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Icon   In Berlin bricht die Modebranche ins neue Jahr auf

Nichts ist so beständig wie der Wandel

Christian Janssen • 24. January 2011

Gäste bejubeln die Kollektion des Modeschöpfers Guido Maria Kretschmer (Bild: Christian Janssen)
Gäste bejubeln die Kollektion des Modeschöpfers Guido Maria Kretschmer (Bild: Christian Janssen)

Nach der Pleite mit der Icon Fashion Group AG als Investorin wagten die Berliner Modeschöpfer Klaus Unrath und Ivan Strano den Neuanfang und meldeten sich mit einer neuen, gelungenen Kollektion, die sie auf einer Modenschau der Veranstaltungsreihe "Mercedes-Benz FASHIONWEEK BERLIN autumn/winter 2011" am 20. Januar 2011 zeigten, in der Berliner Modeszene zurück. Als Ort hatten sie sich das eigens für die Reihe errichtete Zelt neben der Staatsoper Unter den Linden ausgesucht. Die Mainzer Modeschöpferin Anja Gockel nutzte die Modewoche als Gelegenheit, dort mit ihrer Modenschau am 21. Januar 2011 das fünfzehnjährige Bestehen ihrer Marke zu feiern, und schickte dazu das international bekannte Modell Lily Cole über den Laufsteg.

Einige Modeschöpfer gingen mit der Modeinstallation als Alternative zur Laufstegschau neue Wege der Modepräsentation. So standen am 20. Januar 2011 die Modelle in den Kleidern der von der bunten Stadt New York inspirierten Kollektion der Berliner Modeschöpferin Frida Weyer wie Schaufensterpuppen nebeneinander auf einer Tribüne im Hotel "Regent" und konnten in Ruhe von den Besuchern begutachtet werden. Die Münchener Modeschöpferin Claudia [von] Schacky arrangierte am 21. Januar 2011 im Hotel "HOTEL DE ROME" eine exquisite Damenrunde in hochwertiger Stretchleder- und Pelzkleidung; auch angesichts der ausgewählten Modelle wähnte man sich inmitten einer Zusammenkunft moderner allrussischer Großfürstinnen. Der Berliner Modeschöpfer Michael Sontag positionierte am 21. Januar 2011 in der Veranstaltungsstätte "Römischer Hof" die Modelle wie Exponate einer anthropologischen Ausstellung; seine Kleider umhüllten zart die filigranen weiblichen Körper.

Die Veranstaltungsreihe war das größte und bedeutendste Ereignis der Berliner Modewoche, aber beileibe nicht das einzige. Der Münchener Modeschöpfer Guido Maria Kretschmer hatte sich von dieser Reihe gelöst und arbeitete nun mit der BMW AG als Sponsorin zusammen. Mit seiner neuen Kollektion, die er am 19. Januar 2011 in der Veranstaltungsstätte "e-werk" unter dem Motto "BOULEVARD D'HIVER" vorstellte, insbesondere mit seinen extravaganten Abendkleidern, konnte er die Zuschauer von den Stühlen reißen und damit die an ihn gerichteten Erwartungen aufs Neue erfüllen. Danach ließ er es sich nicht nehmen, selbst einen neuen Wagen der Sponsorin auf den Laufsteg zu fahren.

Ohne an der Veranstaltungsreihe beteiligt zu sein, nutzten die Berliner Modeschöpferinnen Juliane Binroth und Alicia Losekandt mit ihrer Marke "JULICE EN RÊVE" zusammen mit den Machern der Marke "PAPPBRILLE" die Gunst der Stunde und organisierten am 19. Januar 2011 vor den Türen des Zeltes einen "Flashmob" - eine "online" initiierte, spontane Zusammenkunft - als Modenschau. Ein Wagen hielt an, die Tür ging auf, ein roter Teppich entrollte sich, die Modelle stiegen aus und die Schau ging los. So war eine gewisse Aufmerksamkeit bei den Besuchern der fremden Modenschauen und bei Passanten für die Präsentation ihrer aktuellen Kollektionen garantiert. Eigene Wege gingen ebenfalls die Veranstalter der Modenschau "SHOW1811" am 18. Januar 2011 und der Veranstaltung "FASHION Rock Night 2011" am 20. Januar 2011; Veranstaltungsort war zum einen das Kunsthaus "tacheles", zum anderen die Konzerthalle "KESSELHAUS", wo die Mode auf die Gäste eher nebensächlich wirkte.

Viele Modeschöpfer setzten auf transparente Oberteile; ansonsten trat Schwarz als Trendfarbe der Saison hervor. Trotz innovativer Ansätze ist die Wirkung des Modestandortes Berlin begrenzt. Für die Modeschöpfer kommt es letztlich auf die Einkäufer an, denn sie wollen ihre Kleider verkaufen und davon leben, was, für sich genommen, nichts Verwerfliches ist; auch Theaterleute, Schriftsteller, bildende Künstler und Musiker wollen von ihrer Kunst leben. Bei den diesjährigen Modenschauen waren wohl zu wenig Einkäufer anwesend. Neben den Modejournalisten und "Prominenten" fanden sich auf den vorderen Sitzplätzen des Veranstaltungszeltes nach Auskunft der Organisatoren vorwiegend Modeblogger wieder. Auf den hinteren Plätzen tummelte sich oftmals ein Publikum, dessen äußeres Erscheinungsbild an die Berliner Spaßgesellschaft erinnerte. Der Modeschöpfer Gregor Clemens hatte einmal seinen Wegzug aus Berlin nach London mit dem mangelnden Interesse an seinen Kollektionen erklärt; in Berlin habe man lediglich auf seine Kosten feiern wollen.

Erneut waren bei den zuweilen als "Kleiderständer" titulierten Laufstegmodellen beachtliche Qualitätsunterschiede erkennbar. Der wahre Wert der Fernsehsendung "GERMANY'S NEXT topmodel by Heidi Klum" offenbarte sich beim genauen Betrachten der wenigen Auftritte der Kandidatinnen. Über die frühere Siegerin Barbara Meier sagte ein weiblicher Gast: "Die ist gelaufen wie eine Magd." Demgegenüber fiel das russische Modell Regina Murtazina mit einer starken Präsenz - quantitativ und qualitativ - positiv auf. Sie war bei den meisten Modenschauen zu sehen und überzeugte das Publikum durch Routine, eine gute Körperbeherrschung und einen souveränen Gesichtsausdruck. Das erfahrene Berliner Modell Oumy Sakho wiederum, das auf der Modenschau des Modeschöpfers Guido Maria Kretschmer zu lange am Ende des Laufsteges posierte, hatte sich deswegen ein harsches "Go!" von den Photographen anzuhören.

Überhaupt taten sich vornehmlich ausländische Modelle mit internationaler Erfahrung durch ihr professionelles Auftreten hervor. Das "offizielle Gesicht" der Veranstaltungsreihe, das tschechische Modell Karolína Kurková, bestach durch ihren selbstsicheren und selbstbewußten Umgang mit Journalisten, Photographen, Geschäftspartnern und Gästen. Beispielsweise nahm sie sich für jeden Photographen Zeit, um ihm Gelegenheit für gute Aufnahmen zu geben. Als sie einmal von ihren Begleitern zum Weitergehen gedrängt wurde, entgegnete sie ihnen: "It's my turn!" So einfach war es klarzustellen, wer der eigentliche Star war.

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