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Sag mir, wo die Protestsongs sind

Nils Michaelis • 27. February 2011

Konzert "Nazis aus dem Takt bringen". Foto: Lorenz Richter
Ist der Protestsong in Deutschland am Ende? Foto: Konzert "Nazis aus dem Takt bringen". Lorenz Richter

Der klassische Protestsong ist eingängig, will Teil einer linken Bewegung sein und hat immer das große Ganze im Blick. So ungefähr lässt sich die nicht unumstrittene Definition umreißen, die Wissenschaftlern und Journalisten als Diskussionsgrundlage für die Frage nach der Wandlungsfähigkeit des Protestsongs diente ("Protest Reloaded"). Derlei, so der düstere Tenor, ist in reichen Ländern wie der Bundesrepublik derzeit nicht gefragt. Insofern stand eher die Frage nach der Zukunftsfähigkeit vertonter Gesellschaftskritik im Raum.

"Heute sehen sie uns als Markt."
Ist an dieser kulturellen Leerstelle womöglich der Kapitalismus schuld? Das legt ein vergleichender Blick nach China nahe. "Früher haben uns die Eliten als Bedrohung gesehen", zitierte der Musikjournalist Hartwig Vens die Pekinger Post-Punk Band PK 14.

"Heute sehen sie uns als Markt." Hier scheint ein Merkmal durch, das die Werkstattgespräche bestimmte: Unabhängig von der eigenen Intention kommt es auf "die anderen" an, aus einem womöglich politisch angehauchten Song eine Protesthymne zu machen. Etliche Künstler haben sich gegen die Vereinnahmung als Protestsänger gewehrt. Dennoch scharten sich immer wieder Millionen Unzufriedener um sie.

Wo bleiben die Songs gegen Stuttgart 21 oder ausufernde Leiharbeit?
Eine Erklärung dafür, dass sich Protest heute verschwindend gering im deutschen Pop artikuliert, sieht Vens in dessen Verbürgerlichung. Die Medienrealität gibt ihm Recht, dort dominieren "Wutbürger" die Szenerie. Demonstrierende Rentner und Lehrer brauchen weder einen ästhetischen Überbau, noch bringen sie kulturelle Codes hervor.

Der Protest richtet sich konkret gegen ein Projekt, ohne Teil eines Größeren sein zu wollen. Aber auch wegen der Abneigung vieler Jugendlicher gegenüber einer vermeintlichen Entindividualisierung ist für Vens die vereinigte Pop-Linke am Ende. Für ihn ist der nonkonforme Konformismus das höchste der Gefühle, eine Gegenkultur ohne immanente Vermarktungsstrategie undenkbar.

Vielleicht, so lässt sich fragen, liegt die Wurzel des Übels auch in den Spätfolgen der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" (Helmut Schelsky) der alten Bundesrepublik. Nach und nach wurden neben sozialen Unterschieden auch ideologische und kulturelle Fronten aufgeweicht. Ein Schlagersänger, der wie einst Freddy Quinn gegen sogenannte Gammler ansingt ("Wir"), ist heute schwer vorstellbar.

Wo ist noch Platz für Protestsänger?
Diesen Faden nahm der Verkehrswissenschaftler und Musiker Joachim Scheiner auf. 90 Prozent der Bevölkerung verorten sich in der politischen Mitte. Wo ist da noch Platz für Protestsänger? Existier(t)en viele von ihnen nicht ohnehin nur in den Köpfen der Fans? Der frühere Indierocker wies darauf hin, dass sich ausgerechnet Bob Dylan, die Gutmenschen-Ikone der 60er-Jahre, in mehreren Songs von der Protestbewegung verabschiedet hat. Der Protest gegen Protestsongs und deren Barden sei schon immer Teil jenes schwer zu greifenden Genres gewesen.

Vielleicht ist Dylan einfach nur ein Moralist, der seine Gedanken in Songs kleidet? Diese These warf Susan Neiman, die Direktorin des Einstein-Forums, in den Saal, der hochemotionale Diskussionen erlebte. Es ist ein Ansatz, der weit über jenen widerwilligen Protagonisten hinausreicht.

Protest außerhalb des Westens
Angesichts der Umbrüche in Nordafrika verwunderte der verengte Blick des Workshops auf die Protestsounds vornehmlich der westlichen Welt. Waren es doch gerade Jugendliche und junge Erwachsene, die den Stein ins Rollen brachten. Und zwar auch unter Einsatz eigener Pop-Codes. Immerhin ging Vens am Rande auf das derzeitige Idol der tunesischen Wut-Jugend ein: Unter Ben Ali konnte der Hip-Hopper El Général nur im Untergrund gegen das Regime rappen. Vielleicht wurde sein Song "Rais Lebled" ("Der Chef meines Landes") gerade deswegen zur Hymne der Jugendrevolution.

Aber auch hier hören Protest-Pessimisten die Alarmglocken schrillen. Denn wie lange El Général seiner Rolle noch gerecht werden kann, bleibt abzuwarten. Im Radio läuft sein rebellischer Hit jetzt rauf und runter. Das Kulturministerium der gewendeten Regierung will ihm bei der Produktion seines Debütalbums unter die Arme greifen. Steht hier ein Wandel durch Annäherung bevor? Auf den globalen Widerhall maghrebinischer Protestkunst darf man in jedem Fall gespannt sein.

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