Artikel (Archiv) > „Migranten vertrauen der CDU nicht“

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Interview mit Macit Karaahmetoğlu

„Migranten vertrauen der CDU nicht“

Kai Doering • 07. March 2011

"Das Thema Integration wird aus Ohnmacht und Ignoranz einfach ausgeblendet." Macit Karaahmetoğlu Foto: Kai Doering
"Das Thema Integration wird aus Ohnmacht und Ignoranz einfach ausgeblendet." Macit Karaahmetoğlu Foto: Kai Doering

vorwärts.de: Hat Sie die Berufung ins "Team Schmid" überrascht?

Macit Karaahmetoğlu: Nicht direkt. Es gab einen bestimmten Kreis von Personen im Vorstand der SPD Baden-Württemberg und auch außerhalb der Partei, der für das "Team Schmid" in Frage kam. Mir war klar, dass ich in diesem Kreis bin. Dass sich Nils Schmid dann letztlich auch entschieden hat, mich in sein Team zu berufen, freut mich sehr. Ich denke, es ist auch eine Bestätigung der Arbeit unserer Gruppe "SPD ve biz".

Warum braucht Baden-Württemberg einen Integrationsminister?

Baden-Württemberg ist das Flächenland mit dem größten Anteil an Migrationsbevölkerung. 25 Prozent haben hier einen Migrationshintergrund, bei den unter 25-Jährigen ist es ein Drittel der Bevölkerung. In Stuttgart ist der Anteil sogar noch größer. Hier haben 40 Prozent der Gesamtbevölkerung einen nicht deutschen Hintergrund, bei den Jungen ist es über die Hälfte. Das ist eine große Herausforderung für die Politik. Nils Schmid hat das erkannt und möchte deshalb einen Fokus auf die Integration richten.

Das sieht die derzeitige Landesregierung offenbar anders. Warum ignoriert sie das Thema?

Die CDU steht allem, was fremd ist, unfreundlich gegenüber und betrachtet es als Gefahr. Obwohl schon Anfang der 80er Jahre klar war, dass die so genannten Gastarbeiter in Deutschland bleiben, wurde diese Realität in Deutschland während der 16-jährigen Kohl-Ära komplett ignoriert. Bei der CDU in Baden-Württemberg, allen voran Stefan Mappus, hat sich das bis heute nicht geändert. Eine Folge ist, dass die Menschen mit Migrationshintergrund der CDU nicht vertrauen. Es gibt zwischen beiden Gruppen keinerlei Verbindung. So wird das wichtige Thema Integration aus Ohnmacht und Ignoranz einfach ausgeblendet.

Dann sind Migranten in Baden-Württemberg also natürliche Wähler der SPD?

Auf jeden Fall. Natürlich wählen auch viele die Grünen. Aber von der türkischstämmigen Bevölkerung in Baden-Württemberg geben etwa zwei Drittel der SPD ihre Stimme.

Woran Sie und die Gruppe "SPD ve biz" entscheidenden Anteil haben dürften. Seit Monaten touren Sie durchs Land, um bei Migranten für die Partei zu werben. Sind Sie mit dem Verlauf Ihrer Veranstaltungen zufrieden?

Ich bin sehr zufrieden. Wir haben bisher etwa 30 Veranstaltungen mit Kandidatinnen und Kandidaten in ganz Baden-Württemberg gehabt. Der Höhepunkt war sicher der Abend mit Sigmar Gabriel und Nils Schmid in Stuttgart, zu dem im Februar mehr als 500 Menschen gekommen sind. Hinterher sind Leute auf mich zugekommen und haben gesagt, sie wollten eigentlich den Grünen ihre Stimme geben, doch jetzt stehe für sie fest, dass sie SPD wählen. Das ist ein riesiger Erfolg. Fünf bis sechs Veranstaltungen haben wir bis zur Wahl am 27. März noch fest geplant. Vielleicht kommt noch die eine oder andere dazu.

Sie wären der erste Minister Deutschlands, der in der Türkei geboren wurde. Ein Vorteil für die Aufgabe?

Da kann ich nur Nils Schmid zitieren. Er sagt: "Entscheidend ist nicht woher wir kommen, sondern wohin wir gemeinsam gehen." Ich denke, es kommt darauf an, was man will und nicht, woher man kommt.

Der türkische Ministerpräsident Erdoğan würde das wahrscheinlich etwas anders sehen. Wie bewerten Sie seine Rede vom vergangenen Wochenende?

Der Zulauf, den Erdoğans Auftritt in Düsseldorf hatte, zeigt die deutschen Defizite in der Integrationspolitik. Wir müssen uns fragen, wie es ein türkischer Ministerpräsident schafft, Massen für sich zu begeistern, die deutsche Politiker weitestgehend ignorieren. Wir schaffen es bisher nicht, diese Menschen an der Demokratie und der Gesellschaft zu beteiligen. Das sind die Folgen der jahrelangen Ausgrenzungspolitik, die vor allem die Union betrieben hat. Wenn es etwa ein bundesweites Wahlrecht für Nicht-EU-Bürger gäbe, wären wir bei der Integration deutlich weiter. Das hat die Union jedoch leider verhindert.

Und was halten Sie von Erdoğans Forderung, Deutsch-Türken sollten zuerst Türkisch und erst dann Deutsch lernen?

Der türkische Ministerpräsident blendet vieles aus. Er verkennt, dass viele Türken in Deutschland besser Deutsch als Türkisch können. Ich denke aber auch, er ist teilweise falsch verstanden worden. Erdoğan hat sich in seiner Rede auf Sprachwissenschaftler bezogen, die sagen, jemand müsse erst seine Muttersprache richtig können, um danach andere Sprachen besser lernen zu können. Das stimmt ja. Die Frage ist nur, welche die Muttersprache von Deutsch-Türken ist. Es gibt viele türkischstämmige Menschen wie z.B. meine Schwester, die sich in der deutschen Sprache viel sicherer fühlen als in der türkischen. Wenn aber eine Mutter gerade erst aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist und selbst noch kaum Deutsch kann, wäre es unsinnig, wenn sie versucht, mit ihren Kindern nur Deutsch zu sprechen. Prinzipiell hat Erdoğan also nichts Schlechtes gesagt.

Interview: Kai Doering

Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Econ Verlag

Icon Rezension; Rudolf Hickel: „Zerschlagt die Banken"

„Zerschlagt die Banken"

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Icon Rezension; Alexander Dill: „Gemeinsam sind wir reich"

Mehr Sozialkapital

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

 „Genug der Farce“, sagt sich Monsieur Demanet.

Icon Film der Woche: Kill me please

Selbstmord inklusive

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt

Icon Film der Woche: Ufo In Her Eyes

„Ein ideologischer Schrottplatz“