Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich gegen eine gesetzliche Frauenquote in den Spitzengremien der deutschen Wirtschaft ausgesprochen. Das sei mit dem Koalitionspartner FDP nicht machbar. Angestoßen hatte die Diskussion Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Sie fordert eine verbindliche Frauenquote von dreißig Prozent in Aufsichtsräten und Vorständen von börsennotierten Unternehmen. Der FDP gilt dies als unzulässiger Eingriff in die Vertragsfreiheit der Unternehmen. Die Partei setze darauf, dass in den nächsten Jahren automatisch mehr Frauen in die höchsten Führungsgremien kämen, sagte Generalsekretär Christian Lindner.
Die Lage ist sonderbar widersprüchlich: Einerseits gelten Jungen als die Verlierer des deutschen Bildungssystems; sie haben schlechtere Noten und erzielen seltener Abschlüsse als Mädchen - andererseits stellen Männer nach wie vor die überwältigende Mehrzahl der Chefärzte und Professoren, Intendanten und Spitzenmanager.
Einerseits ist längst bekannt, dass Teams umso intelligenter entscheiden, je heterogener sie zusammengesetzt sind - andererseits rekrutieren sich die Führungsgremien in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft nach wie vor aus einem winzigen Segment der Bevölkerung: hellhäutigen, deutschstämmigen Männern, die durchweg aus dem gehobenen Bürgertum stammen.
Mit Aggression zum Erfolg
Einerseits heißt es, die sogenannten Softskills würden immer wichtiger im Beruf - also die als »typisch weiblich« konnotierten Fähigkeiten, zu kommunizieren, sich einzufühlen, zu moderieren und zu integrieren. Andererseits liest man dieser Tage in der evangelischen Zeitschrift Chrismon eine beeindruckende Reportage, die auf mehreren Seiten erklärt, Frauen hätten erst dann Erfolg im Beruf, wenn sie lernten, Hahnenkämpfe zu führen, Ellenbogen zu zeigen, aggressiv zu sein und auf Statussymbolen zu beharren.
Einerseits klagen Frauen über die »gläserne Decke«, die unsichtbaren Netzwerke und unausgesprochenen Vorurteile, die sie am Aufstieg hindern - andererseits sagen Frauen in Umfragen mehrheitlich, sie wollten lieber halbtags arbeiten, um genug Zeit für sich und ihre Kinder zu haben. Als »die Feigheit der Frauen« prangert die langjährige taz-Chefredakteurin Bascha Mika dieses Verhalten in ihrem gleichnamigen Buch an. Ihr Tenor: Frauen könnten schon, sie wollen bloß nicht. Weil sie sich nicht trauen und weil sie letztlich zu bequem seien, achtzig Stunden in der Woche zu arbeiten.
Der Clou ist: Nur Männer haben die Wahl
Was stimmt denn nun? Beides. »Die« Frauen gibt es ebenso wenig wie »die« Männer. Es gibt auch Männer, die keine »Karriere« machen wollen, sondern lieber regelmäßig mit ihren Kindern Fußball spielen. Die keine Lust auf Hackordnungen und dicke Firmenwagen verspüren. Nur: Anders als Frauen haben sie die Wahl. Und männliche Spitzenpolitiker oder Manager werden in der Regel auch nicht gefragt, wie das denn gehen soll mit dem Regieren oder Managen, wenn »erst das Baby da ist«.
Deshalb brauchen wir die Quote. Natürlich kann sie nicht alle Probleme lösen. Weder wird damit die Frage beantwortet, wie familiengerechte Arbeitsplätze aussehen könnten, noch wird sie den Kult um die Anwesenheit am Arbeitsplatz überwinden, der in Deutschland besonders ausgeprägt ist. In Skandinavien gehen auch Väter ganz selbstverständlich um vier oder fünf Uhr nach Hause, um ihre Kinder vom Kindergarten abzuholen. In Deutschland trauen sich das bislang (fast) nur Mütter - denen das dann regelmäßig als mangelndes Engagement ausgelegt wird.
Muss es überhaupt so viele Arbeitsplätze geben, die 10- oder 12-Stunden-Tage erfordern? Ließe sich das nicht häufig auch anders organisieren? Wer kann ernsthaft behaupten, so viele Stunden am Tag leistungsfähig und kreativ zu sein? Und ist ein Leben, das nur aus Arbeit besteht, überhaupt erstrebenswert?
Leistung allein genügt nicht
All diese Fragen kann man stellen. Aber bitte unabhängig vom Geschlecht! Und vielleicht - die Hoffnung besteht - würden sie anders diskutiert, wenn Frauen nicht nur in den unteren und mittleren Rängen mitreden dürften. Eine Garantie dafür gibt es nicht.Denkbar aber wäre es, dass Unternehmen, die von Männern und Frauen geführt werden, sich nach und nach verändern. Auch deshalb brauchen wir die Quote.
Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom
Publik-Forum, kritisch - christlich - unabhängig, Oberursel,
Ausgabe 3/11.







