Die "Hochschule der Zukunft atmet den Geist der zweckfreien wissenschaftlichen Neugier", so Schwan bei der Veranstaltung der Hans-Böckler-Stiftung in Berlin. Die Mitgründerin der seit 2009 bestehenden Humboldt-Viadrina School of Governance verdeutlichte, worüber bei den Vertretern der Arbeitgeber, den Gewerkschaften und ihrer Position Konsens bestünde. Die Freiheit der Wissenschaft, vor allem Freiheit vom Staat als ihrem Hauptfinancier, bilde ein Grundkriterium der "Hochschule der Zukunft".
Darüber hinaus müssten Universitäten international ausgerichtet sein, ihre kritische Rolle in öffentlichen Diskursen wahrnehmen und nicht nur auf die Wissenschaft, sondern auch auf die Arbeitswelt vorbereiten.
Gemeinwohlorientierte Wissenschaft
Fundamentaler Wert der Hochschulen solle die Freiheit aller Menschen sein. Diese Prämisse gelte überall auf der Welt und verbiete damit den gezielten "brain-drain", also den Versuch, "die besten Köpfe nach Deutschland zu ziehen".
Die Wissenschaft sei "universell und daher gemeinwohlorientiert". Schwan griff damit den Gemeinwohlbegriff des Philisophen Jean J. Rousseau auf und verdeutlichte, dass die Hochschulen der Zukunft weder empfänglich für Einzelinteressen noch abhängig von ihnen sein dürfen. Die Realität sehe leider anders aus. Die chronische Unterfinanzierung der Universitäten habe in den letzten Jahrzehnten zu dieser Abhängigkeit geführt. Die "Übernahme" der International University Bremen durch die Jacobs Foundation veranschaulicht diesen Finanzierungsdruck.
Kolonisierung der Bildung
Schwan kritisiert den Zustand, in dem die "ökonomische Markt- und Konkurrenzlogik, die Bildung und Wissenschaft zur Ware macht". Zum Beispiel würden Drittmittel, also Gelder die Universitäten aus der Privatwirtschaft oder öffentlichen Forschungsförderungen erhalten, zur Hälfte nur dazu verwendet wieder neue Forschungsgelder "an Land zu ziehen". Forscher würden so zu Managern gemacht.
Dies sei nicht nur eine Veränderung im Hochschulbetrieb, sondern in der immer mehr zur "Wettbewerbsgesellschaft" mutierenden Öffentlichkeit. In dieser Gesellschaftsform wäre von der Schule bis zur Universität selbstbestimmtes Lernen ohne permanenten Durck nicht möglich. Die Konkurrenzlogik führe zu psychischen Schädigungen der Kinder und Studenten.
Finanzierung
Neben mehr finanzieller Unterstützung würden Universitäten auch mehr Zeit benötigen. Schwan betonte, man könne in der Wissenschaft das "Neue nicht als Produkt bestellen". Unter anderem fordert Schwan die "zu Unrecht abgeschaffte" Vermögenssteuer, als wesentliche Finanzierungsgrundlage für den Übergang zu einem Föderalismus, in dem die Bundesländer zu mehr Kooperation fähig sind.
Die Mitgegründerin der Humboldt-Viadrina School of Governance erwähnte dabei allerdings nicht die Zugangsbedingungen ihrer Hochschule. Neben einem vierjährigen Studium, ein Kriterium, das Bachelor-Absolventen ausschließt, fordert die Universität einen "herausragenden Abschluss". Inwiefern diese Bedingungen zum Wettbewerbszwang beitragen, bleibt offen.
Gesine Schwan:
Bildung: Ware oder öffentliches Gut?
96 Seiten
Broschur, 12 x 18 cm
ISBN 978-3-86602-799-2
Preis 10.00 €
Mehr Information zum Buch unter
www.vorwaertsbuchverlag.de







