Ein Fuchsfell bedeckt Augen und Nase der jungen Frau. Ihre roten Lippen sind gespitzt, der Kopf leicht gesenkt. Es hat etwas Verführerisches, wie Birgit Jürgenssen sich in der Fotografie "Ohne Titel (Selbst mit Fellchen)" 1974 präsentiert. Doch das ist kein Selbstzweck. Die Künstlerin zeigt sich so, wie Frauen gerne gesehen werden. Sie ist das Wildtier mit sinnlicher Seite. Sie trägt Pelz - wenn auch anders, als es sonst für Frauen üblich ist.
Birgit Jürgenssen hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. Die 1949 Geborene gehört zu den wichtigsten Vertreterinnen der feministischen Kunst. In einer ersten posthumen Retrospektive
präsentieren das "Bank Austria Kunstforum" und die Sammlung "Verbund" das Schaffen der 2003 Verstorbenen in seiner ganzen Bandbreite. Die Wiener Schau zeigt ein Werk, das im doppelten Sinne reich
ist: Es ist ideenreich und facettenreich. Die experimentierfreudige Künstlerin arbeitet in verschiedenen Genres - ihre größte Leidenschaft gehört Fotografie und Zeichnung, das hält sie aber nicht
davon ab, Plastiken und Installationen zu schaffen. Leichtfüßig übertritt sie auch die Grenzen zwischen den Genres. Und Jürgenssen schreckt nicht davor zurück, sich in unterschiedlichen Stilen
auszuprobieren.
Der eigene Körper als Projektionsfläche
Vielleicht ist das der Grund dafür, dass sie zu Lebzeiten keine großen kommerziellen Erfolge feierte. Es gibt ihn nicht, den charakteristischen Jürgenssen-Stil. Doch es gibt ein
Jürgenssen-Thema, das sich durch ihr Werk zieht und es zusammenhält: "Ich wollte die gängigen Vorurteile und Rollenbilder, die Frauen in der Gesellschaft zugewiesen werden und mit denen ich immer
konfrontiert war, aufzeigen und die Missverständnisse des Alltags darstellen", sagt sie. Sie tut das, indem sie den Blick - häufig über ihre Fotokamera - auf sich selbst richtet.
Birgit Jürgenssen nimmt die Zuschreibungen, die von außen auf sie einprasseln, an und projiziert sie zurück. Sie zeigt sich, wie sie als Frau gesehen wird. Ihr Körper ist ihr dabei Medium und
- häufig im wahrsten Sinne des Wortes - Projektionsfläche. Virtuos nutzt sie die Mittel von Rollenspiel und Verkleidung, um ihre Botschaft zu vermitteln. "Ich würde es nicht Tarnung nennen. Es
ist bei mir eher eine surreale Praxis, durch Verschleiern sichtbar machen. Ich maskiere mich allerdings, weil es weniger um mich als um die Situationen geht, in denen ich mich darstelle", so
Jürgenssen. 1974 fordert sie den DuMont-Verlag auf, einen Sammelband über Künstlerinnen zu veröffentlichen: "So oft ist die Frau Kunstobjekt, selten und ungern lässt man sie selbst zu Wort oder
Bild kommen." Ein Vorschlag, der abgelehnt wird.
Spielerisch, verführerisch und kampfbereit
Birgit Jürgenssen inszeniert sich nicht in männlichen Macho-Posen, sie ist nicht aggressiv oder provokativ. Jürgenssen schockt den Betrachter nicht, vielmehr lädt sie ihn ein. Ihr Werk ist
spielerisch und verführerisch, zugleich ist es tief und hintergründig. Und es ist humorvoll. Da wächst eine Brust an der Stelle eines Bizepses aus dem angespannten Oberarm. Die tragische
Frauenfigur Gretchen aus Goethes "Faust" wird bei Birgit Jürgenssen zu "Gretchen von Faust". Kampfbereit und unübersehbar ist die weibliche Faust ins Bild gestreckt. Auf dem Handrücken ragt der
goldene Absatz eines Damenschuhs steil nach oben. Es ist die Umkehrung der Gretchen-Tragödie, die die Künstlerin uns zeigt. Auf einem Foto von 1976 presst sich eine adrett gekämmte Frau mit
strahlend weißem Blusenkragen gegen eine Glasscheibe, vielleicht ist es auch eine Wand aus Glas. Darauf steht, erst auf den zweiten Blick sichtbar, "Ich möchte hier raus!".
Mal serviert Jürgenssen ihre Botschaft auf dem Silbertablett, mal gilt es, sie in der Tiefe ihrer Werke zu suchen. "Für mich war es immer reizvoll, über die Abbildung hinaus etwas Fiktives,
Irritierendes zu machen", formuliert Jürgenssen. Egal welches Werk man in der beeindruckenden Schau betrachtet: Es gibt diesen Reichtum, der dazu verlockt länger hinzusehen, und dieses Mehr, das
Jürgenssens Kunst auszeichnet, zu erkennen. n
Birgit Jürgenssen
noch bis 6. März 2011: Kuratiert von Gabriele Schor und Heike Eipeldauer
Bank Austria Kunstforum
Freyung 8,
1010 Wien
bankaustria-kunstforum.at







