiert. Weder die Reaktoren, noch die
Abklingbecken für die Brennelemente konnten bisher ausreichend gekühlt werden. Immer neue Hiobsbotschaften über die Höhe von gemessenen Strahlenwerten kommen ans Licht. Alle diese Fakten zwingen
zum weltweiten Ausstieg aus der Atomenergie. Deutschland wird den Anfang machen. Spätestens in 25 Jahren sollte das letzte Atomkraftwerk weltweit abgeschaltet sein. Dringlich ist jetzt,
öffentlich zu diskutieren, wie wir den Umstieg auf Erneuerbare Energien, sowie klimafreundliches und nachhaltiges Wirtschaften auf den Weg bringen. Wir brauchen eine Wirtschaft, die eine Abkehr
von dem Fetisch des maßlosen Wachstums vollzieht. Und damit eine Wirtschaft, die Frieden und Kooperation unter den Völkern fördert.
Interview: Kai Doering
Dr. med. Angelika Claußen ist Strahlenschutzexpertin und ehemalige Vorsitzende der Deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in
sozialer Verantwortung e.V. Sie arbeitet als niedergelassene Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Bielefeld.
Der Kongress "25 Jahre Tschernobyl: Zeitbombe Atomenergie - Atomausstieg jetzt!" findet vom 8. bis 10. April in der "Urania" in Berlin statt. Diskutiert werden soll sowohl
über die Folgen von Tschernobyl als auch die weltweite atomare Bedrohung.







