Artikel (Archiv) > Die Angst vor der Quotenfrau

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Internationaler Frauentag

Die Angst vor der Quotenfrau

Andrea Teupke • 18. February 2011

Sie kann nicht alle Probleme lösen, aber wr brauchen die Quote. Foto: (c) Gerd Altmann / pixelio.de
Sie kann nicht alle Probleme lösen, aber wr brauchen die Quote. Foto: (c) Gerd Altmann / pixelio.de

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich gegen eine gesetzliche Frauenquote in den Spitzengremien der deutschen Wirtschaft ausgesprochen. Das sei mit dem Koalitionspartner FDP nicht machbar. Angestoßen hatte die Diskussion Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Sie fordert eine verbindliche Frauenquote von dreißig Prozent in Aufsichtsräten und Vorständen von börsennotierten Unternehmen. Der FDP gilt dies als unzulässiger Eingriff in die Vertragsfreiheit der Unternehmen. Die Partei setze darauf, dass in den nächsten Jahren automatisch mehr Frauen in die höchsten Führungsgremien kämen, sagte Generalsekretär Christian Lindner.

Die Lage ist sonderbar widersprüchlich: Einerseits gelten Jungen als die Verlierer des deutschen Bildungssystems; sie haben schlechtere Noten und erzielen seltener Abschlüsse als Mädchen - andererseits stellen Männer nach wie vor die überwältigende Mehrzahl der Chefärzte und Professoren, Intendanten und Spitzenmanager.

Einerseits ist längst bekannt, dass Teams umso intelligenter entscheiden, je heterogener sie zusammengesetzt sind - andererseits rekrutieren sich die Führungsgremien in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft nach wie vor aus einem winzigen Segment der Bevölkerung: hellhäutigen, deutschstämmigen Männern, die durchweg aus dem gehobenen Bürgertum stammen.

Mit Aggression zum Erfolg

Einerseits heißt es, die sogenannten Softskills würden immer wichtiger im Beruf - also die als »typisch weiblich« konnotierten Fähigkeiten, zu kommunizieren, sich einzufühlen, zu moderieren und zu integrieren. Andererseits liest man dieser Tage in der evangelischen Zeitschrift Chrismon eine beeindruckende Reportage, die auf mehreren Seiten erklärt, Frauen hätten erst dann Erfolg im Beruf, wenn sie lernten, Hahnenkämpfe zu führen, Ellenbogen zu zeigen, aggressiv zu sein und auf Statussymbolen zu beharren.

Einerseits klagen Frauen über die »gläserne Decke«, die unsichtbaren Netzwerke und unausgesprochenen Vorurteile, die sie am Aufstieg hindern - andererseits sagen Frauen in Umfragen mehrheitlich, sie wollten lieber halbtags arbeiten, um genug Zeit für sich und ihre Kinder zu haben. Als »die Feigheit der Frauen« prangert die langjährige taz-Chefredakteurin Bascha Mika dieses Verhalten in ihrem gleichnamigen Buch an. Ihr Tenor: Frauen könnten schon, sie wollen bloß nicht. Weil sie sich nicht trauen und weil sie letztlich zu bequem seien, achtzig Stunden in der Woche zu arbeiten.

Der Clou ist: Nur Männer haben die Wahl

Was stimmt denn nun? Beides. »Die« Frauen gibt es ebenso wenig wie »die« Männer. Es gibt auch Männer, die keine »Karriere« machen wollen, sondern lieber regelmäßig mit ihren Kindern Fußball spielen. Die keine Lust auf Hackordnungen und dicke Firmenwagen verspüren. Nur: Anders als Frauen haben sie die Wahl. Und männliche Spitzenpolitiker oder Manager werden in der Regel auch nicht gefragt, wie das denn gehen soll mit dem Regieren oder Managen, wenn »erst das Baby da ist«.

Deshalb brauchen wir die Quote. Natürlich kann sie nicht alle Probleme lösen. Weder wird damit die Frage beantwortet, wie familiengerechte Arbeitsplätze aussehen könnten, noch wird sie den Kult um die Anwesenheit am Arbeitsplatz überwinden, der in Deutschland besonders ausgeprägt ist. In Skandinavien gehen auch Väter ganz selbstverständlich um vier oder fünf Uhr nach Hause, um ihre Kinder vom Kindergarten abzuholen. In Deutschland trauen sich das bislang (fast) nur Mütter - denen das dann regelmäßig als mangelndes Engagement ausgelegt wird.

Muss es überhaupt so viele Arbeitsplätze geben, die 10- oder 12-Stunden-Tage erfordern? Ließe sich das nicht häufig auch anders organisieren? Wer kann ernsthaft behaupten, so viele Stunden am Tag leistungsfähig und kreativ zu sein? Und ist ein Leben, das nur aus Arbeit besteht, überhaupt erstrebenswert?

Leistung allein genügt nicht

All diese Fragen kann man stellen. Aber bitte unabhängig vom Geschlecht! Und vielleicht - die Hoffnung besteht - würden sie anders diskutiert, wenn Frauen nicht nur in den unteren und mittleren Rängen mitreden dürften. Eine Garantie dafür gibt es nicht.Denkbar aber wäre es, dass Unternehmen, die von Männern und Frauen geführt werden, sich nach und nach verändern. Auch deshalb brauchen wir die Quote.

Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Publik-Forum, kritisch - christlich - unabhängig, Oberursel, Ausgabe 3/11.

Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Econ Verlag

Icon Rezension; Rudolf Hickel: „Zerschlagt die Banken"

„Zerschlagt die Banken"

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Icon Rezension; Alexander Dill: „Gemeinsam sind wir reich"

Mehr Sozialkapital

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

 „Genug der Farce“, sagt sich Monsieur Demanet.

Icon Film der Woche: Kill me please

Selbstmord inklusive

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt

Icon Film der Woche: Ufo In Her Eyes

„Ein ideologischer Schrottplatz“