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Zwischen Mitleid und Bevormundung

Sineb El Masrar • 07. March 2011

Könnte es vielleicht sein, dass die muslimische Frau genauso wenig existiert wie die Christin, die Jüdin oder die Deutsche? Musl
Könnte es vielleicht sein, dass die muslimische Frau genauso wenig existiert wie die Christin, die Jüdin oder die Deutsche? Muslimische Modenschau in der Friedrich-Ebert-Stiftung Foto: Kai Doering

Sie ist in aller Munde, die junge muslimische Frau. Sie steht im Fokus einer Diskussion, die gern als Integrations- oder Islamdebatte bezeichnet wird. Ob Politik, Medien oder Stammtisch, niemand lässt es sich nehmen, über diese schleierhafte Persönlichkeit zu streiten. Das viele Reden lässt die Fragen aber nicht weniger werden. Die Antworten darauf sollen mit den eigenen eingeschränkten Erfahrungen und dem Wissensstand im Einklang stehen und dürfen keineswegs komplex sein.

Warum muss eine Muslima ein Kopftuch tragen? Warum hat sie keine eigene Sexualität? Warum lebt sie nicht endlich mitten unter uns, wie wir? Ja, warum eigentlich? Und könnte es vielleicht sein, dass die muslimische Frau, von der hier immer die Rede ist, vielleicht genauso wenig existiert wie die Christin, die Jüdin oder die Deutsche? Und ist es möglich, dass wir alle in einer Gesellschaft leben, die eine Aufnahme in die Mehrheitsgesellschaft aufgrund von Andersartigkeit erschwert?

Ein ununterbrochener Kampf

Viele, die sich in der Denkertradition großer Philosophen sehen, fordern am lautesten eine Aufklärung und die Befreiung der muslimischen Frau. Entgeht ihnen aber gänzlich, wie ihre bewusste oder unbewusste Ignoranz zu einer Ausgrenzung führt? Reflexionsanstöße hätte Hegels Gedanke geben können: "Aufklärung des Verstands macht zwar klüger, aber nicht besser."

Denn wie sieht der Alltag und das Leben dieser Frauen in unserem Land aus, und wie aufrichtig ist das Interesse daran? Die muslimische Frau gibt es zwar nicht, aber was diesen muslimisch geprägten Frauen gemein ist, das ist ein ununterbrochener Kampf, den sie an allen Fronten beinahe allein ausfechten müssen.
Ob im Schulwesen, wo sie heute noch aufgrund ihrer Herkunft nicht nur schlechter bewertet werden, sondern unverblümt gesagt bekommen, dass sie als muslimisches Mädchen ohnehin keine Rechte haben. Im Berufsleben überzeugen hervorragende Noten und Abschlüsse weniger, das Tuch auf dem Kopf aber rechtfertigt Absagen. Beides Bereiche, die Unabhängigkeit und Aufstieg erst möglich machen.

Erfolge sind bemerkenswert

Daheim heißt es dagegen Contenance bewahren und die Defizite der Eltern - meistens sprachlicher Natur - auszugleichen. Nicht selten sind sie Privatsekretärinnen und Pflegerinnen in persona. Bemerkenswert daher ihre Erfolge, sofern man sie gesellschaftlich partizipieren lässt. Sie sind Akademikerinnen, Unternehmerinnen, Angestellte und meistern den Spagat zwischen Beruf und Familie.

Diese Frauen erfahren in der Mehrheit statt Unterstützung und Anerkennung für ihre Persönlichkeit und Leistung nur Mitleid und Bevormundung. Das, was sie sich hingegen wünschen, ist das Recht auf Entfaltung und Entscheidungsfreiheit. Die Lebensentscheidungen und Kleidungsform mögen einigen missfallen, doch gleiches Recht ist keine Frage des Geschmacks, das wir nur jenen zugestehen, die uns in ihrer Lebensform und Äußerlichkeit ähneln.

Sineb El Masrar, 1981 als Tochter marokkanischer Einwanderer in Hannover geboren, wuchs in Niedersachsen auf und gründete 2006 mit "Gazelle" das einzige multikulturelle Frauenmagazin Deutschlands. In ihrem Buch "Muslim Girls" beschreibt sie das Leben moderner Muslimas in Deutschland. Foto: Amdela Wartenberg

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