vorwärts.de: Menschenwürdige Arbeit, decent work - in der internationalen Agenda taucht dieses Wort häufig auf. Wie ist es dazu gekommen?
Eva Senghaas-Knobloch:
Die
Internationale Arbeitsorganisation (ILO), eine Organisation der Vereinten Nationen, will mit dieser Forderung erreichen, dass die
Menschen überall auf der Welt unter menschenwürdigen Bedingungen, für eine angemessene Bezahlung arbeiten und das Recht haben, sich gewerkschaftlich zu organisieren.
Man hat den Eindruck, es wird sogar hierzulande immer schwieriger, würdige Arbeit unter würdigen Bedingungen zu bekommen. Woran liegt das?
Der Arbeits- und Sozialschutz ist in Folge der Liberalisierung der Wirtschaft weltweit geringer geworden. Die große Finanzkrise 2008 hat diesen Zusammenhang noch einmal verdeutlicht, vor
allem in Ländern wie Irland, Island oder Großbritannien.
Wo wurde der Arbeits- und Sozialschutz gelockert?
Das ist unter anderem ein indirekter Prozess: Wir haben z.B. immer mehr Menschen, die als Alleinselbstständige arbeiten und daher z.B. nicht für Zeiten der Krankheit oder im Alter
abgesichert sind. Die Zahl der befristeten Beschäftigungsverhältnisse hat stark zugenommen. Diese Menschen haben keine sichere Beschäftigung. Es gibt mehr Teilzeitarbeit. Die kann zwar
unbefristet und sozialversicherungspflichtig sein, führt aber zu Armut im Alter. Das betrifft besonders die Frauen. Frauen sind zudem sogar oft nur geringfügig, d. h. ohne Sozialversicherung und
zu sehr geringen Löhnen beschäftigt. Im IT-Bereich und in der Kreativwirtschaft wird zum Teil sehr gut verdient. Aber wegen der vielen Stunden und des hohen Leistungsdrucks setzen hier die
Mitarbeitenden ihre Gesundheit aufs Spiel. Viele der dort Beschäftigten sagen, sie wissen nicht, wie sie das ein Arbeitsleben lang durchhalten sollen. Der stete Anstieg der Burnout-Erkrankungen
spricht Bände.
In der Industrie gibt es starke Gewerkschaften. Bei Dienstleistungen wird es schon schwieriger. Wie soll eine umfassende Reform erreicht werden?
Kollektive Interessenvertretung ist unverzichtbar. Die ILO ist zum Beispiel dabei, zum ersten Mal ein Übereinkommen für Hausangestellte zu verabschieden. In den westlichen Ländern
verschieben wir das Problem der häuslichen Pflege auf andere Länder. Wir holen uns von dort Frauen und schaffen dort wiederum Lücken in der Sorgekette. Wir müssen das Problem hier bei uns lösen,
sowohl durch gute Beschäftigungsbedingungen als auch durch innovative Ideen zur Förderung von ehrenamtlicher Arbeit oder Nachbarschaftshilfe.
Ist "decent work" nicht vor allem abhängig von der Konjunktur? Wenn Arbeitskräfte knapp sind, können sie auch besser verhandeln.
Wo Fachkräfte gesucht werden, machen Unternehmen Konzessionen, die vordem undenkbar waren. Aber das gilt nicht für alle Bereiche. Auch in der Pflege werden Fachkräfte gesucht. Aber man will
nur eine gewisse Summe zahlen und bekommt sie deshalb nicht oder aber sie verlassen die Pflegeeinrichtung oder gar den Beruf schnell wieder. Wir brauchen auch in der Pflege ein Branchenentgelt,
wie es das in der Metall- oder Chemieindustrie gibt und das über dem Mindestlohn liegt.
Wird es für die junge Generation besser?
Das glaube ich nicht, weil das Umfeld dieser jungen Menschen von Turbulenzen und Umbrüchen geprägt ist. Für einzelne Individuen ist es schwer, sich z.B. gegen destruktiv lange Arbeitszeiten
zu wehren. Solange die Politik sagt: Beschäftigung, sozusagen um jeden Preis, und nicht: Menschenwürdige Arbeit, steht diese Generation vor außerordentlichen Herausforderungen.
Aber die Jungen sind wenige. Die Unternehmen müssten sich doch um sie reißen?
Es gibt immer und überall einige Unternehmen, die sagen: Wir brauchen ein gesundes gesellschaftliches Umfeld und wir engagieren uns dafür. Aber wir brauchenein weltweit anerkanntes
Regelsystem, auch zur Unterstützung dieser Unternehmen.
Wann wird daraus eine Bewegung?
Das können auch Soziologen nicht voraussehen. Aber es ist ganz spannend zu sehen, was in Ägypten oder Tunesien passiert. Das hätte vor kurzem noch niemand vorausgesagt. Es könnte ja sein,
dass sich durch die Veränderungen im Süden auch hier einige Menschen besinnen und über Solidarität anders nachdenken.







