vorwärts.de: Herr Danoilić, Ihr Werk umfasst mehr als 40 Romane und Gedichtbände. Wie politisch ist Ihr Schreiben?
Milovan Danoilić: Es ist so politisch, wie es nötig war und ist. Ich beschäftige mich mehrmals in der Woche mit politischen Themen, ohne Politiker zu sein - ebenso, wie ich auf den Markt gehe, ohne Händler zu sein. Der Roman "Mein lieber Petrović", der vor kurzem in das Deutsche übersetzt worden ist, ist in dieser Hinsicht sehr repräsentativ für mein Gesamtwerk. Darin geht es um einen Auswanderer, der aus dem amerikanischen Exil nach Serbien zurückkehrt und einem Freund über seine Eindrücke berichtet. Er ist sowohl begeistert von seiner Heimat als auch entsetzt.
Wie beurteilen Sie das heutige Serbien?
Ich sehe es ähnlich wie die Hauptfigur im Roman. Einerseits bin ich entsetzt von der politischen Wirklichkeit, andererseits liebe ich das Land, die serbische Sprache und die Eigenheiten des Volkes.
Spielt die politische Zensur heute noch eine Rolle in Serbien?
Nein, öffentlich ganz sicher nicht. Aber es wird sehr stark auf politische Korrektheit geachtet. Viele Autoren beachten diese unausgesprochenen Gesetze, andere hingegen, die gegen die vorherrschenden Regeln schreiben, werden schnell zu Außenseitern, bekommen in der Öffentlichkeit ein schlechtes Image und geraten insgesamt in eine schwierige Lage. Es ist heute schlimmer als unter Tito, da mehr öffentlicher Druck ausgeübt werden kann.
Sehen Sie sich als ein solcher Außenseiter?
Ja, aber ich möchte mich nicht herausstellen. Ich wurde angefeindet, bedroht und vorgeladen, nie aber gefoltert. Unter den Kommunisten war die Zensur jedoch wesentlich eindeutiger als im heutigen Serbien. Damals wurde gelegentlich eines meiner Bücher verboten und anschließend kam ein Polizist zu mir und entschuldigte sich. "Es musste leider sein", meinte er und fragte, ob ich deshalb materielle Probleme hätte. Die heutigen Politiker fühlen sich überhaupt nicht verantwortlich für die Künstler. Sie leben den Kapitalismus in einer sehr rauen Form.
Sie leben seit 27 Jahren in Frankreich. Fühlen Sie sich im Exil oder in einer zweiten Heimat?
Inzwischen habe ich die französische Staatsbürgerschaft angenommen, habe viel von ihrem Brot gegessen und viel von ihrem Wein getrunken. Ich habe in Poitiers Serbisch gelehrt und kann dort in Ruhe arbeiten. Meine Kinder sind in Frankreich geboren worden.
Aber trotzdem fühle ich mich dort als Ausländer. Ich möchte nichts Negatives über Frankreich sagen, weil ich den Franzosen viel verdanke. Aber wenn ich fünf Stunden serbische Worte in meine Schreibmaschine tippe und anschließend auf die Straße gehe, fühle ich mich sehr fremd.
Wie werden Sie im heutigen Serbien wahrgenommen?
Ich werde immerhin verlegt (lacht). Ich war nie ein Modeschriftsteller, sondern immer nur eine interessante Randfigur. Mein Publikum war der Mittelstand, aber der ist im Kapitalismus verarmt. Und so ist der Rand heute verödet und verwaist. Eine neue Generation von Schriftstellern ist herangewachsen - ich sage das ohne jede Empörung oder Trauer, denn meine wirtschaftliche Lage ist nicht schlecht. Aber es gibt ein serbisches Sprichwort: "Aus den Augen, aus dem Herzen."
Wie sieht diese neue Generation von serbischen Schriftstellern aus?
Sehr unterschiedlich. Einige Autoren sind ausgezeichnet, sind sich der schwierigen Lage der serbischen Gesellschaft durchaus bewusst und schreiben darüber. Und dann gibt es zahlreiche Opportunisten ohne moralische Skrupel, die brav nach den Vorstellungen der herrschenden Politiker schreiben. Und diese Zensur des Zeitgeistes ist es, wovon ich zu Beginn des Gespräches sprach.
Welche Wirkung erhoffen Sie sich von der Buchmesse für Serbien?
Keine. Es handelt sich hierbei nur um bürokratische Konventionen, die zwar die Beziehungen zwischen Deutschland und Serbien verbessern können, nicht aber zur Förderung der serbischen Kultur beitragen werden.
Herr Danoilić, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview wurde durch die Dolmetscherin Gudrun Krivokapić vermittelt.







