Nach seiner Emeritierung 2002 hat Negt sich nicht wirklich zur Ruhe gesetzt. Er versucht weiter sein Credo von der notwendig zu erlernenden Demokratie mit Vorträgen und neuen Publikationen umzusetzen. Beispielhaft dafür ist das im vergangenen Jahr erschienene Buch "Der politische Mensch", in dem er untersucht wie der Mensch politisch wird. Für Negt ist der politische Mensch nicht einer der die Machtmechanismen beherrscht. Es ist der sich für das Gemeinwohl engagierende, ins Geschehen eingreifende informierte Bürger.
Kein bloßes Verwalten
Politische Bildung für den Erhalt der Demokratie, das hört sich einfach an. Es stellt in Konsequenz aber manches, das grundsätzlich anmutet in Frage. Negt kritisiert, dass nur noch verwaltet werde, statt das Verwaltete auf den Prüfstand zu stellen.
Professionalität des Führungspersonals gilt in aller Regel als etwas Wünschenswertes und wird eher vermisst als beanstandet, soll das Getriebe funktionieren. Aber hier geht es eben um mehr als um das bloße Funktionieren. So reicht Negt die fachliche Professionalität der Politiker nicht aus. Nicht nur nach dem Machbaren und seinen Funktionsmöglichkeiten soll verlangt werden. Es gelte Zukunftsvorstellungen zu entwickeln. Die Demokratie bedarf laut Negt eben auch der Utopie.
Wie und mit wem
Die Spaltung der Gesellschaft, in der ein Drittel der Bevölkerung faktisch "abgehängt" sei, ein weiteres Drittel in prekären Arbeitsverhältnissen stehe, könne zum Nährboden des Rechtsradikalismus und damit zu einer Gefahr für die Demokratie werden. Negt geht in seinem Buch der Frage nach, was die politische Urteilskraft und das politische Handeln aller fördert. Denn das sei die Basis für zukunftsträchtiges demokratisches Leben.
Am Beispiel von geschichtlichen Beispielen wird die These vom notwendigen Erlernen der auf Dauer nicht geschenkten Demokratie untermauert. Die griechische Polis, die römische res publica, die Suche nach den Wurzeln des aufklärerischen Denkens Immanuel Kants - das sind einige der Stationen, an Hand derer das Buch analysiert, wie in verschiedenen Phasen das Leben des Staates durch die Bürger selbst organisiert wurde.
Kleine Geschichte der Philosophie
Negt bezieht sich nicht nur auf den großen Aufklärer Kant und die griechischen Klassiker. Sein Buch ist eine Bildungsgeschichte, in der man sich über die Entwicklung von Weltanschauungen informieren kann. Das Entstehen grundsätzlicher Rechtsnormen wird ebenso dargestellt wie die Geistesgeschichte in Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Umbrüchen. Vor diesem Hintergrund beschäftigt Negt sich mit Gegenwärtigem: Wo längst errungene Rechtsnormen verletzt werden (Guantanamo), macht der Autor die Normverletzung deutlich.
Immer wieder kritisiert Negt das Fehlen von Utopien: Wo nur noch wirtschaftliche Standortfragen und Marktmechanismen diskutiert werden, würde die Demokratie vernachlässigt und "die genuinen Demokraten immer weniger". Die Demokratie sei in der Gegenwart gefährdet.
"Zur Aufklärung gibt es keine Alternativen, und in diesem Sinne ist Bildung der Urteilskraft und Selbstdenken das Einzige, wodurch das Elend der dogmatischen Kriege, im Denken genauso wie in der Wirklichkeit, zu verhindern ist", schreibt Negt in Anlehnung an die Kantschen Maximen. Nur der autoritär und militärisch geprägte Staat wolle den ruhigen Bürger, der sich nicht für den Staat interessiere. Damit hat Negt wohl Recht.
Oskar Negt: "Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform", Steidl Verlag, Göttingen 2010, 585 Seiten, 29,00Euro, ISBN 978-3-86521-561-1







