Das verwundert, zumal der Grossteil der 104 Reaktoren auf US-amerikanischem Boden ähnlich alt und ein Viertel dieser Anlagen ähnlich gebaut sind wie die in Fukushima, und obwohl die vier Reaktoren in Kalifornien auf dem Ausläufer der gleichen tektonischen Platte stehen, die das Erdbeben in Japan ausgelöst hat. Es gibt einige plausible Antworten, aber keine, die wirklich befriedigt. Da ist zunächst das Argument, dass die USA nicht so sehr am Tropf des Atomstroms hängen wie Europa.
In den Vereinigten Staaten kommt nur zwanzig Prozent der Energie aus Atomstrom. Seit 1996 ist kein kommerzieller Reaktor mehr ans Netz gegangen. Doch das wird sich ändern. Bereits 2005 hatte George W. Bush mit dem Energy Policy Act den Weg für den Neubau von Kernkraftwerken geebnet. Zur Zeit liegen Pläne für knapp zwei Dutzend Reaktoren vor, und Obama hat sich als Befürworter von Nuklearenergie geoutet. Um die Abhängigkeit der USA von fossilen Brennstoffen zu mindern, setzt er verstärkt auf Atomstrom.
Atomlobby investiert Millionen
Die öffentliche Stille wird auch von den Netzwerken der Atomlobby befördert. Während in der vergangenen Woche Medien und Öffentlichkeit völlig bezugslos nach Japan blickten und allenfalls die Frage diskutiert wurde, ob die Wolke möglicherweise Hawaii oder Alaska erreichen würde, gaben sich in Washington die Atomlobbyisten die Klinke in die Hand. Fünf Tage nach dem Erdbeben hatte das Nuclear Energy Institute (NEI), eine der grossten Lobbyorganisationen der Atomindustrie, bereits Besprechungen mit 50 Mitgliedern des Repräsentantenhauses abgehalten. Insgesamt, so berichtet die Washington Post, hat das NEI seit 2008 mehr als 6 Millionen Dollar für die Lobbyarbeit verwendet. Ein wenig bekanntes Detail dieses Lobbyisten: Die Tokyo Electric Power Company, die die Fukushima Reaktoren betreibt, ist Mitglied im NEI.
Kaum investigativer Journalismus
Bürgerbewegungen, Aktivisten und die Medien könnten die Stille durchbrechen. Doch wenngleich die Vereinigten Staaten als Vorzeigeland einer gewachsenen Zivilgesellschaft gelten, gibt es im Vergleich zu Westeuropa wenig organisierte Mobilisierung gegen Kernenergie. Eine Grüne Partei, die wie in Deutschland innerparlamentarisch und öffentlich den Atomenergiestopp vorantreiben würde, hat im strikten Mehrheitswahlsystem der USA keine Chance. Und dazuhin leben wir hier in den USA inmitten einer Medienlandschaft, in der investigativer Journalismus von der Tagespresse kaum noch finanziert wird. Die Zeitungen in Kalifornien, die sich doch eigentlich mit dem Tanz der dortigen Bevölkerung auf dem tektonischen Vulkan beschäftigen müssten, kämpfen ums Überleben. Die Los Angeles Times, die grösste Zeitung in Kalifornien, hat in den vergangenen zehn Jahren über die Hälfte ihrer Mitarbeiter entlassen. Da bleibt nicht mehr viel Spielraum fuer eigene Recherchen.
Keine öffentliche Debatte
Zusammengenommen sorgen eine atomfreundliche Energiepolitik, anhaltender Insiderlobbismus, der mangelnde Druck der Gesellschaft und die schwache Medienberichterstattung dafür, dass eine öffentliche Debatte über die Folgen von Fukushima für das eigene Land nicht gelingt. Die grosse Stille hält an.
Sabine Lang ist Politikwissenschaftlerin und Professorin für Internationale Studien an der University of Washington/USA.







