Artikel (Archiv) > „Die lassen Frauen keine Chance“

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Interview mit Bascha Mika

„Die lassen Frauen keine Chance“

Susanne Dohrn • 17. February 2011

Bascha Mika: "Während die Frauen wuseln, plustern die Männer sich auf und heimsen die Anerkennung ein."Foto: ARGON / pixelio.de
Bascha Mika: "Während die Frauen wuseln, plustern die Männer sich auf und heimsen die Anerkennung ein."Foto: ARGON / pixelio.de

Die gläserne Decke, an der die Frauen zerschellen, ist von Männern gemacht. Kann man die Frauen dafür verantwortlich machen, dass sie nicht weiterkommen?
Natürlich nicht. Gerade die Strukturen in den Top-Rängen der Wirtschaft lassen Frauen keine Chance. Sie scheitern massenhaft an der gläsernen Decke. Deshalb brauchen wir unbedingt gesetzliche Regelungen. Sonst wird sich nichts ändern.

Christine Bergmann, SPD-Familienministerin 1998 bis 2002, hat mal gesagt: Frauen nehmt eure Kinder, geht zum Bürgermeister, setzt sie ihm auf den Tisch und geht arbeiten.
Genau. Und warum tun wir das nicht? Wie wenig gesellschaftliche Macht Frauen haben, hat sich doch wieder gezeigt, als Angela Merkel sich gegen eine Quote von Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten entschieden hat.

Warum handelt die Kanzlerin so?
Ich befürchte, Angela Merkel ist in diesem Punkt feige. Sie beugt sich den Interessen des Koalitionspartners und der Wirtschaft. Sie glaubt, dass sie völlig problemlos gegen die Interessen der Frauen entscheiden kann. Andere gesellschaftliche Gruppen haben bei uns eindeutig mehr zu sagen.

Warum sind Frauen nicht solidarischer?
Frauen müssen gemeinsame Strategien entwickeln. Aber wir behindern uns selbst, wenn wir immer davon ausgehen, dass wir das nur können, wenn wir alle Schwestern sind. Wir sind nicht alle Schwestern. Dass Frauen sich zu wenig zu den berühmten Netzwerken zusammenschließen und deshalb sowenig Durchsetzungskraft haben, liegt auch daran, dass Frauen immer noch denken: Eine Frau, mit der ich zusammenarbeiten will, muss ich auch mögen. Das ist kompletter Quatsch. Männer mögen sich auch nicht und verfolgen gemeinsam strategische Ziele.

Brauchen Frauen ein männliches Arroganz-Training?
Selbstverständlich müssen Frauen die männlichen Strukturen durchblicken und wissen wie sie funktionieren. Es ist auch wichtig, dass Frauen einige männliche Eigenschaften übernehmen. Umgekehrt ist es für Männer in Führungspositionen wichtig, dass sie sich weibliche Eigenschaften aneignen.

Hannelore Kraft, die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, gab kürzlich ein Beispiel: "Wenn Sie in einer Runde sitzen, in der es eine Auseinandersetzung gibt, uns Sie werden attackiert, dann neigen Frauen dazu, sich vom Tisch zurückzunehmen. Das ist einfach unsere Körpersprache. Aber wenn Sie das tun, geben Sie dem männlichen Gegenüber das Signal, dass Sie zurückweichen."

Genau, sie müssen lernen, strategisch mit männlichen Ritualen umzugehen. Aber es ist ein Unterschied, ob ich etwas strategisch einsetze oder ob ich sage, ich muss jetzt so werden wie ein Mann. Wir sehen ja, wie viel Mist Männer dort veranstalten, wo sie alleine das Sagen haben.

Also Schultern breit machen, auch mal auf den Tisch hauen, nicht zurückweichen, wenn Frau attackiert wird?
Ja, Mut gehört auf jeden Fall dazu. Leider werden Mädchen und Frauen an diesem Punkt zuwenig ermuntert. Mut kann man lernen, er liegt nicht in den Genen.

Frauen denken egalitärer, Frauen sagen "wir" statt "ich". Und dann kommt ein Mann, sagt "ich" und heimst die Lorbeeren ein.
Ja, aber wenn genügend Frauen das Sagen haben, dann können sie egalitärere Strukturen auf die männliche Arbeitswelt übertragen. Das wäre doch ein Ziel.

"Wenn Sie etwas gesagt haben wollen, fragen Sie einen Mann. Wenn sie etwas getan haben wollen, fragen Sie eine Frau." Das hat Großbritanniens Ex-Premierministerin Margaret Thatcher gesagt. Hat sie Recht?
Die Männer reden, die Frauen machen. Das stimmt. Frauen haben das Gefühl, sie müssen fleißig sein und alles perfekt erledigen. Während die Frauen wuseln, plustern die Männer sich auf und heimsen die Anerkennung ein. Frauen müssen nicht bessere Arbeit machen. Im Gegenteil. Um in bestimmte Positionen zu kommen, müssen sie Koalitionen schmieden, für sich selbst sprechen und auch mal andere arbeiten lassen, damit sie fürs networken überhaupt Zeit haben.

Sie sind eine erfolgreiche Frau. Ihr Buch heißt "Die Feigheit der Frauen". Waren Sie nie feige?

Und ob! Ich habe nicht hier geschrien, als es um die TAZ-Chefredaktion ging. Ich habe mich fragen lassen. Und als ich entscheiden musste wo ich studieren will, ging ich nach Bonn, obwohl ich die Stadt Null attraktiv fand. Nur deshalb, weil mein Liebster dort arbeiten wollte. Das war nicht gerade ein Beispiel für eine mutige Beziehung auf Augenhöhe.


Bascha Mika: "Die Feigheit der Frauen" Eine Buchbesprechung finden Sie hier: Fehlende Gleichberechtigung: "... auch wir haben es vermasselt" C. Bertelsmann, München, 2011, 256 Seiten, ISBN 978-3-570-10070-7

Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Cover: Oldenbourg Verlag

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Icon Rezension; Alexander Dill: „Gemeinsam sind wir reich"

Mehr Sozialkapital

Icon Rezension; Jörg Hafkemeyer: "Der Patriot"

Der kleine große Mann aus der zweiten Reihe

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

Für Lothar (André M. Hennicke) gibt es wohl kein Zurück   in sein bisheriges Leben.

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt

Icon Film der Woche: Ufo In Her Eyes

„Ein ideologischer Schrottplatz“

Icon Wuppertal-Vohwinkel

Der braune Fleck im Stadtbild