Guido Westerwelle ist kein schlechter Politiker - und womöglich auch kein schlechter Mensch; das zu beurteilen kenne ich ihn zu wenig. Er hätte ein ganz famoser Parteivorsitzender werden können - und womöglich sogar ein guter Außenminister; wäre es in der FDP und dem Berliner Politikbetrieb so zugegangen, wie es sich gehört.
Nämlich so, wie es in allen Berufen bis vor kurzem zu Friedenszeiten üblich war: Man lernt - erst in der Theorie, dann in der Praxis -, übt, dient, kopiert, steigt auf, feiert Erfolge, macht Fehler, steckt Niederlagen ein. Die Sedimente dieser Erlebnisse nennt man Erfahrung. Sie ist unersetzlich, sichere Urteile treffen zu können; über Vorgänge, Vorschläge, Menschen.
Jeder Weg zur Weisheit führt über Erfahrung. Wer unseren Politikern diesen Weg verbaut, durch zu hohe, verfrühte Erwartungen, muss sich nicht wundern, wenn der Politik die Weisheit fehlt.
Politik ist, wie die Medizin, eine Erfahrungsprofession. Wer jungen Talenten übergroße Verantwortung auferlegt, bevor sie Gelegenheiten hatten, ausgiebig zu proben, zu üben und zu reifen, vergeudet Talente und schadet dem Beruf. In diesem Fall der Politik, also der Demokratie.
Wer jetzt die Lindners und Rösler und Schröders zu Höchstem berufen sieht, sollte sich ein Beispiel an Jürgen Klopp nehmen und an dessen Umgang mit dem 18-jährigen Mario Götze. Lasst den Jungen in Ruhe, erwartet nicht zu viel zu schnell, verdreht ihm nicht den Kopf! ruft "Kloppo" Wochenende für Wochenende den Reportern zu, die Helden sehen wollen und von Natur aus atemlos sind. Wo ist der Jürgen Klopp des deutschen Politikbetriebs, mindestens jedoch der FDP?
Ja, Politik braucht manchmal Schneid und Mut und Frechheit. Davon haben Junge mehr als Ältere. Erfahrung macht skeptisch und lehrt Vorsicht. Skepsis und Vorsicht werden in der Politik aber viel öfter benötigt als Schneid und Mut und Frechheit. Unbeherrscht losrennen, unter dem Jubel des Publikums, kann jeder, der sich traut. Gekonnt zu zaudern ist eine Fähigkeit, die mühsam erworben werden will.
Demokratische Politik ist die Kunst, Ideen kraft Überzeugung, Mehrheitsbildung, Ausdauer und Beharrlichkeit Wirklichkeit werden zu lassen. Guido Westerwelle hatte in seinem hastig vergeudeten politischen Leben keine Chance, sich in dieser Kunst zu bewähren. Es ist schade drum.







