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Icon   Henrike von Platen im Interview zum Equal Pay Day

Die Lohnlücke thematisieren

Birgit Güll • 25. March 2011

Aktion zum Equal Pay Day 2011. Ingrid Sehrbrock, stellvertretende DGB-Vorsitzende, in Berlin. Foto: Stefan Wiechmann
Aktion zum Equal Pay Day 2011. Ingrid Sehrbrock, stellvertretende DGB-Vorsitzende, in Berlin. Foto: Stefan Wiechmann

vorwärts.de: Frau von Platen, warum rufen Sie Frauen dazu auf, am 25. März rote Taschen zu tragen?

Henrike von Platen: Die rote Tasche symbolisiert die roten Zahlen im Geldbeutel von Frauen. Am 25. März ist Equal Pay Day, der Tag der Entgeltungleichheit. Frauen müssen, um das zu verdienen, was Männer am 31. Dezember eines Jahres haben, bis zum 25. März des Folgejahres arbeiten. Das ist die Lohnlücke von 23 Prozent, also der Unterschied zwischen den Gehältern von Männern und Frauen. Der soll am Equal Pay Day thematisiert werden.

Der Equal Pay Day 2011 steht unter dem Motto "Mannsbilder - Weibsbilder - neue Bilder!" Können Sie das erklären?

Das Thema Entgeltungleichheit ist extrem vielfältig. Man kann nicht alle Faktoren auf einmal abarbeiten. 2011 haben wir den Schwerpunkt Rollenstereotype herausgegriffen. Mit dem Motto "Mannsbilder - Weibsbilder - neue Bilder!" weisen wir darauf hin, dass die Rollenstereotype und ihre Auswirkungen eines der Grundprobleme sind. Es ist immer noch in den Köpfen, dass bestimmte Arbeiten von Frauen gemacht werden, andere von Männern. Typische Frauenberufe sind schlechter bezahlt als manche Männerberufe. Das passt eigentlich nicht mehr in die Zeit.

Wenn man sich aber in den Aufsichtsräten und den Chefetagen von großen Unternehmen umsieht, sind die fast frauenfrei. Ist Druck der Schlüssel zur Lohngleichheit?

Druck ist das eine. Transparenz das andere. Wenn Gehälter in Deutschland kein Tabuthema wären, wäre der Unterschied zwischen dem Verdienst von Männern und Frauen nicht so groß. Gehaltsverhandlungen erfordern ein gewisses Geschick. Der Verein "Business and Professional Women Germany" (BPW) will künftig auch Gehaltsverhandlungstrainings anbieten. Gleichzeitig: Was soll man verhandeln, wenn man gar nicht weiß, was man verdienen kann? Transparenz könnte man mit Druck erreichen. Das schließt nicht gleich die ganze Lücke, trägt aber dazu bei.

Der Verband "Business and Professional Women Germany" hat den Equal Pay Day 2008 in Deutschland initiiert. Sehen Sie seitdem eine Bewusstseinsveränderung?

Die Zahlen haben sich noch nicht geändert. Aber es wird wesentlich mehr über das Thema Lohnungleichheit gesprochen. Mehr Leute können sich unter dem Begriff Equal Pay Day etwas vorstellen. Zum ersten Equal Pay Day 2008 gab es Veranstaltungen in den großen deutschen Städten, ein paar Medien haben darüber berichtet. Das hat sich unglaublich gesteigert. Das ist sehr wichtig. Wenn das Thema in den Köpfen ist, dann führt das zu Veränderungen.

Der BPW hat als Teil eines Aktionsbündnisses eine Unterschriftenaktion gestartet, die bis 25. März läuft. Was versprechen Sie sich davon?

Wir wollen auf das Problem aufmerksam machen. Und wir wollen, dass die Politik sich damit auseinandersetzt. Mit einer Petition zwingt man Leute dazu, sich über ein Problem Gedanken zu machen. Wenn wir viele Unterschriften bekommen, sollen sie übergeben werden. Wir wissen noch nicht genau ob an eine Ministerin oder die Kanzlerin. Viele Unterschriften verstärken den Druck und zeigen, dass Menschen die Entgeltgleichheit einfordern.

Sie wollen Politiker ansprechen. Bei einigen Veranstaltungen zum Equal Pay Day, etwa am Brandenburger Tor, werden auch Politiker sprechen. Ist das ein Erfolg?

Ja, durchaus. Wir sind noch lange nicht am Ziel, aber jeder kleine Schritt ist ein Erfolg. BPW Berlin macht eine große Aktion am Berliner Alexanderplatz, von 12 bis 14 Uhr. Sie steht unter der Schirmherrschaft des Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit, der Wirtschaftssenator Harald Wolf kommt auch. Außerdem haben viele Politiker sich an der Unterschriftenaktion beteiligt: Frank-Walter Steinmeier, Cem Özdemir, Sigmar Gabriel, Manuela Schwesig, Klaus Wowereit, auf unserer Website kann man das sehen. Die verschiedenen Parteien fordern inzwischen Lohngleichheit.

Sind auch Politiker aus den Regierungsparteien unter den Unterzeichnern?

Ein Blick auf die Website sagt mir, Karl Schiewerling von der CDU und Miriam Gruß von der FDP sind darunter. Also jeweils eine Person. Besser als keine.

Zum Abschluss: Wie wichtig ist die Frauenquote?

Sehr wichtig. Der BPW steht hinter dem Thema. Im Grunde wollen wir eine paritätische Besetzung der Aufsichtsräte und Führungspositionen. Ohne Quote wird es nicht gehen. Die Selbstverpflichtung der Unternehmen hat die letzten zehn Jahre nicht funktioniert, warum sollte sie jetztfunktionieren? Eine rechtliche Regelung ist nötig.

Interview: Birgit Güll

Henrike von Platen, die Präsidentin des Netzwerks "Business and Professional Women Germany", Foto: BPW