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Es darf gerätselt werden

Renate Faerber-Husemann • 15. March 2011

Strahlende Zukunft. Urheber: Klaus Staeck. Thema: Atomkraft. klaus-staeck.de
Strahlende Zukunft. Urheber: Klaus Staeck. Thema: Atomkraft. klaus-staeck.de

Im letzten Herbst noch hat sie das rot-grüne Gesetz zum Ausstieg aus der Kernenergie mit schwarz-gelber Mehrheit aushebeln lassen. Es war eines der wichtigsten Projekte ihrer phantasielos und planlos agierenden Regierung. Nun springt sie auf den Zug der Atomgegner, ein bisschen wenigstens, um die drei Landtagswahlen zu retten. Und das Volk diskutiert ratlos, was diese sogenannte Aussetzung der Laufzeitverlängerung wohl bedeuten mag: Neckarwestheim geht vom Netz. Schließlich wird am 27. März in Baden-Württemberg gewählt.

Was aber ist mit den anderen AKWs, die als unsicher gelten? Eine Pause, bis die Katastrophe in Japan nicht mehr Verstand und Herz der Menschen bewegt? Es darf weiter gerätselt werden. Vieldeutigkeit gehört zu Merkels Regierungsstil. Doch ich glaube nicht, dass die Bürger in dieser Situation brav den Mund aufmachen und weiterhin politische Valiumpillen schlucken.

In den nächsten Tagen und Wochen werden viele Menschen sich erinnern, wie das war mit der Laufzeitverlängerung, die immer mehr Gegner als Befürworter hatte: Die Kanzlerin, eine promovierte Physikerin, die schon mal Bundesumweltministerin war, hat im letzten Jahr (wider besseres Wissen?) bedenkliche Atommailer für sicher erklärt und damit die Wünsche der Energiekonzerne erfüllt.

Nun laufen ihr die Wähler davon, es droht Machtverlust, und plötzlich wird "ohne Tabus" die Sicherheit dieser doch angeblich todsicheren Reaktoren geprüft. 60 000 Menschen haben am letzten Wochenende gegen Neckarwestheim protestiert. Es gab eine 45 Kilometer lange Menschenkette von der Staatskanzlei in Stuttgart bis zum ungeliebten Atomkraftwerk. "Abschalten" riefen Demonstranten in Berlin und anderswo.

Bisher waren viele Menschen der Meinung, diese Regierung arbeite schlecht. Sie waren genervt, sie schüttelten die Köpfe, aber dank guter Konjunktur lief ja alles, also fand man sich ab mit dem schwarz-gelben Gewürge. Doch nun dämmert es vielen, dass gefährlich für das Land werden kann, was in Berlin entschieden oder eben nicht entschieden wird.

Als Johannes Rau noch Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war, hat er seine Atomskepsis einmal so begründet: "Eine Technologie, die den perfekten Menschen voraussetzt, will ich nicht haben."

Zur Erinnerung für die Physikerin: Die Katastrophe von Tschernobyl ist, wie man heute weiß, durch menschliches Versagen entstanden, nicht durch ein starkes Erdbeben, nicht durch ein von Terroristen gelenktes Flugzeug. . Auch in Japan scheint menschliches Versagen mit im Spiel gewesen zu sein. Kein Wunder, wenn verängstigte, erschöpfte Menschen unter hohem Zeitdruck und Gefahr für ihr eigenes Leben dramatische Entscheidungen zu treffen haben.

Dennoch scheinen für Angela Merkel nicht die Gefahren, die von (mindestens) sieben Schrott-Reaktoren ausgehen könnten, im Mittelpunkt ihres Handels zu stehen. Der Super-Gau für sie liegt im möglichen Verlust ihrer Macht. Und den versucht sie mit allen Mitteln zu verhindern, auch durch scheinbares Eingehen auf die Forderungen der Bürger. So will Merkel den politischen Strahlentod nach einer politischen Kettenreaktion noch abwenden.

Auch geübte Wendehälse wie Guido Westerwelle suchen jetzt den Absprung und hoffen auf das kurze Gedächtnis der Menschen. Die Stimmungslage der Deutschen allerdings gleicht eher der aus dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Sie reiben sich die Augen und rufen nach einer langen Zeit der kritiklosen Bewunderung verwundert und empört: Aber der Kaiser ist ja nackt.

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