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Icon   Rezension; Klaus Vater: „Am Abgrund“

Ein Kommissar im Treibsand

Gunter Lange • 29. March 2011

Foto: Jaron Verlag
Foto: Jaron Verlag

Im Sommer 1934 brummt es in Berlin: Großbaustellen künden in der Reichshauptstadt von Prosperität, auf den ersten Blick jedenfalls. Im Westen entsteht das Reichssportfeld mit dem Olympiastadion, in der Stadtmitte ein mehrere Kilometer langer S-Bahn-Tunnel. Nahe dem Stettiner Bahnhof bricht im Juni in der Tiefe eine Spundwand ein. Hereinströmender Fließsand begräbt etliche Arbeiter, für die jede Rettung zu spät kommt. Sabotage heißt es.

Ein Zimmermann aus der Eifel, von SA-Leuten auf der Baustelle als "nicht arisch" etikettiert, gerät unter Verdacht. Ein Fall für einen kurzen Prozess? Kommissar Hermann Kappe ermittelt. Er wird zu einem raschen Abschluss gedrängt, bekommt aber Zweifel an der Schuld des Zimmermanns.

Im nationalsozialistischen Berlin

Der Krimi ist der dreizehnte Fall des Kommissars. Für seinen ersten Auftrag schickte die Reihe "Es geschah in Berlin" ihren Helden ins Jahr 1910. Es galt den Fall eines ermordeten Streikbrechers zu lösen. Der neue Band spielt 1934. In Kappes penibles kriminalistisches Handwerk mischt sich zunehmend die Politik ein. Seine Ermittlungen über die Katastrophe im S-Bahntunnel führen Kappe in politischen Treibsand, mitten in die Rivalität zwischen SA und SS und in einen Machtkampf im Polizeipräsidium.

Täglich muss er sich fragen, wem er in seiner Umgebung noch trauen kann. Kappe hält Distanz zu den Nationalsozialisten, vermeidet den Hitler-Gruß. Der neuen Polizeiführung ist er politisch nicht zuverlässig genug. Die zeitgeschichtliche Szenerie am Vorabend des "Röhm-Putsches" wird vom Autor präzise ausgeleuchtet. Klaus Vater beschreibt das politische Klima in Berlin nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, zwischen Hakenkreuzfähnchen schwenkenden Hitler-Anhängern, Abwartenden und Skeptikern.

Krimi und zeitgeschichtlicher Rückblick

Er fügt authentische Figuren hinzu, wie den legendären Berliner Kriminalrat Ernst Gennat, den Nazi-Gegner Erich Klausener, NS-Größen wie Hermann Göring und Heinrich Himmler. Der lesenswerte Roman ist eine gelungene Mixtur aus Krimi und zeitgeschichtlichem Rückblick.

Zum Konzept dieser Reihe von Kriminalromanen gehört es, dass die Autorinnen und Autoren wechseln. Der Autor des aktuellen Falls, Klaus Vater, ist gelernter Politikwissenschaftler und Journalist, wissenschaftlicher Assistent in der SPD-Bundestagsfraktion, ab 2000 Sprecher des Bundesarbeitsministeriums, später des Bundesgesundheitsministeriums. Zu Beginn seiner journalistischen Tätigkeit, in den siebziger Jahren, war er vorwärts-Redakteur.

Klaus Vater: "Am Abgrund" aus der Reihe "Es geschah in Berlin", Kappes 13. Fall, Jaron-Verlag, Berlin 2011, 189 Seiten, 7,95 Euro, ISBN 978-3-89773-655-9

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