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Icon   Warum es notwendig ist, (wieder) gegen die Atomwirtschaft zu demonstrieren

Kommt herunter, reiht Euch ein!

Uwe Knüpfer • 24. March 2011

14.3.2011: Sigmar Gabriel spricht bei einer Mahnwache vor dem Kanzleramt in Berlin
14.3.2011: Sigmar Gabriel spricht bei einer Mahnwache vor dem Kanzleramt in Berlin

Wir, die wir in den 1970er Jahren gelernt und halbwegs begriffen haben, was Kernenergie ist, was Restrisiko bedeutet, was eine Wiederaufbereitungsanlage tun soll und was unter Endlagerung zu verstehen ist. Später, im Angesicht von Tschernobyl, haben wir hinzugelernt, wie sich Becquerel von Millisievert unterscheiden und was damit gemeint ist, wenn von biologischer Halbwertzeit die Rede ist. Wir haben uns damals eine Meinung gebildet.

Nämlich: Atomenergie, so verantwortlich sie auch genutzt wird, enthält ein Restrisiko. Je kleiner das Restrisiko gehalten wird, umso teurer ist die Atomenergie. Wer ergo Atomenergie als preiswert verkaufen will, muss ein erhöhtes Restrisiko in Kauf nehmen. Und dieses Restrisiko ist, wenn der Risikofall eintritt, mit unkalkulierbaren Folgen behaftet, anders als bei jeder anderen Technik.

Zweitens: Die Atomwirtschaft hinterlässt gefährlich strahlende Abfälle, die hunderte oder gar tausende von Jahren streng zu bewachen sind; das sprengt jede Vorstellung. Das ist nicht zu verantworten. Basta.

Jetzt, rund drei Jahrzehnte und ein weiteres Desaster der Atomwirtschaft später, soll eine Regierungskommission nachholen, was uns braven Bürgern damals schon gelungen ist: sie soll sich eine Meinung bilden - stellvertretend für Regierung und Parlament. Erstaunlich, aber - um Fritz Teufel zu zitieren: wenn's der Wahrheitsfindung dient...

Was mich ärgert und veranlasst, diesen etwas besserwisserischen Text zu schreiben, ist nicht, dass die schwarzgelbe Bundesregierung so tut, als hätte das schreckliche Unglück in Fukushima Erkenntnisse zutage gefördert, die man nicht auch vor dem japanischen Seebeben schon hätte haben können, ja müssen.

Was mich ärgert und beleidigt, sind die Begleittöne. Sind Mahnungen wie: man dürfe sich jetzt bloß nicht von Emotionen leiten lassen. Oder: Die Debatte um die Zukunft der Atomindustrie müsse "ideologiefrei" geführt werden.

Ich hätte nichts dagegen, wären diese Mahnungen an die Bundesregierung und die Atomwirtschaft gerichtet. Sind sie aber nicht. Sie gelten den Atomkraftgegnern. Sie gelten mir. Sie unterstellen, wir, die wir uns in den 1970er Jahren oder vielleicht auch später eine Meinung gebildet haben, würden unseren Verstand nicht benutzen oder seien "ideologisch" ferngesteuert.

Das ist eine Beleidigung.

Denn das Gegenteil ist richtig. Wer denkt und wer rechnet, kommt zwingend zu dem Ergebnis, dass die Nutzung der Atomenergie volks- und globalwirtschaftlich nicht zu vertreten ist. Ganz gleich unter welchen ideologischen Vorgaben und in welchen Gegenden die AKW betrieben werden.

Betriebs- und individualwirtschaftlich, das räume ich ein, kann man zu anderen Ergebnissen kommen. Wer Tepco- oder RWE-Aktien hält oder auf Gehalts- und sonstigen Versorgungslisten der AKW-Betreiber steht, kann zu anderen Abwägungsergebnissen gelangen.

Was also zeigt uns das Gerede von "Emotionen" und "Ideologien"? Nichts anderes als dies: Die Atomwirtschaft ist aus der Betäubung, in die sie der Schlag von Fukushima momentan versetzt hat, erwacht. Sie macht mobil. Sie sammelt ihre Truppen wieder. Von Einsicht keine Spur. Sie wird auf Vergessen setzen, auf Gewöhnung, und sie will Atomkraftgegner als aufgeregte Spinner brandmarken, ausgrenzen, marginalisieren. Ganz wie in den 1970er und 1980er Jahren.

Das ist ihr damals nicht gelungen. Das darf ihr jetzt erst recht nicht gelingen. Ich werde am Samstag demonstrieren gehen - und hoffe, Sie zu treffen.

Demonstrieren Sie mit! Viele Organisationen rufen für kommenden Samstag, den 26. März, zu vier Großdemonstrationen in Berlin, Hamburg, Köln und München auf. Nach Fukushima kann es nur eine Konsequenz geben: Atomkraft abschalten! Mehr Informationen unter http://anti-atom-demo.de Aufruf der SPD unter www.spd.de
Aufruf des Deutschen Gewrkschafstbundes (DGB) unter www.dgb.de

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