Bürgerlich ist eine Gesellschaft, die keine Kasten und Privilegien kennt. Eine Gesellschaft, in der jede und jeder mit Talent und Fleiß überall hinkommen kann. Das setzt klare Regeln voraus -
und die strikte Einhaltung dieser Regeln. Wobei es ganz selbstverständlich ist, dass diese Regeln für alle gelten, ausnahmslos. Der bürgerliche Staat ist ein Rechtsstaat, und im Rechtsstaat ist
jeder vor dem Gesetz gleich. Das gilt für geschriebene wie auch für ungeschriebene Gesetze.
Selbstverständlich ist bürgerlichen Gesellschaften und Parteien die Pflege bürgerlicher Tugenden - wie Anstand und Ehrlichkeit. Im Wirtschaftsleben finden sie sich verkörpert in der Gestalt
des "ehrbaren Kaufmanns", die älter ist als unsere Demokratien.
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind Produkte bürgerlichen Denkens. Dennoch haben Teile des Bürgertums immer schon danach gestrebt, das Seil, an dem sie selbst nach oben geklettert sind,
hinter sich zu kappen. Indem sie, im 18. Jahrhundert, Gleichheit predigten, aber selber Sklaven hielten, wie Thomas Jefferson. Oder, im 19. Jahrhundert, indem sie das volle Stimmrecht bei Wahlen
Arbeitern, Armen und Frauen vorenthielten. Indem sie versuchten, gute Schulen und Hochschulen nur den Ihren zu reservieren. Und noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein durch Schulgelder und
Studiengebühren dafür sorgten, dass ihre Kinder früh Seilschaften bilden konnten.
Die Sozialdemokratie war und ist die politische Bewegung, die bürgerliche Rechte für alle einfordert, ungeachtet ihrer Herkunft, ihrer Arbeit, ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts und ihrer
Religion. Dabei wurde sie immer schon von Parteien bekämpft, die sich selbst bürgerlich nannten und auf vermeintliche "Proleten" glaubten hinabblicken zu dürfen.
CDU und CSU jedoch waren, in ihren besten Phasen, von Auftrag und Habitus her sozialdemokratische Parteien - mit besitz- und bildungsbürgerlicher Attitüde und mit klerikaler Einfärbung.
Es ist kein Wunder, dass die sogenannten Konservativen in der Union heute gern ätzen, ihre Partei sei ihnen zu sozialdemokratisch geworden. Sie müssen sich, das zeigt die Plagiatsaffäre des
depromovierten Freiherrn zu Guttenberg, keine Sorgen mehr machen.
Indem die CDU-Vorsitzende und Kanzlerin einem Lügner und Etikettenschwindler Absolution erteilt, sendet sie das denkbar stärkste Signal aus, um zu sagen: Es kommt nicht darauf an, wie du
bist und was du gelernt hast, sondern es kommt letztlich darauf an, wie du heißt, wo du herkommst und wie nützlich du dich für mich machen kannst.
In diesem Handeln offenbart sich feudales, vordemokratisches Denken. Angela Merkel agiert zutiefst unbürgerlich. In Feudalgesellschaften war oben, wer dem Herrscher nahe war. Lehen wurden
vergeben, nicht erworben. Ihre Vergabe war ein Gunstbeweis. Und natürlich hatte sich kein Feudalherr irgendeiner Prüfung seiner Tugenden zu unterziehen, geschweige denn einer demokratischen Wahl
zu stellen. Zustimmung des Volkes, auf das er eigentlich herabsah, holte sich der Feudalherr, wenn er sie denn brauchte, per Akklamation. Er ließ sich öffentlich bestaunen und bejubeln.
Willige Massen haben sich dafür immer gefunden: Schien der Feudalherr doch dem allgemeinen Elend deutlich entrückt; schon durch seine Kleidung, sein Auftreten, seine Herkunft und seinen
Ruf. Massen blicken gerne auf.
Folgerichtig stellte sich der Freiherr zu Guttenberg an dem Tag, an dem er im Deutschen Bundestag Rechenschaft ablegen musste, auch dem Votum der Massen. Die "Abstimmung" der Bildzeitung
offenbart ein Maß der anhaltenden Bewunderung des Freiherrn, über die sich nur wundern kann, wer verdrängt, dass der Mensch als Teil der Masse nicht denkt, sondern fühlt. Wenn er zum Massenwesen
wird, entledigt er sich - zum Glück meist nur temporär - seiner Bürgerlichkeit.
Es ist bezeichnend für CDU und CSU, dass ihnen der Volksentscheid der Bildzeitung wichtiger ist als die Unmutsbekundung des Parlaments und der akademischen Öffentlichkeit. Wären sie
bürgerliche Parteien, verhielte es sich umgekehrt.
Wer die Union in diesem Zustand wählt, leistet Beihilfe zur Sabotage an den Fundamenten unserer Demokratie und unseres Rechtsstaats. Wahre Bürger tun das nicht und lassen das auch nicht zu.
Deshalb ist es kein Wunder, dass viele Bürger bei der Wahl in Hamburg eine neue politische Heimat gesucht und gefunden haben. Und zwar nicht, wie es einem gewohnten Reflex entsprochen
hätte, bei der FDP. Denn wie bürgerlich ist eine Partei, die darauf setzt, ausschließlichdank eines "frischen" Gesichts auf den Wahlplakaten ihr Überleben zu sichern? Sondern bei der SPD, deren
Spitzenkandidat Olaf Scholz weder gegelt noch aufgefrischt daherkam, sondern schlichtweg: bürgerlich.







