Interviewt wurde Julia
Klöckner. Das allein ist schon erstaunlich. In welcher anderen Redaktion wäre man wohl auf die Idee gekommen, eine wahlkämpfende Provinzpolitikerin, deren bundespolitische Bedeutung sich auf
die bestenfalls unauffällige Wahrnehmung des Amtes einer Parlamentarischen Staatssekretärin im Verbraucherschutzministerium beschränkt, als Expertin für die Beurteilung einer Affäre
heranzuziehen, die sich zwischen Berlin und Oberfranken zugetragen hat?
Journalistisch interessant ist an Julia Klöckner einzig und allein, dass sie in Mainz Ministerpräsidentin werden will, anstelle von Kurt Beck - und dabei umso hilfloser wirkt, je länger sie
Wahlkampf betreibt und echten Wählern begegnet. Aus Sicht der CDU bedurfte ihr Wahlkampf dringend einer Energiezufuhr. Die lieferte das ZDF.
ZDF ohne kritische Nachfragen
Skandalös war aber nicht allein die Personalwahl. Skandalöser noch war die eilfertige Art, mit der Frau Klöckner gegen 19.30 Uhr, vor einem fernsehenden Millionenpublikum also, die
Gelegenheit geboten wurde, zwei Botschaften anzubringen, ohne dass ihr ein Journalist mit kritischen Nachfragen in die Quere kam:
1. Der arme Herr zu Guttenberg ist eigentlich ein Guter.
2. Viel schlimmer ist Herr Beck.
Letzteres illustrierte Frau Klöckner mit angeblichem Fehlverhalten des rheinland-pfälzischen Innenministers - dessen Name außerhalb des Ländchens kaum jemand kennen dürfte. Sie verdächtigte
vage, belegte nichts, und niemand hakte nach. Es ging einzig und allein darum, den Namen von Kurt Beck in Zusammenhang mit dem Begriff "Affäre" zu bringen.
Das ist eine bewährte Praxis in US-amerikanischen Schmuddelwahlkämpfen. Man nennt das dort "negative campaigning": Wenn die eigene Kandidatin schon nicht glänzt, bewirft man den Gegner mit
soviel Schmutz, dass beim nur flüchtig hinsehenden Publikum der Eindruck aufkommt: na ja, ganz so strahlend sehe der ja wohl auch nicht aus…
Wahlkampf statt Journalismus
Nun war das gestrige ZDF Spezial aber kein bezahlter Wahlwerbespot der CDU; jedenfalls war er nicht als solcher ausgewiesen. Angekündigt war ein journalistischer Beitrag. Geboten wurde
jedoch eine Wahlkampfplattform. Der Interviewer, dessen Name aus Kollegialität an dieser Stelle ungenannt bleiben soll, beschränkte sich aufs Stichwortgeben. Das war von Journalismus so weit
entfernt der Mainzer Lerchenberg von Berlin.
Fragen an das ZDF: Wer hat die Entscheidung getroffen, Frau Klöckner in diesem Spezial eine Bühne zu bieten? Und mit welcher Droge wurde der Ich-frage-immer-kritisch-nach-Reflex der
ZDF-Hauptstadtjournalisten ausgeschaltet?
Oder reicht inzwischen die Erinnerung daran,
wie Roland Koch, als er noch ein CDU-Grande war, einen ZDF-Chefedakteur abserviert hat, nur weil der sich als Journalist
verstanden hat? Denn es könnte ja sein, dass Frau Klöckner wider alle Umfragen doch irgendwann Ministerpräsidentin wird. Und dann träte sie womöglich in die Fußstapfen des Roland Koch.
Karriereplanungsmäßig gut beraten ist, wer diese Eventualität schon hatte einkalkuliert. Vielleicht wird aus dem oder der mal ein Programmdirektor oder "Chefredakteur".
So verkommen scheint das ZDF. Herr zu Guttenberg immerhin hat seinen Rücktritt eingereicht.







