Der internationale Frauentag wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Damals ging es um die grundsätzliche Teilhabe von Frauen am politischen Leben, heute sind wir schon einen großen Schritt weiter. Längst dürfen Frauen wählen und sind in die Parlamente eingezogen, die Hälfte aller Universitätsabsolventen sind inzwischen weiblich, der Ehemann bestimmt nicht mehr allein über Frau und Kinder und seit 1994 verlangt der Gleichstellungsartikel im Grundgesetz, dass der Staat die tatsächliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern aktiv fördert. Na also! Dann können wir uns doch zurücklehnen und auf das Erreichte zurückblicken. Oder doch nicht?
Nein, denn von einer echten Gleichstellung von Frauen und Männern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kann auch 100 Jahre nach dem ersten Internationalen Frauentag nicht die Rede sein.
Nach wie vor verdienen Frauen in Deutschland rund ein Viertel weniger als Männer. Steuer- und Sozialversicherungssysteme unterstützen auch heute noch die veralteten und unzeitgemäßen Rollenbilder
des meist männlichen Allein-Verdieners und der meist weiblichen Hinzuverdienerin. Frauen übernehmen noch immer den Löwenanteil der Familien- und Pflegearbeit - und das auch, wenn beide Partner
Vollzeit berufstätig sind. Von Frauen dominierte Berufe werden schlechter bezahlt und bieten kaum Aufstiegsmöglichkeiten. Und nach wie vor sind Frauen in den Spitzenpositionen der deutschen
Wirtschaft so gut wie nicht vertreten. Laut aktuellem DIW-Managerinnen-Barometer hatten 2010 mehr als 90 Prozent der 100 größten Unternehmen nicht eine einzige Frau im Vorstand. Die Männerquote
in den Vorständen der 200 größten Unternehmen lag im vergangenen Jahr bei 96,8 Prozent. All dies führt dazu, dass Frauen noch immer weniger verdienen, weniger einflussreich sind und kleinere
Vermögen haben als Männer.
Wir brauchen Aktionstage, die diese Missstände sichtbar machen. Auch 100 Jahre nach dem ersten Frauentag ist Aufklärung, Aufmerksamkeit und Bürgerbeteiligung wichtiger denn je. Denn ohne
Öffentlichkeit und Druck wird sich nichts verändern. Freiwillig werden Geld, Macht und Einfluss nicht geteilt.
2008 haben wir, die Business and Professional Women (BPW) Germany, deshalb den
Equal Pay Day aus den USA nach Deutschland geholt. Damit rücken wir jährlich ein ganz besonderes Problem in den Fokus, nämlich dass Frauen immer noch 23
Prozent weniger verdienen als Männer - und das, obwohl sie so gut ausgebildet sind wie nie zuvor. Schon im ersten Jahr nahmen mehr als 6.000 Frauen und Männer an den bundesweiten Veranstaltungen
teil, im vergangenen Jahr waren es bereits mehr als 70.000 Männer und Frauen, die eigene Aktionen organisierten, sich informierten und teilnahmen. Das Interesse an und die Empörung über ungleiche
Bezahlung und deren Ursachen ist ungebremst. Entgeltungleichheit und Gehalt? Das war bis dahin ein Thema, über das man nicht gesprochen hat - und Frauen schon gar nicht. Der diesjährige Equal Pay
Day steht ganz im Zeichen von Rollenstereotypen unter dem Motto "Mannsbilder? - Weibsbilder? - Neue Bilder!". Denn ein zukunftsfähiges Deutschland kann nicht in althergebrachten Rollenbildern
verhaftet bleiben. Wir brauchen neue, zeitgemäße Bilder von Frauen und Männern, gleichberechtigte Teilhabe und vor allem gleiche Bezahlung.
Auch 100 Jahre später ist die internationale Frauenbewegung aktuell wie eh und je. Wir haben viel erreicht. Bis zu tatsächlicher Gleichberechtigung in allen Bereichen haben wir aber noch
einen weiten Weg vor uns. Um das fortzusetzen, was unsere Urgroßmütter begonnen haben, dürfen wir jetzt nicht nachlassen, uns für gleiche Chancen für Frauen und Männer einzusetzen.
Henrike von Platen, Präsidentin des Netzwerks Business and Professional Women Germany (BPW);
Foto: BPW
Die Unterschriftenaktion zum
EPD "Mannsbilder? - Weibsbilder? - Neue Bilder!" können Sie gleich online
unterzeichnen.







