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„Wo bleibt die Revolution?“

Kai Doering • 30. March 2011

Revolutionär in Nadelstreifen: So stellt sich Jörn Kruse ein neues politisches System vor. Foto: Kai Doering
Revolutionär in Nadelstreifen: So stellt sich Jörn Kruse ein neues politisches System vor. Foto: Kai Doering

So also sieht ein Revolutionär aus. Im dunkelblauen Anzug und rot-weiß gestreifter Krawatte steht er am Rednerpult. Mit seinem gescheitelten Haar und der Power-Point-Präsentation im Rücken wirkt der Mann wie ein Uni-Dozent. Und das ist er auch. Professor Jörn Kruse lehrt Wirtschaft an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg. Normalerweise. An diesem Dienstagvormittag möchte er zu Revolution aufrufen.

Schuld sind die Macher des Magazins "agora42", das wirtschaftliche Vorgänge mit philosophischer Weltanschauung zusammenbringt. Vor ein paar Monaten haben sie einen Wettbewerb gestartet und darum gebeten, Konzepte für eine neue Gesellschaftsordnung zu entwickeln und sie an die Redaktion zu schicken. "Ich bin Revolution. Also sind wir" lautete der Titel.

Ständige Wahlen

Jörn Kruse ist einer von vier Revolutionären, die ihre Ideen in einem Hörsaal der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart vorstellen dürfen. Eine Jury hat sie ausgewählt Doch der Professor enttäuscht seine Zuhörer erst einmal. "Ich will keine blutige Revolution", zerstört er alle Bilder von brennenden Barrikaden und gestürmten Hauptbahnhof-Baustellen. Der Wirtschaftswissenschaftler setzt stattdessen auf eine "Reform der Demokratie" wie er sein Konzept überschrieben hat.

Die zentrale Rolle spielen darin die Bürger, die unablässig wählen dürfen - ein Parlament ohne Fünf-Prozent-Hürde, "parlamentarische Fachräte" zu verschiedenen Politikbereichen, die auch an der Gesetzgebung beteiligt werden, die Regierung, und zwar direkt, damit die besten Minister rekrutiert werden können, und schließlich einen "Senat" als parteienunabhängige Einrichtung, die alle staatlichen Institutionen mit Personal besetzt. Die Parteien kommen bei Kruse nicht gut weg: "Sie bestimmen alles, was passiert, weil sie über die Köpfe in den Gremien entscheiden", sagt er. Ihre Macht müsse radikal beschnitten werden.

Beim Publikum kommt er damit gut an. Es nickt zustimmend bei Kruses Sätzen. Auf den Stühlen sitzen viele jungen Leute, aber auch einige ältere. Eine Frau stellt sich mit dem Satz vor: "Wir kommen aus dem Stuttgarter Widerstand."

Die "Monetative"

Sie klatscht besonders laut als Christina Chondrogianni ihre Ideen für eine andere Gesellschaft vorstellt. "Der Staat muss wieder die Kontrolle über die Geldschöpfung und die Geldmenge übernehmen", fordert die grauhaarige Frau, die im normalen Leben Geologin ist. Um dieses Ziel zu erreichen, möchte sie eine "Monetative als vierte Staatsgewalt" einführen und "kein Gesetz ohne Zustimmung der Bürger" in Kraft treten lassen. Wie sie ihre Utopie umsetzen möchte, bleibt jedoch im Vagen. Wörter wie "irgendwie" und "irgendwelche" beherrschen ihren Vortrag, ein Schaubild erinnert mit seinen grünen Pfeilen an ein Urwaldbild.

"Ihr Anliegen übermalt ein bisschen die Logik", fällt so auch der Kommentar von Chondrogiannis "Sparringspartner" Ulf Schmidt aus. Der freundliche Mann ist bemüht, der engagierten Frau nicht weh zu tun.

Arbeit als Spaß

Weitaus konkreter präsentieren sich Gerhard Borck und Andreas Zeuch. Nicht umsonst trägt das Konzept der beiden Unternehmensberater den Titel "RealExperiment". Sie wollen in einem Unternehmen testen, wie die Rahmenbedingungen so geändert werden können, dass die Arbeit allen Angestellten Spaß macht. "Es ist haltloser Blödsinn, dass Spaß an der Arbeit und Wirtschaftlichkeit zumindest ab einer bestimmten Unternehmensgröße ein unvereinbarer Widerspruch sind", sind sie überzeugt.

Ihre Lösung heißt "spielerisches Arbeiten". Um ihr Konzept zu testen, wollen Borck und Zeuch eine kleine Gruppe Menschen "für drei bis fünf Jahre" mit Geld ausstatten, damit sie tun können, was sie wollen und so in einer Atmosphäre ganz ohne Druck kreative Ideen entwickeln. "Unser Konzept ist für den Schnäppchenpreis von 1,5 Millionen Euro zu haben", werben die Hörsaal-Revolutionäre in Stuttgart. Allerdings müssen sie zugeben: "So richtig revolutionär ist das Ganze nicht."

Und so bleiben auch am Ende des Tages die Mistgabeln im Schrank und die Revolutionäre friedlich. "Das Wünschenswerte wurde gesagt", lautet das Fazit des Ökonomen Birger Priddat. Er habe viel Anregendes gehört, wirkliche Visionen für einen neuen Staat seien jedoch noch nicht dabei gewesen. Priddat hat dabei das schwarze T-Shirt einer Zuhörerin in der ersten Reihe im Blick. In blutroten Buchstaben steht darauf eine Frage. "Wo bleibt die Revolution?"

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