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Rüstow, Garibaldi und Lassalle

Reinhard Klimmt • 10. March 2011

Reinhard Klimmt. Foto: Quirin
Reinhard Klimmt. Foto: Quirin

Ich weiß nicht mehr, wann, wo und warum ich es angeschafft habe, vielleicht wegen der Jahreszahl, der Nähe zu den Tagen der Kommune und dem für meine Heimatregion bedeutsamen Krieg von 1870/71. Vielleicht auch von geheimnisvollen, für uns nicht fühlbaren, aber dennoch vorhandenen Verbindungen und Vernetzungen in der Bücherwelt verführt.

Ich vermute solche Zusammenhänge. Wie sonst kommt ein Militärschriftsteller unter meine Bücher? Nun, vielleicht auf diesem Wege: In Abständen blättere ich immer wieder in den Originalausgaben von Jules Vallès' "Cri du Peuple" und vertiefe mich in die Pariser Ereignisse in den Tagen der Kommune. An einem solchen Tag zog eine kleine Notiz in der Ausgabe vom 10. März 1871 meine Aufmerksamkeit auf sich. Es war die Solidaritätsadresse Garibaldis an die Aufständischen im belagerten Paris:

"Moncher S,
Dites aux Parisiens que je serai avec eux le jour où ils voudront laver le sol de leur belle patrie de la souillure du despotisme et du prêtre et que, dans leur détresse je les aime davatage.
Votre dévoué
Garibaldi 1 mars 1871".

Giuseppe Garibaldi! Einer von uns? Der militärische Held des Risorgimento, einer von uns? Der Haudrauf und Schlagetod? Letzteres war er zweifellos. 1834 beim gescheiterten republikanischen Aufstand im Piemont, dann nach der Flucht in Brasilien ("Held zweier Kontinente"), in den 1848er Kämpfen in Italien. Erneut geflohen kehrte er 1854 zurück und kämpfte in mehreren Feldzügen in unterschiedlichen Konstellationen für ein geeintes Italien.

Er konnte es auch später nicht lassen: Im Krieg 1870/71 führte er ein Freiwilligenkorps zur Unterstützung der französischen Republik. Heute nennen ihn manche den Che Guevara Italiens. Möglicherweise ist auch das zur Ikone gewordene Bild Ches mit dem Barett eine Nachinszenierung der berühmten Fotos Garibaldis mit Bart und Kopfbedeckung: damit wäre eher Che der Garibaldi Kubas.

Garibaldis größter Coup: 1860 segelte er mit eintausend sogenannten Rothemden von Genua aus nach Süden, um Sizilien und Neapel zu erobern. Und hier kommt Wilhelm Rüstow (endlich!) ins Spiel. Der aus Deutschland in die Schweiz geflohene preußische Offizier und Teilnehmer der Märzrevolution war bei dieser Mission Garibaldis Generalstabschef, später Kommandant des linken Flügels der Südarmee.

Rüstow, 1821 in Brandenburg geboren, hatte bereits 1845 die Idee einer "Volkswehr" entwickelt, in Königsberg gehörte er zum "Demokratischen Club" und beteiligte sich an der Märzrevolution. Verhaftet und mit mehreren Prozessen überzogen, konnte er 1850 fliehen. In Abwesenheit wurde er wegen Hochverrats zu 31,5 Jahren Festungshaft verurteilt. In der Schweiz verfasste er eine Vielzahl militärhistorischer und militärtheoretischer Schriften. 1858 erschien in Zürich die "Allgemeine Taktik, nach dem gegenwärtigen Standpunkt der Kriegskunst bearbeitet". Emma Herwegh bewog ihn, Garibaldi 1860 zu unterstützen.

Bei Garibaldi und der 1848er Revolution waren die Forderungen nach Demokratie und Nationalstaat miteinander verbunden. Welch Verkehrung der Frontstellungen aus unserer heutigen Sicht! Der Nationalismus als Geburtshelfer von Freiheit und Demokratie, Antipode zu Despotismus und Gottesgnadentum! Die Menschen keine Untertanen mehr, sondern selbstbewusste und selbstbestimmte Bürger einer Nation!

Garibaldis Mentor, Guiseppe Mazzini dachte weiter: Mit Arnold Ruge, Lajos Kossuth und Alexandre Ledru-Rollin bildete er ein Komitee mit dem Ziel einer gesamteuropäischen Republik der Völker.

So hatte diese Idee des Nationalstaats ihre Zeit, in der sie sich als fruchtbar erwies. Heute, wo ganz andere Fragen im Vordergrund stehen, vermag sie uns keine befriedigenden Antworten mehr zu geben, schrumpft zu einer Teilidentität neben der Zugehörigkeit zu einer Region, dem geeinten Europa und dem immer enger zusammenrückenden Erdball.

Was hat denn nun Ferdinand Lassalle in der Überschrift zu suchen?

Hier die Antwort: Auch die Wege von Rüstow und Lassalle kreuzten sich schicksalhaft, als Rüstow nach seinen italienischen Abenteuern in die Schweiz zurückkehrte. Er war dabei, als sich am 28. August 1864 morgens um halb acht Ferdinand Lassalle und Janko von Racowitza mit Pistolen wegen Liebeshändeln zum Duell begegneten. Lassalle wurde getroffen und starb drei Tage später. Als sein Sekundant stand Wilhelm Rüstow ihm bei. Helfen konnte er ihm nicht.

Obwohl Rüstow im Schweizer Generalstab diente, kam sein Haupteinkommen aus der schriftstellerischen Tätigkeit. Als diese immer weniger einbrachte und andere Optionen scheiterten, nahm er sich im August 1878 das Leben. Seine Bücher sind auf dem Antiquariatsmarkt immer noch zu haben und erfahren gerade eine unerwartete Renaissance durch die neue Technik des Print on Demand.

Garibaldi überlebte auch ihn und starb 1882 auf seiner Insel Caprera vor Sardinien. Friederike Hausmann, die Frau, die sich über den niedergeschossenen Benno Ohnesorg beugte, hat ihn in ihrem Buch "Garibaldi: Die Geschichte eines Abenteurers, der Italien zur Einheit verhalf" gewürdigt. Die überarbeitete Neuausgabe ist gerade bei Wagenbach erschienen.

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