Artikel (Archiv) > Der Glamour des Alltags

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Frauenmagazine: Für wie doof halten die uns?

Der Glamour des Alltags

Susanne Klingner • 27. February 2011

Wenn Frauenleben auf Mode, Schminke, Diäten und Promiklatsch reduziert wird. Quelle: P/pixelio.de
Wenn Frauenleben auf Mode, Schminke, Diäten und Promiklatsch reduziert wird. Quelle: P/pixelio.de

Alles in diesen Heften ist hübsch anzusehen und ich denke mir beim Lesen, ich könnte ja wirklich mal wieder zum Friseur gehen, ich sollte doch endlich mal eine Creme mit Collagen ausprobieren, und vielleicht stünden mir zwei Kilo weniger tatsächlich gut.

So lange ich im Frauenmagazin-Kosmos schwebe, erscheinen mir all diese Überlegungen absolut plausibel. Von Seite zu Seite bin ich mir sicherer: Ich könnte ein besseres Leben führen, eines mit mehr Glitzer drauf.

Frauenleben gleich Mode, Schminke, Kochrezepte, Familienleben, Sex, Diäten und Promiklatsch
Aber dann reißt mich die Sprechstundenhilfe aus dieser nach Glück duftenden Welt heraus und ich muss kurz über mich lachen, weil ich so billig zu manipulieren bin: Mein Leben wäre ja nicht besser; ich säße ja auch mit glänzenderen Haaren und schickeren Schuhen hier beim Arzt mit einer dicken Bronchitis. Daran würden all die schönen Tipps und Produkte aus den Frauenzeitschriften nichts ändern.

Würden Sie allesamt Mode- oder Beautymagazine heißen, hätten wir kein größeres Problem miteinander. Aber sie nennen sich FRAUENmagazine und legen mir und ihren Leserinnen somit nahe, ein Frauenleben werde vor allem durch die Koordinaten Mode, Schminke, Kochrezepte, Familienleben, Sex, Diäten und Promiklatsch bestimmt. Bei Anzeigenkunden mag diese Mischung Jubel auslösen. Dass sie bei den Leserinnen nicht zu Aggressionen führt, wundert mich immer wieder. Denn: Eben diese Leserinnen werden jeden Monat, jede Woche aufs Neue von hunderten Titeln, die am Kiosk liegen, systematisch unterschätzt. Frauenzeitschriften sollen Traumwelten sein? Entschuldigung: Das letzte, wovon ich träume, ist unterschätzt zu werden. Das passiert mir schon im echten Leben oft genug. Vor allem im Beruf. Und gerade weil ich eine Frau bin.

Wollen Leserinnen von Frauenzeitschriften ernst genommen werden?
Wundern sie sich nicht über die Merkwürdigkeit, dass sie auf 200 glänzenden Seiten vor allem als Konsumentin angesprochen werden, dass aber der ganze Lebensbereich, in dem sie das Geld für diesen Konsum verdienen, ausgeklammert wird? Und ist dieser Lebensbereich und überhaupt der Alltag normaler Frauen so langweilig und schrecklich, dass er in Frauenzeitschriften keinesfalls oder nur in Ausnahmefällen - dann meist als Schicksalsgeschichte - thematisiert werden darf?

Eine FRAUENzeitschrift, die diesen Namen auch verdient und die ich auch anderswo lesen würde als im Wartezimmer, müsste mich zuallererst einmal ernst nehmen. Sie sollte mir alles erzählen und erklären, wovon mein Frauenleben beeinflusst wird. Klar sind das auch die neuesten Trends in den Modehäusern dieser Welt. Aber eben nicht nur. Sondern auch, was im Bundestag besprochen wird oder welche Entwicklungen es im Wirtschaftsleben gibt. Und nicht zuletzt ganz einfach Geschichten aus dem Alltag von Frauen: Wie leben sie heute? Was interessiert sie? Was bringt sie zum Lachen, was zum Weinen?

Alltag und Glamour sind keine Gegensätze. Im Gegenteil: Den Glamour im Alltag zu zeigen, die kleinen Geschichten, die Herausforderungen und Siege, über Vorbilder und große Träume in Frauenleben zu schreiben - das wären Frauenmagazin-Inhalte, die ich mir wünschen würde. Und die das ganze Konzept dieser Hefte auf den Kopf stellen würden. Denn sie würden mir nicht länger vermitteln: Hey, dein Alltag ist so langweilig und grau, wir stellen dir mal die neuesten "aufregenden" Handtaschen-Trends vor, damit du überhaupt was zu lachen hast. So ein Heft wäre kreativ, neugierig, lebensbejahend. Und es würde mich und all die anderen Frauen nicht mehr länger nur als Konsumentin ernst nehmen, sondern als komplexes Individuum.

Susanne Klingner schreibt unter anderem für taz, Süddeutsche Zeitung, Nido und den feministischen Blog maedchenmannschaft.net.

Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Econ Verlag

Icon Rezension; Rudolf Hickel: „Zerschlagt die Banken"

„Zerschlagt die Banken"

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Icon Rezension; Alexander Dill: „Gemeinsam sind wir reich"

Mehr Sozialkapital

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

 „Genug der Farce“, sagt sich Monsieur Demanet.

Icon Film der Woche: Kill me please

Selbstmord inklusive

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt

Icon Film der Woche: Ufo In Her Eyes

„Ein ideologischer Schrottplatz“