Die erste Frauentagsfeier war ein Sieg, auch einer gegen die Männer in den eigenen Reihen. Theoretisch stand man hinter dem Bekenntnis der Arbeiterbewegung, wonach der gesellschaftliche Fortschritt sich exakt messen lasse an der gesellschaftlichen Stellung des schönen Geschlechts. Einschließlich der Hässlichen, hat Chauvi Karl Marx, Urheber des Zitats, gleich drangehängt - praktisch war es auch damals etwas komplizierter.
Clara Zetkin würde unser Wort von der "gläsernen Decke" spontan verstehen. Schärfer als wir Zeitgenossinnen würde sie sehen, dass keine andere soziale Bewegung die Welt mehr zum Besseren verändert und ihren Akteurinnen mehr Freiheit, Verantwortung und Einfluss gebracht hat. Hundert Jahre danach sind Frauen überall, auch an der Macht, trotz der Dax-Vorstände, der Niederlagen, der Zwangsehen in Neukölln, der grausamen Unterdrückung in vielen Ländern. Emanzipation und Rückschritt lassen sich nicht exakt messen, und wer das Glas für halbvoll oder halbleer erklären will, verkennt, dass es nie ein Ende der Geschichte von Freiheit und Emanzipation geben wird.
Freiheiten für andere
Die Frauenbewegung, das ist ihre schönste Tugend, hat mit den Fortschritten für sich selbst immer auch Rechte und Freiheiten für andere erkämpft. Erst als die Frauen wählen durften, fielen auch die letzten Beschränkungen des Männerwahlrechts. Für die benachteiligten Jungen im Bildungswesen ist, verehrte Frau Frauenministerin, nichts zu erreichen, wenn Sie sich nicht mit Schwung für die wachsende Zahl ihrer allein erziehenden Mütter oder bessere Gehälter für Erzieherinnen ins Getümmel werfen.
Die unwiderstehliche Macht der feministischen Idee besteht darin, dass wir nicht mehr als die Hälfte des Himmels wollen. Und dabei wissen: Der Weg ist das Ziel. Die Hälfte, die muss es darum
schon sein.
Tissy Bruns ist Journalistin und leitet das Parlamentsbüro des Berliner Tagesspiegel







