Alles in diesen Heften ist hübsch anzusehen und ich denke mir beim Lesen, ich könnte ja wirklich mal wieder zum Friseur gehen, ich sollte doch endlich mal eine Creme mit Collagen ausprobieren,
und vielleicht stünden mir zwei Kilo weniger tatsächlich gut.
So lange ich im Frauenmagazin-Kosmos schwebe, erscheinen mir all diese Überlegungen absolut plausibel. Von Seite zu Seite bin ich mir sicherer: Ich könnte ein besseres Leben führen, eines
mit mehr Glitzer drauf.
Frauenleben gleich Mode, Schminke, Kochrezepte, Familienleben, Sex, Diäten und Promiklatsch
Aber dann reißt mich die Sprechstundenhilfe aus dieser nach Glück duftenden Welt heraus und ich muss kurz über mich lachen, weil ich so billig zu manipulieren bin: Mein Leben wäre
ja nicht besser; ich säße ja auch mit glänzenderen Haaren und schickeren Schuhen hier beim Arzt mit einer dicken Bronchitis. Daran würden all die schönen Tipps und Produkte aus den
Frauenzeitschriften nichts ändern.
Würden Sie allesamt Mode- oder Beautymagazine heißen, hätten wir kein größeres Problem miteinander. Aber sie nennen sich FRAUENmagazine und legen mir und ihren Leserinnen somit nahe, ein
Frauenleben werde vor allem durch die Koordinaten Mode, Schminke, Kochrezepte, Familienleben, Sex, Diäten und Promiklatsch bestimmt. Bei Anzeigenkunden mag diese Mischung Jubel auslösen. Dass sie
bei den Leserinnen nicht zu Aggressionen führt, wundert mich immer wieder. Denn: Eben diese Leserinnen werden jeden Monat, jede Woche aufs Neue von hunderten Titeln, die am Kiosk liegen,
systematisch unterschätzt. Frauenzeitschriften sollen Traumwelten sein? Entschuldigung: Das letzte, wovon ich träume, ist unterschätzt zu werden. Das passiert mir schon im echten Leben oft genug.
Vor allem im Beruf. Und gerade weil ich eine Frau bin.
Wollen Leserinnen von Frauenzeitschriften ernst genommen werden?
Wundern sie sich nicht über die Merkwürdigkeit, dass sie auf 200 glänzenden Seiten vor allem als Konsumentin angesprochen werden, dass aber der ganze Lebensbereich, in dem sie das Geld für
diesen Konsum verdienen, ausgeklammert wird? Und ist dieser Lebensbereich und überhaupt der Alltag normaler Frauen so langweilig und schrecklich, dass er in Frauenzeitschriften keinesfalls oder
nur in Ausnahmefällen - dann meist als Schicksalsgeschichte - thematisiert werden darf?
Eine FRAUENzeitschrift, die diesen Namen auch verdient und die ich auch anderswo lesen würde als im Wartezimmer, müsste mich zuallererst einmal ernst nehmen. Sie sollte mir alles erzählen
und erklären, wovon mein Frauenleben beeinflusst wird. Klar sind das auch die neuesten Trends in den Modehäusern dieser Welt. Aber eben nicht nur. Sondern auch, was im Bundestag besprochen wird
oder welche Entwicklungen es im Wirtschaftsleben gibt. Und nicht zuletzt ganz einfach Geschichten aus dem Alltag von Frauen: Wie leben sie heute? Was interessiert sie? Was bringt sie zum Lachen,
was zum Weinen?
Alltag und Glamour sind keine Gegensätze. Im Gegenteil: Den Glamour im Alltag zu zeigen, die kleinen Geschichten, die Herausforderungen und Siege, über Vorbilder und große Träume in
Frauenleben zu schreiben - das wären Frauenmagazin-Inhalte, die ich mir wünschen würde. Und die das ganze Konzept dieser Hefte auf den Kopf stellen würden. Denn sie würden mir nicht länger
vermitteln: Hey, dein Alltag ist so langweilig und grau, wir stellen dir mal die neuesten "aufregenden" Handtaschen-Trends vor, damit du überhaupt was zu lachen hast. So ein Heft wäre kreativ,
neugierig, lebensbejahend. Und es würde mich und all die anderen Frauen nicht mehr länger nur als Konsumentin ernst nehmen, sondern als komplexes Individuum.
Susanne Klingner schreibt unter anderem für taz, Süddeutsche Zeitung, Nido und den feministischen Blog maedchenmannschaft.net.







