Wie lernt der Mensch, wie lernt ein Volk? Lester Brown, der langjährige und welterfahrene Präsident des Worldwatch-Instituts verwendet dazu in seinem Büchern zum Plan B drei strategische
Metaphern: "Sandwich", "Berlin Wall" oder "Pearl Habour" - Lernen durch Kooperation, durch Interessenausgleich oder durch die Katastrophe.
Japan erlebt derzeit die Folgen einer multiplen Katastrophe: Erdbeben, Tsunami und Kernschmelze in Fukushima. Bei einem so lernwilligen Volk wie den Japanern wird, das kann man getrost
unterstellen, das Lernenwollen aus dieser Katastrophe groß sein - und dafür gibt es schon viele Anzeichen.
Das Erdbeben hat ein großes Maß an gemeinsamer Trauer und sozialer Hilfsbereitschaft bewirkt. Der Tsunami wird außergewöhnliche Anstrengungen zum Wiederaufbau hervorbringen, so wie es in
anderen Fällen historisch vielfach belegt ist. Kooperation und Interessenausgleich waren und werden dabei wichtige Leitprinzipien sein.
Energiepolitik auf Zickzack-Kurs
Doch was wird die Kernschmelze an Lerneffekten bewirken? Wird sie ein "Wunder der Erneuerung" hervorbringen, wie das nach dem Erdbeben von Yokohama und Tokio 1923, nach den
Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki von 1945, nach dem Erdbeben von Kobe 1965 der Fall war? Sie wird, insbesondere wenn sie länger anhält und auf andere Reaktoren übergreift, wenn es
zum Super-Gau kommt, hohe Kosten und großes Leid bewirken. Und sie hat schon zu einer Opferbereitschaft der besonderen und anderswo undenkbaren Art geführt: dem Einsatz von freiwilligen Helfern,
der mit Krankheit und Tod beglichen wird. Wird die Katastrophe von Fukushima aber auch bewirken, dass Japan - so wie nun in Deutschland diskutiert wird - schnell und zügig aus der Atomtechnik
aussteigt?
Viele können es nicht begreifen (und ich gehöre dazu), dass ein Volk, das die tödliche Gewalt der Atombombe erlitten hat, jemals in die so genannte friedliche Nutzung der Atomtechnik
einsteigen konnte, dass Atomkraftwerke in geologisch superaktiven Regionen gebaut wurden, ohne dass die Bevölkerung aufstand oder der oberste Gerichtshof des Landes Einhalt gebot. Dazu muss man
allerdings daran erinnern, dass die japanische Umwelt- und Energiepolitik von Anfang an von einem Auf und Ab geprägt war.
Einerseits wurde eine überdurchschnittlich hohe Energieeffizienz erreicht, andererseits wurde dies mit einer höchst einseitigen Energiestruktur erkauft. Einerseits wurden in bestimmten
Konfliktfällen in Rekordzeit technische Substitutionen vorgenommen und eine Umkehr der Beweislast verfügt, andererseits wurden in großer Trägheit und entgegen jeder Flexibilitätserfahrung
einseitige Strukturen zementiert.
Das Naheliegende wurde vernachlässigt
Als zu Beginn der 1970er Jahre die Luft in Tokio und anderen Großstädten des Landes lebensgefährlich versmogt war, wurde in kürzester Zeit von Kohle und schmutzigem Öl auf Gas und relativ
sauberes Öl umgestellt. Als die Verschmutzung von Luft, Wasser, Böden und Nahrungsmitteln ungewohnte Krankheiten hervorbrachte (wie Yokkaichi Asthma, Minamata und Itai-itai-Krankeit), wurden
Richter zu aktiven Umweltschützern. Doch der enorme Energiehunger der wachsenden Wirtschaft und die vermeintliche Ressourcenarmut des Landes brachte die weit reichende Verkrustung der
Energiestruktur hervor, die nahezu totale Verengung des Energiemix auf fossil-nukleare Energieträger.
Selbst das Naheliegende wurde vernachlässigt: die Nutzung der Erdwärme in einem Land, wo es überall sprudelt und die Badekultur mit Ofuro (Badezimmer) und Sento (Badehaus) hoch entwickelt
ist; die Entwicklung der Gezeitenenergie in einem Land, das vom Meer umgeben ist; die Nutzung der Sonne, die auch im "Land der aufgehenden Sonne" lange scheint; die Nutzung des Windes, der
kräftig, gelegentlich allerdings auch gewaltig bläst; die Nutzung der Biomasse, die von der Landwirtschaft, der Forstwirtschaft und von den Abfällen der Industriewirtschaft in großem Umfang
geliefert wird. Und dann die andere, die markante technische Flaute: Wie konnte es kommen, dass ein Land, das rund 30 Prozent der Weltproduktion an Halbleitern hervorbringt, sie nicht auch dort
einsetzt, wo es um die groß angelegte Diversifizierung der Energieversorgung gehen könnte: in der Photovoltaik?
Ein Atomausstieg wird lange dauern
Eines ist klar: Ein Ausstieg Japans aus der Atomtechnik dürfte wohl lange dauern. Er müsste aber nicht so lange dauern wie beispielsweise in Frankreich. Mit 55 Atomkraftwerken und gut 30
Prozent an nuklearer Stromversorgung sitzt Japan derzeit in der Falle. Ein Sofortausstieg wird kaum gelingen können. Die Kernschmelze in Fukushima wird in einigen, vielleicht sogar in vielen der
weltweit 32 Atomstrom-Länder das atomare Zeitalter beenden. Was aber wird, was kann in Japan geschehen?
So makaber es klingt: Die japanische Energiepolitik nach Fukushima dürfte vor allem vom Ausmaß der Katastrophe selbst abhängen. Zwar wird es ein Weiter-so auch in einem so risikoaversen
Land wie Japan nicht geben. Doch die energetische Transformation hängt nicht nur vom Lernenwollen, sie hängt auch vom Lernenkönnen ab!
Eine kraftvolle Anti-Atom-Bewegung fehlt
Wo eine kraftvolle Anti-Atom-Bewegung nicht existiert, müsste sie erst einmal entstehen. Wo politische Hierarchien stark sind, die Zivilgesellschaft aber schwach ist, haben es dezentrale
ökonomische und technische Innovationen schwer. Doch die drei in allen Überlegungen zur Zukunftsfähigkeit postulierten zentralen Strategien könnten praktisch zum Zuge kommen, auch und gerade in
einem Land wie Japan: Effizienz, Suffizienz und Konsistenz.
Alles vielmal besser machen, als es jetzt gemacht wird ("Faktor Vier"); vieles bescheidener angehen ("besser statt mehr") als bisher gewohnt oder über Jahrzehnte angewöhnt; den
industriellen Stoffwechsel nachhaltig machen ("Industrie in der Natur"), - diese Trias könnte zu einem attraktiven neuen Wohlstandsmodell in einem Land mit stolzer Geschichte und großer
Leid-Erfahrung werden.
Ob also die technisch und ökonomisch bedingte Katastrophe von Fukushima zu einer sozial und ökologisch begründeten Erneuerung des Landes, zu einer zukunftsfähigen Energieversorgung, einer
"grünen Transformation" Japans führen wird? Wir werden sehen.
Der Autor:
Udo E. Simonis, Professor Emeritus für Umweltpolitik am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), hat selbst mehrere Jahre in Japan gelebt.







