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Lieferanten des Holocaust

Nils Michaelis • 05. March 2011

www.topfundsoehne.de
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Am 27. Januar dieses Jahres, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, wurde auf dem früheren Firmengelände ein Erinnerungsort mit einer Ausstellung zur braunen Vergangenheit des Thüringer Familienunternehmens eröffnet. Einen kompakten Überblick dazu bietet ein neuer Dokumentarfilm. Er basiert auf einer Studie der Historikerin Annegret Schüle.

Dieser Film erzählt von Opportunismus gegenüber dem NS-Regime, einem perversen Erfindergeist und nicht zuletzt von einem verdrehten Realitätsverständnis. Es ist das Grundmuster einer gesellschaftlichen Mentalität, die den Holocaust erst möglich machte. Teil dieses Geistes war die Weigerung weiter Teile der wirtschaftlichen Eliten, sich nach dem Krieg der Mitverantwortung für den Mord an Millionen Juden, Sinti und Roma sowie weiteren Menschengruppen, die aus "rassischen" oder politischen Gründen zu Todfeinden erklärt wurden, zu stellen.

Thüringen im Kaiserreich: Topf & Söhne macht sich einen Namen mit Verbrennungsöfen. Nichts geht über Pietät. Mittels eines hochsensiblen Verfahrens werden Leichen eingeäschert, ohne mit der Flamme in Berührung zu kommen. Mit derlei Humanität ist es während des Zweiten Weltkriegs vorbei. Nach einer Ruhrepidemie in Buchenwald will die SS die Leichen schnell verschwinden lassen. Schützenhilfe kommt aus Erfurt. Topf & Söhne lässt eigens für KZ entwickelte Öfen auf den nahen Ettersberg karren. Sie funktionieren nach dem Prinzip von Kadaververnichtungsöfen für Vieh. Es ist der Auftakt für einträgliche Geschäftsbeziehungen. Um deren Anbahnung zu erleichtern, waren die beiden Eigentümer Ludwig und Ernst-Wolfgang Topf 1933 in die NSDAP eingetreten.

Todesfabrik "Made in Erfurt"

Topf & Söhne liefert, was die SS braucht. Und nicht nur das. Manchmal, so belegen die im Film präsentierten Quellen, entwickeln die werkseigenen Techniker Ideen, um den Kunden noch zufriedener zu machen. Wohl auch, weil man die Konkurrenz fürchtet. Im KZ Auschwitz-Birkenau werden ab 1942 vier neue Krematorien errichtet. Verbrennungsöfen sowie Be- und Entlüftungsanlagen für Gaskammern "Made in Erfurt" machen die Todesfabrik komplett. Im gleichen Jahr will sich das Unternehmen das Konzept für einen "kontinuierlich arbeitenden Leichenverbrennungsofen für Massenbetrieb" patentieren lassen.

"Was dort verbrannt wird, ist vorher schon tot", sagt Ingenieur Fritz Sander in einer späteren Vernehmung lakonisch. Gebaut werden die Öfen nie. Sanders Kollege Kurt Prüfer tüftelt 1943 daran, die Vergasungen zu beschleunigen. Um die Temperatur in den Gaskammern zu erhöhen, sollen sie mit der Abwärme aus den Krematorien vorgeheizt werden. Auch daraus wird nichts: Die Anlagen überhitzen sich. Nichtsdestotrotz laufen die Geschäfte mit dem Lager-Archipel bis Kriegsende prächtig.

Der Blick auf den Holocaust aus Sicht eines beteiligten Betriebes: Auf erschreckende Weise machen die Erinnerungsberichte, Briefe und Vernehmungsprotokolle deutlich, dass sich Topf & Söhne immer wieder der SS andiente, um deren Tötungs- und Beseitigungsmaschinerie zu optimieren. Damit schafft der Film Öffentlichkeit für einen Aspekt der Zeitgeschichte, der vergleichsweise unterbelichtet ist.

Cineasten mögen ausgefallene Bildideen vermissen. Doch gerade durch die karge Sachlichkeit von Kommentar und Bildsprache (immer wieder fährt die Kamera durch die Firmenruinen) bleibt die Aufmerksamkeit auf die historischen Fakten gerichtet. Den möglichen Verwurf der Verknappung können die Filmemacher locker ausräumen. Trotz der kurzen Spielzeit lebt der Film von einer stimmigen Mischung aus historisch-biografischer Erzählung und wissenschaftlicher Einordnung.

Blick in den Abgrund

Meist sprechen die Quellen für sich. Freilich können weder Zahlen noch Zitate das Monströse in seiner Totalität erklären. Insofern sind sie ausdrucksstarke Ausschnitte eines Panoromas technokratisch verkleisterter Barbarei. Ludwig Topfs perfider Abschiedsbrief ist die inhaltliche Klammer des Ganzen. Wegen der drohenden Verhaftung durch die Amerikaner entschließt er sich im Mai 1945 zum Selbstmord. Er schreibt: "Ich tat niemals Böses. Ich war stets anständig. Das genaue Gegenteil von einem Nazi." Dass Topfs Heimatstadt eines Tages einen Ort einrichtet, um an seinen mörderischen Unternehmergeist zu erinnern, hätte er sich wohl nicht träumen lassen.

"Stets gern für Sie beschäftigt,..." Menschheitsverbrechen und Berufsalltag. (D 2011). Regie: Aldo Gugolz. Buch: Annegret Schüle. Sprache: Deutsch Die DVD kostet 14,90 Euro zuzüglich Versandkosten. Sie ist beim Erinnerungsort Topf & Söhne erhältlich. Die Adresse:
Stadtverwaltung Erfurt
Erinnerungsort Topf & Söhne -

Die Ofenbauer von Auschwitz

Sorbenweg 7

99099 Erfurt
E-Mail: topfundsoehne(at)erfurt.de
Weitere Infos: www.topfundsoehne.de Das Buch zum Film: Annegret Schüle: Industrie und Holocaust: Topf & Söhne - Die Ofenbauer von Auschwitz, Wallstein, 2010, 29,90 Euro.

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