So sorgfältig wird wohl selten ein Kaffee serviert. Mit beiden Händen trägt Jens Lüttensee das kleine Tablett mit Kännchen, Tasse, Milch und Zucker zum Tisch. Mit größter Konzentration platziert er es. Ein paar Minuten später die freundliche Nachfrage: "Wollen Sie einen Kaffee - noch?" Er erzählt: "Ich arbeite, im Service, so gerne im Hotel." Den Satz auszusprechen erfordert seine ganze Aufmerksamkeit. 18 Jahre sei er schon dabei, "von Anfang an". Freude schwingt darin mit und der Stolz, etwas zu leisten.
Auf dem Flur schiebt Clemens Paschen einen Wagen mit Reinigungsmitteln vorbei. Es ist kurz nach neun am Morgen, der Zimmerservice beginnt seinen Dienst. Mit dabei ist auch "Henry", der Staubsauger mit dem aufgemalten Gesicht. "Was zwei Augen hat, wird sorgfältiger behandelt", sagt Süster Eichler. Die Hotelbetriebswirtin ist Managerin im Stadthaushotel Hamburg. Ein Job mit Fingerspitzengefühl, denn die Mehrzahl ihrer Mitarbeiter ist geistig behindert. Hinzu kommen Gehörlose und psychisch Behinderte.
Die Idee für das Integrationshotel geht zurück auf die Initiative von Eltern, die Ende der 80er Jahre ihren acht unterschiedlich stark behinderten Kindern
eine dauerhafte Verbindung von Arbeiten und Wohnen ermöglichen wollten. Die Eltern wünschten sich zudem, dass ihre Kinder ihre Stärken öffentlich zeigen können. Sie gründeten ein Hotel mit
sechs Zimmern und Wohngelegenheiten für ihre Kinder. Ende der 90er übernahm der Verein "Jugend hilft Jugend" die Trägerschaft für das Hotel und erweiterte es von sechs auf 13 Zimmer. Sieben davon
sind rollstuhlgerecht, auf den Fluren gibt es Schalter, mit denen Rollstuhlfahrer die Türen öffnen können.
"Das Stadthaushotel ist kein Behindertenhotel, sondern ein Hotel, in dem Menschen mit Handicaps arbeiten und Gäste mit und ohne Handicaps willkommen sind", sagt Kai Wiese. Er ist
Vorstandsvorsitzender von "Jugend hilft Jugend". Der Verein engagiert sich seit 1970 in der Jugend-, Behinderten- und Suchthilfe in Hamburg. "Die Gäste sollen nicht aus Mitleid hier übernachten,
sondern weil wir ein gutes Produkt anbieten." Und die Gäste kommen. Die Auslastung liegt bei 80 Prozent.
Integrativer Kontrapunkt
Das macht Mut, das Projekt nun im Großen anzupacken. "Drei Sterne für Hamburg: Fünf Sterne für die Menschlichkeit" - das ist das Motto des künftig größten integrativen Hotelprojekts in
Europa. "Stadthaushotel Hafencity Hamburg" soll es heißen. Es liegt in unmittelbarer Nähe zur Speicherstadt und dem neuen Kreuzfahrtterminal. 2013 soll es fertig sein - in der
"Schönen-und-Reichen-Wüste" ein Kontrapunkt mit 80 barrierefreien Zimmern. "Jugend hilft Jugend" ist Initiator des 13-Millionen-Projekts, wird es betreiben und finanziert es mit Unterstützung der
Stadt sowie privaten Spendern. 40 der 60 Arbeitsplätze sollen Menschen mit Behinderungen erhalten, die auf dem regulären Arbeitsmarkt kaum eine Chance haben.
"Menschen mit Handicaps sind Bürger dieser Stadt. Sie gehören dazu, auch wenn sie anders sind", sagt Kai Wiese. Dass das nicht selbstverständlich ist, zeigt die Zahl der Arbeitslosen. Sie ging
im Juli 2010 im Vergleich zum Juli 2009 um 7,8 Prozent zurück. Bei den schwerbehinderten Arbeitslosen stieg sie hingegen im gleichen Zeitraum um 4,4 Prozent. Parallel dazu gibt es "einen
regelrechten Run auf die Werkstätten für Behinderte", sagt Silvia Schmidt, die Behindertenbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion. 2003 arbeiteten in den Werkstätten 235 756 Menschen. Derzeit sind
es 285 000 in knapp 700 Werkstätten bundesweit.
Mühsamer Weg zur Normalität
Werkstätten bieten Menschen eine Beschäftigung, "die wegen Art oder Schwere der Behinderung nicht, noch nicht oder noch nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt werden
können". So steht es im Sozialgesetzbuch IX. Erreicht werden müsse jedoch die Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt, sagt Silvia Schmidt: "Ziel muss sein, die Kompetenz der Werkstätten
verstärkt auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt einzusetzen, damit die Menschen die Chance haben, ihren Lebensunterhalt mit Arbeit zu verdienen, so wie es die UN-Behindertenrechtskonvention fordert."
Viele Vorbehalte, viel Unwissen
Genau das ist die Schwierigkeit. "Es gibt viele Vorbehalte gegenüber Menschen mit Behinderungen, weil die Unternehmen nicht wissen, was auf sie zukommt", sagt Guido Handschug. Er ist
Bereichsleiter Integrationsmanagement der Berliner Werkstätten für Behinderte (BWB), der größten Behindertenwerkstatt in Berlin und kennt die Fragen von Unternehmern. Darf man einen Menschen, der
geistig behindert ist, kritisieren? Und wenn ja, wie?
Solche Fragen zu beantworten und Vorbehalte abzubauen, ist der Job von Handschug. Finanziert werden die Werkstätten u.a. von den Sozialhilfeträgern, der Unfall- und Rentenversicherung sowie der Bundesagentur für Arbeit. Die BWB kooperiert mit einem Netz von Firmen - vom Baumarkt über einen Sportwagenhersteller bis zur Lackiererei und Altenpflegeeinrichtung - um für Werkstattbeschäftigte, die auf dem freien Arbeitsmarkt vermittelbar sind, einen sozialversicherungspflichtigen Dauerarbeitsplatz zu finden. "Wir versuchen herauszufinden, wo die Wünsche, Interessen und besonderen Fähigkeiten der Behinderten sind. Dann suchen wir eine passende Stelle." Das BWB-eigene Bildungssystem mit über 220 Kursen kann bei Bedarf die Mitarbeiter für die Aufgabe fit machen.
Im Stadthaushotel Hafencity sollen auch 20 Menschen arbeiten, die in Werkstätten beschäftigt sind. Damit auch sie die Chance auf gesellschaftliche Anerkennung bekommen. "Wir werden ein tolles Hotel machen, in dem jeder sich wohlfühlen kann", sagt Kai Wiese und fügt hinzu: "Hier kann man mitten in der Hafencity übernachten, ohne dafür ein halbes Monatsgehalt auszugeben."
Menschen mit Behinderung in Deutschland
7,1 Mio.
Zahl der Schwerbehinderten Ende 2009
8,7 %
Anteil der Schwerbehinderten an der Gesamtbevölkerung







