Müssen wir immer wieder die Kämpfe von gestern kämpfen? Ja, das müssen die jungen Frauen wohl, wenn sie nicht verspielen wollen, was die Generation ihrer Mütter begonnen hat: Nämlich Gleichheit nicht nur vor dem Gesetz, sondern gleiche Chancen in allen Lebensbereichen. Noch nie waren Frauen so gut ausgebildet wie heute. Sie haben häufig bessere Abschlüsse als die gleichaltrigen Männer. Niemand bestreitet ihre Qualifikation und ihr Recht, sich ihren Lebensweg selbstbestimmt zu wählen. Sie sind ehrgeizig, selbstbewusst, haben in ihren Bewerbungsmappen beeindruckende Lebensläufe - und berufliche Pläne wie ihre männlichen Lebenspartner und Kollegen.
Kanzlerin zementiert Männerquote von 97 Prozent
Warum bleiben sie dennoch auf halbem Weg stecken? Warum verdienen sie immer noch für gleiche Arbeit weniger als Männer? Warum funktionieren in der Wirtschaft nach wie vor die männlichen
Seilschaften? Nur 4 von 183 Vorständen in Dax-30-Konzernen sind Frauen. Deutschland teilt sich laut einer McKinsey-Studie bei den Spitzenjobs die letzten Plätze mit Indien.
Und dennoch sagt die Bundeskanzlerin: "Mit dieser Koalition wird es keine Quote geben!" Die Männer werden es ihr danken. Denn damit zementiert sie eine Männerquote von rund 97 Prozent! Da passt es prächtig, dass die junge Frauenministerin Begriffe wie "Feminismus" oder "gesetzliche Quote" so angewidert ausspricht, als seien das Wörter aus der Gosse. Ganz naiv glaubt sie daran, dass die Männer schon freiwillig ihre Machtbastionen aufgeben, "weil die Unternehmen längst erkannt haben, dass sie Frauen an der Spitze brauchen".
Ehegattensplitting fördert Billiglohn
In Wahrheit stößt sich der weibliche Nachwuchs wie eh und je an den "gläsernen Decken" in den Unternehmen die Köpfe blutig. Das hat viele Gründe. Einer der wichtigsten ist, dass angesichts
der desolaten Situation in der öffentlichen Kinderbetreuung Frauen sich de facto immer noch zwischen Kindern und Karriere entscheiden müssen. Das hat aber auch zu tun mit der Organisation des von
Männern bestimmten Arbeitslebens, das Präsenz bis in die Abendstunden und an Wochenenden fordert.
Das hat zu tun mit einem Ehegatten-Splitting, das die Rollen von Ernährer und Zuverdienerin zementiert. Das hat zu tun mit einem System, das Frauen zu Billiglöhnerinnen macht. Sind sie verheiratet und werden arbeitslos, haben sie keinen Anspruch auf Hartz IV, wenn ihr Mann verdient. Die Folge ist: Sie akzeptieren auch Hungerlöhne von 5 Euro die Stunde und weniger. Scheitert ihre "Ernährer"-Ehe irgendwann, dürfen sie sich angesichts entsprechend mieser Renten auf Altersarmut einstellen.
Promovierte Hausfrauen
Psychologische Gründe kommen dazu: Viele junge Frauen haben bei ihren Müttern gesehen, wie die sich zerrissen haben zwischen den Bedürfnissen von Beruf und Familie, wie erschöpft sie waren
vom ewigen Improvisieren und davon, dass sie neben dem Beruf auch die Familienarbeit weitgehend allein zu leisten hatten. Für die Töchter sind sie deshalb häufig kein Vorbild. So manche der
Mütter, die einst die Frauenbewegung getragen haben, kennt den Satz: So wie Du möchte ich nicht leben. Die Folge sind promovierte Hausfrauen, die trotz glänzender Abschlüsse heute zu Hause
unbezahlte Nachhilfelehrerinnen ihrer Kinder sind.
Es wird also Zeit für eine neue feministische Bewegung. Damit sind nicht nur Netzwerke, Seilschaften nach männlichem Vorbild gemeint, sondern solidarisches Handeln unter Frauen. Veränderungen - gleicher Lohn für gleiche Arbeit, gesetzliche Quotierung bei Karrierejobs, partnerschaftliche Teilung von Familien- und Berufsarbeit, qualitativ hochwertige Kinderbetreuung - wird es nur geben, wenn die Frauen politisch massiv Druck machen.
Wie kommen die Frauen an die Fleischtöpfe?
Das hat schon einmal funktioniert, wie der Blick zurück zeigt. Noch bis 1958 entschied in der Bundesrepublik im Streitfall der Ehemann allein, ob seine Frau berufstätig sein durfte oder
nicht, wo die Familie lebte, ob eine Waschmaschine angeschafft wurde, welche Schule die Kinder besuchen sollten. Stichentscheid des Ehemanns hieß das und klingt heute wie ein Märchen aus grauen
Vorzeiten.
Erst das Gleichberechtigungsgesetz machte damit am 1. Juli 1958 Schluss. Die gesetzliche Gleichstellung wurde durchgesetzt - gegen heftige Gegenwehr der Männer, die um ihre Macht fürchteten.
Denn jeder Fortschritt für die Frauen bedeutete ja einen Machtverlust für die Männer. Und das ist heute nicht anders. Jeder Chefinnen-Platz für eine Frau ist einer weniger für einen Mann. Und wie
kommen die Frauen nun an diese Fleischtöpfe? Ganz einfach, sagt die Präsidentin des Verbandes der Unternehmerinnen, Petra Ledendecker: "Unternehmen brauchen Frauen. Männer brauchen Druck."
Zum Bild: Heute mal mit Bart
Hier ist jeder Chef, genauer gesagt Chefin. Beate Brosig, Karin Erben und Tina Neuhardt (v.l.) führen einen Malerladen in Berlin-Kreuzberg als Frauenkollektiv. Alle tragen die gleiche
Verantwortung, alle verdienen das gleiche Geld. Geschäftliche Entscheidungen fällen die drei gemeinsam. Seit 1988 gibt es das gut sortierte Malerfachgeschäft, von Beginn an war es in
Frauenhand. Die Erfahrung der Handwerkerinnen wird geschätzt, im Laden herrscht reger Betrieb. Heute. Doch der Start der Frauen in einer Männerdomäne war durchaus holprig. Als sie vor 20 Jahren
den "Männer-
beruf" des Malers ergriffen, hatten sie es nicht leicht. Doch sie setzten sich durch. Die Frauen insgesamt ebenso wie das Malerladen-Kollektiv. Das Beispiel hat uns so beeindruckt, dass
wir die Berlinerinnen baten, unsere Titelstrecke zu zieren.
Eine Aufgabe, die sie mit vollem Einsatz - und einer Prise Humor - bewältigten.







