vorwärts.de: Was tut die zentrale Frauenbeauftragten der Freien Universität Berlin (FU)?
Mechthild Koreuber: Die zentrale Frauenbeauftragte ist verantwortlich für alle organisatorischen, personellen und strukturellen Angelegenheiten, die Frauen betreffen können.
Was heißt das konkret?
An den Fachbereichen gibt es dezentrale Frauenbeauftrage. Sie sind mit Einstellungsvorgängen, mit fachbereichsinternen Angelegenheiten und mit Beratung von Frauen - von sexueller Belästigung bis hin zum Coaching bei Berufungsverfahren - beschäftigt. Ich unterstütze sie oder übernehme Fälle. Als zentrale Frauenbeauftragte habe ich zudem übergreifende Aufgaben. Ich bemühe mich um organisatorischen und strukturellen Veränderungen.
Die Geschlechterforschung fällt ebenfalls in Ihren Arbeitsbereich.
Wir wollen die Geschlechterforschung nicht nur als Forschungsfeld ausbauen, sondern auch im Bereich der Lehre stärken. In der Kommission für Lehre machen wir eine Art "Gender-Check" für jeden Studiengang und achten darauf, dass Elemente der Geschlechterforschung in alle Studiengänge integriert sind. Wenn nötig, beantragen wir Nachbesserungen. Wenn wir einen Studiengang nicht mittragen kann das dazu führen, dass er nicht eingerichtet wird. Das ist bisher noch nicht vorgekommen. Unsere Wünsche werden berücksichtigt. Beispielsweise wird jetzt in den Wirtschaftswissenschaften Gender Budgeting (die geschlechtergerechte Vergabe öffentlicher Gelder, Anm.) unterrichtet.
Werden für den Ausbau der Geschlechterforschung neue Stellen geschaffen?
Wir versuchen bei Ausschreibungen Kandidatinnen anzusprechen, die den Bereich der Geschlechterforschung in ihrer Fachdisziplin mitberücksichtigen. So haben wir inzwischen etwa 60 Professorinnen und Professoren, die in dem Bereich lehren.
Heißt das, dass Geschlechterforschung in allen Fächern eine Rolle spielt?
Da wo es sinnvoll ist. Nanophysiker werden nicht unbedingt Geschlechterforschung machen. Gerade in den Bereichen Physik, Mathematik, Informatik wollen wir aber Frauen einstellen. Es gibt die sehr vage formulierte gesetzliche Vorgabe, bei gleicher Qualifikation eine Frau einzustellen. Die Frauenbeauftragte achtet darauf, dass das tatsächlich geschieht.
Wie stark ist der Gegenwind?
Als 1991 die erste zentrale Frauenbeauftragte gewählt wurde, waren alle Fächer nicht gerade mit Professorinnen gesegnet. Inzwischen hat sich das bei einigen Fächern geändert - bei anderen nicht.
Wo gibt es Veränderungen - und wo nicht?
In den Geschichts- und Kulturwissenschaften beispielsweise gibt es inzwischen einen hohen Professorinnen-Anteil. In den Wirtschaftswissenschaften dagegen wurde 1993 eine Professorin berufen. Danach kamen 27 Männer. Erst vor zwei Jahren wurde wieder eine Frau auf eine unbefristete Professur berufen. Da ist Geschlechtergerechtigkeit noch längst nicht Konsens. Entsprechend wenige Bündnispartner hat unsere Frauenbeauftragte in diesem Bereich.
Gibt es in den Fächern, die viele Frauen studieren auch viele Professorinnen?
Es gibt Bereiche, wo sich der hohe Frauenanteil auf studentischer Ebene nicht auf der Ebene der Professorinnen spiegelt, etwa in der Psychologie. Auch in der Romanistik gibt es viele Studentinnen und kaum Professorinnen. Das ist übrigens ein bundesweites Phänomen.
Woran liegt das?
Offenbar gibt es Fächer, in denen es für Frauen sehr schwierig ist oben anzukommen. Da bringen wir Geld ins Spiel. Ein Fachbereich kann für die Berufung einer Professorin 35.000 Euro extra kriegen. Das reicht immerhin für eine wissenschaftliche Mitarbeiterin. Ich sage dann immer: Geld regt das Denken an.
Ist das die zentrale Stellschraube: Frauen in Positionen zu bringen, wo sie wiederum Frauen nachziehen können?
Ja, unbedingt.
Sie sind im Dezember zum dritten Mal wiedergewählt worden. Wie sieht die Zwischenbilanz am Beginn Ihrer vierten Amtszeit aus?
Eine der wichtigsten Entwicklungen der letzten zwölf Jahre ist die hohe Professionalisierung der Frauenbeauftragten. Sie sind als Teil des Hochschulmanagements akzeptiert. Außerdem wird die Frage der Gleichstellung der Geschlechter ernst genommen. Das Frauenförderprogramm wird - anders als in anderen Bundesländern - als eines der vielen FU-Förderprogramme akzeptiert. Niemand zweifelt daran, dass diese Stellen an hochqualifizierte Wissenschaftlerinnen vergeben werden. Der Erfolg unserer Gleichstellungspolitik lässt sich auch daran belegen, dass wir sehr viele Frauen berufen haben.
Womit sind sie unzufrieden?
Wir haben den Generationenwechsel bei den Professoren-Stellen verpasst. An einigen Fachbereichen haben wir wenige oder keine Frauen berufen. Diese Professuren sind für die nächsten 15, 20 Jahre besetzt. Wir können keine neuen dazuerfinden.
Das heißt die Frauenförderung kam zu spät?
In einigen Fächern ja. Physik, Mathematik, Informatik, Wirtschaftswissenschaften, Rechtswissenschaften: Da ist Frauenanteil sehr gering und die Professuren sind, wie gesagt, vergeben. Das ist bitter. Im Bereich der Physik ist derzeit nur eine Frau auf einer unbefristeten Professur.
Jetzt müssen die Frauen auf den nächsten Generationenwechsel warten?
Die Professuren sind besetzt. Wir versuchen trotzdem, Bewegung hineinzubringen. Jetzt schreiben wir im Rahmen der Frauenförderung befristete Junior-Professuren aus. Die Fachbereiche müssen sich um diese Stellen bemühen und 50 Prozent der Kosten selbst tragen.
Haben Sie damit Erfolg?
Gerade Fächer wie Physik bemühen sich um diese Stellen. So erhöhen sie den Professorinnen-Anteil, wenn auch nur bei den befristeten Stellen. Das ist ein Schub an Nachwuchswissenschaftlerinnen. Diese Frauen sind Vorbilder, sie ziehen Studentinnen und Doktorandinnen nach.
Was halten Sie von einer Frauenquote im universitären Bereich?
Solange wir es uns leisten, mittelmäßige Männer zu berufen, finde ich ist die Quote nicht problematisch. Um es ketzerisch zu sagen: Schlechter kann es an vielen Stellen nicht werden. Ich bin auf jeden Fall für weiche Quoten. Das heißt, man schreibt mehrere Professuren gleichzeitig aus. Und dann sagt man: Wir wollen bei vier Berufungen zwei für Frauen realisieren. Wenn das nicht gelingt, wird die vierte Berufung nicht realisiert. Sie wird in die Kategorie darunter verlegt, also die befristete Professur, weil es offenbar an Nachwuchswissenschaftlerinnen mangelt. Dann wird das Geld, das eigentlich für eine unbefristete Professur gedacht war, in die Nachwuchsförderung investiert. Das ist ein interessantes Modell.
Interview: Birgit Güll







