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„Die Religion schwingt immer mit“

Kai Doering • 16. February 2011

"Ganz konnte ich die deutsche Ungeduld nicht ablegen." Werner Felten Foto: Südwest-Verlag
"Ganz konnte ich die deutsche Ungeduld nicht ablegen." Werner Felten Foto: Südwest-Verlag

vorwärts.de: Was ist der Unterschied zwischen einem Ostdeutschen und einem Deutschtürken?

Werner Felten: Es gibt eigentlich keinen. Beide gehören zu Randgruppen.

In Ihrem Buch "Allein unter Türken" vergleichen Sie diese beiden "großen Minderheiten in Deutschland". Welche Gruppe steht Ihnen näher?

Beide stehen mir nahe. Durch meine persönliche Lebenserfahrung fühle ich mich der deutsch-türkischen Randgruppe aber mehr verbunden.

Sie schreiben, dass Sie versucht hätten, Ihre "anerzogenen deutschen Tugenden" mit den türkischen in Einklang zu bringen. Hat das funktioniert?

Teilweise ja, teilweise nicht. Ich bin mit der Zeit geduldiger geworden und habe festgestellt, dass man Probleme auch lösen kann, ohne dabei Stress zu haben. Ganz konnte ich die deutsche Ungeduld aber nicht ablegen.

In Ihrem Buch bemängeln Sie die negative Sonderstellung von Türken im Vergleich zu anderen Migranten in den deutschen Medien. Woher kommt die?

Das frage ich mich auch. Den Deutsch-Türken wird häufig sofort etwas unterstellt, das eigentlich gar nicht existiert. Das beste Beispiel ist für mich immer ein Gespräch, in dem mir jemand erzählt hat, die Asiaten seien in Deutschland wunderbar integriert. Der Dame habe ich geraten, mal in einen asiatischen Imbiss zu gehen und zu prüfen, wie gut die Leute, die dort arbeiten, Deutsch können. Meistens können sie nämlich gerade mal die Zahlen auf ihrer Speisekarte lesen. Bei den Türken ist das häufig ganz anders. Ihr großes Problem ist sicher, dass viele Deutsch-Deutsche eine negative Distanz zum Islam haben. Zusammengenommen entsteht so eine ungute Gemengelage. Man würde nie etwas lesen wie "Der Täter asiatischer Herkunft", aber durchaus "Der Täter türkischer Herkunft". Die Religion schwingt da immer mit.

Warum wissen viele Deutsch-Deutsche so wenig über ihre deutsch-türkischen Mitbürger?

Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Ich denke, es hat zum einen damit zu tun, dass wir ganz anders leben als die türkische Gruppe: Bei uns hat die Familie nicht die herausragende Stellung wie bei den Türken. Sie kümmern sich sehr intensiv um ihre Familie und haben dadurch auch weniger Zeit, sich mit uns zu beschäftigen. Bei den Deutsch-Deutschen ist der Stellenwert der Familie nicht so hoch. Deshalb können wir mit der türkischen Lebensweise nicht sehr viel anfangen.

Ist das andersherum genauso?

Ja, ich denke schon. Aus meiner Sicht hat das vor allem damit zu tun, dass die Türken in Deutschland nicht sehr mobil sind. Sie orientieren sich meistens nur dort, wo sie aufgewachsen sind. Deshalb können sie sich oft nicht vorstellen, dass ein Deutscher in München ganz anders ist als in Berlin oder ein Kölner sich von jemandem vom Bodensee unterscheidet. Dementsprechend haben Türken ein sehr einseitiges Bild von den Deutschen.

Wir sprechen jetzt die ganze Zeit von "den Türken", die es ja genauso wenig gibt wie "die Deutschen". Wie könnte man das Bewusstsein für die Vielfalt schaffen?

Ich denke, da spielen die Medien eine entscheidende Rolle. Die greifen sich häufig die Typen raus, die dem landläufigen Türken-Bild entsprechen. "Der Türke" ist dann ein schwarzhaariger, schnurrbärtiger Mann, der in einer Döner-Bude arbeitet oder Obst verkauft. Statt immer nur dieses Klischee zu transportieren, sollten Medien auch mal "normale" Türken zeigen, die sich ganz normal kleiden und einem ganz normalen Beruf nachgehen. Wenn man die öfter zeigt, sollte jedem schnell klar werden, dass die allermeisten Türkischstämmigen Menschen sind wie Du und ich.

Im Bezug auf die Medien schlagen Sie vor, einen deutsch-türkischen Fernsehsender zu gründen, vergleichbar dem deutsch-französischen "arte". Was würde das bringen?

Ich denke, das würde eine Menge bringen. Man muss sich bei "arte" ins Gedächtnis rufen, wie der Sender entstanden ist. Er wurde gegründet, um Deutschen die Franzosen zu erklären und den Franzosen zu zeigen, wie die Deutschen sind. Wenn man so einen Sender für Deutsche und Türken gründen würde, in denen dann etwa türkische Spielfilme synchronisiert gezeigt würden und die deutsche Kultur auf Türkisch erklärt würde, könnte das schon eine Menge bewirken.

Zurzeit wird wieder sehr viel über Integration diskutiert. Sie schlagen als eine Maßnahme in Ihrem Buch scherzhaft vor, alle billigen Flüge in die Türkei zu streichen. Was muss wirklich passieren, um eine bessere Integration zu erreichen?

Zuerst sollten wir mal ganz klar definieren, was Integration überhaupt ist. Man kann unter diesem Wort so viel oder so wenig versammeln, dass das Wort den Deutsch-Türken mittlerweile regelrecht Angst macht.

Warum?

Sie wissen schlichtweg nicht, was sie tun sollen, um sich so zu integrieren, wie es die Deutsch-Deutschen gerne hätten. Gehen Sie von einem Deutsch-Türken aus, der in Deutschland geboren wurde, perfekt Deutsch spricht und einen guten Job hat - und dem trotzdem immer wieder gesagt wird, er müsse sich integrieren. Soll er etwa alle Lebensgewohnheiten der Deutschen nachmachen? Eigentlich ist die Frage, was Integration ist, ganz einfach zu beantworten: Man muss die deutsche Sprache können und den Rest regelt die deutsche Gesetzgebung. Keiner sollte einem anderen vorschreiben, wie er zu leben hat, solange er sich an die Gesetze hält.

Ihr Buch ist seit einigen Wochen auf dem Markt. Von wem haben Sie bisher die meisten Reaktionen bekommen: von den Deutschen oder von den Türken?

Als ich meinen türkischen Bekannten erzählt habe, an was für einem Buch ich schreibe, waren sie erstmal etwas unsicher. Als sie es dann gelesen haben, waren sie hellauf begeistert, dass endlich mal jemand beschreibt, wie sie wirklich leben. Die Deutschen, die auf mein Buch reagiert haben, waren vor allem erstaunt, welche Vielfalt es bei den Moslems gibt. Ich war unsicher, ob ich überhaupt schreiben soll, dass es Aleviten, Sunniten und Schiiten gibt, weil ich dachte, dass das ohnehin jeder weiß. Doch die Resonanz zeigt mir, dass es bei vielen noch großen Nachholbedarf gibt.

Trotzdem haben Sie bewusst kein didaktisches Buch geschrieben, sondern einen humorvollen Ansatz gewählt. Warum eigentlich?

Ironie hat den Vorteil, dass man eine gewisse Distanz zu dem Thema aufbaut, über das man schreibt. Deshalb habe ich mich für diesen Ansatz entschieden. Und natürlich wollte ich auch, dass mein Buch gelesen wird. Wenn man beim Lesen auch mal lachen kann, sieht man die Situation auch nicht so schwierig, wie sie in der Öffentlichkeit häufig dargestellt wird.

Im Herbst jährt sich das Gastarbeiter-Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei zum 50. Mal. Wie sollte dieses Jubiläum gebührend begangen werden?

Ich fände es gut, wenn sich ein Wissenschaftler mal die Mühe machen würde, auszurechnen, wie viel die Türken in den letzten fünfzig Jahren zum deutschen Bruttoinlandsprodukt beigetragen haben. Dabei käme sicher eine Zahl heraus, die so viele Nullen hätte, dass wir sie gar nicht aussprechen könnten. Das würde die Lebensleistung dieser Menschen in unserem Land gebührend darstellen.

Interview: Kai Doering

Werner Felten: Allein unter Türken. Mittendrin statt von oben herab, Südwest-Verlag 2010, 16,99 Euro, ISBN 978-3-517-08668-2

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