Politisch kam Singer aus der bürgerlichen demokratischen Bewegung. Seit 1862 Mitglied der Deutschen Fortschrittspartei war Paul Singer ab 1868 in Kontakt mit August Bebel und Wilhelm Liebknecht, wurde Mitbegründer des Demokratischen Arbeitervereins und trat 1869 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) bei. Trotz antisemitischer Verleumdungen wurde Singer im Jahre 1883 als eines der fünf sozialdemokratischen Mitglieder in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt.
Für Sozialdemokratie, gegen Antisemitismus
Auf die Entscheidung der Partei, Singer als Kandidaten aufzustellen, hatte die Berliner Arbeiterschaft mit Begeisterung reagiert. Die Wahlversammlung wurde zu einer spontanen Demonstration
für die Sozialdemokratie und gegen Antisemitismus. 1884 und 1887 erhielt Paul Singer ein Reichstagsmandat, wobei er 1887 sogar die höchste Stimmenzahl alle Kandidaten auf sich vereinigen konnte.
Im gleichen Jahr wurde er in den Parteivorstand gewählt, Vorsitzender der Reichstagsfraktion war er bereits seit 1885.
Paul Singer wurde 1886 von den Behörden aus Berlin ausgewiesen. Kurz zuvor hatte er im Reichstag über einen Agenten der Polizei berichtet, der als Sozialdemokrat getarnt organisierte Arbeiter zu terroristischen Anschlägen verleiten wollte. Singer ließ sich in Dresden nieder und übernahm anstelle des verhafteten Bebel das Amt des Schatzmeisters in der seit 1878 verbotenen Sozialistischen Abeiterpartei (SAP). Seine Abreise wurde zu einer Protestveranstaltung der sozialdemokratischen Arbeiter gegen die "Sozialistengesetze" und den preußischen Obrigkeitsstaat.
Sein ganzes politisches Leben hindurch hatte Paul Singer unter antisemitischen Anfeindungen zu leiden. Die Partei, der er sich zuwandte, die SPD, war erstaunlich frei von Judenfeindschaft. Jüdische Mandatsträger konnten sich vor allem der vorbehaltlosen Unterstützung von Seiten der Parteibasis sicher sein, die regelmäßig die Gelegenheit wahrnahm, dem Antisemitismus offen entgegenzutreten. So hatten bereits 1881 die Berliner Arbeiter eine Resolution verabschiedet, die alle Arbeiter Deutschlands vor der antisemitischen Bewegung warnte und sie dazu aufforderte, ihr bei Wahlen eine Absage zu erteilen. Somit waren Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie gleichzeitig auch Gegenkultur zur deutschnationalen Kultur des Kaiserreiches.
...dass das Gute Wirklichkeit werden kann
Die existentielle Außenseiterrolle der Juden in Deutschland ließ nur zwei Möglichkeiten offen: die der Anpassung oder die der politischen Teilhabe mit dem Ziele, durch eine Veränderung der
politischen Verhältnisse die gesellschaftliche Gleichberechtigung für die jüdische Bevölkerung durchzusetzen. Das Leitmotiv, das bereits die Väter der Arbeiterbewegung Moses Hess, Karl Marx,
Ferdinand Lassalle und Eduard Bernstein miteinander teilten und das sie unzertrennlich mit der organisierten Arbeiterbewegung verband, war die unzerstörbare Sehnsucht, dass das Gute Wirklichkeit
werden kann und dass "ihm die Zukunft gehört".
Aus diesem Grunde war es nicht verwunderlich, dass ein Teil der deutschen Juden, bereits in der Zeit des Kaiserreiches, gerade unter dem Eindruck der immer noch in vielen Bereichen des Lebens erlittenen Zurücksetzung und Diskriminierung die Gelegenheit zur politischen Teilhabe ergriff und den Weg zur Sozialdemokratie fand, zumal gerade diese Partei prinzipiell die Idee einer gleichberechtigten Integration der Juden in die Gesamtgesellschaft verfocht.
Seit der Gründung des Internationalen Sozialistischen Büros im Jahre 1900 arbeitete Paul Singer als ständiges Mitglied dieses Exekutivorgans der Internationale, zu dem auch Lenin als Vertreter Russlands gehörte. Als ehemaliger Fabrikant und wohlhabender Privatier war er jahrzehntelang einer der wichtigsten Geldgeber für die Partei. So war Singer im Jahre 1879 Mitbegründer der Zeitung "Der Sozialdemokrat". 1884 finanzierte er die Gründung des Berliner Volksblattes, das nach dem Auslaufen des Sozialistengesetzes 1891 Grundlage für die Neugründung des "Vorwärts" wurde. Dieser diente nun als Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), in die die Sozialistische Arbeiterpartei 1890 umbenannt worden war. Darüber hinaus war Paul Singer an zahlreichen Vereins- und Verbandsgründungen im Umfeld der Arbeiterbewegung beteiligt.
Charakterfest und tolerant
Im Jahre 1905 beteiligte sich Singer aktiv an den Protesten gegen die Verfolgung von politischen russischen Emigranten und organisierte Protestkundgebungen. Seine Vita als
Führungspersönlichkeit der Arbeiterbewegung, sein Einsatz im Kampf gegen Antisemitismus, aber auch sein Wirken im Bereich der Sozialpolitik und nicht zuletzt in der jüdischen Gemeinde in Berlin
machten Paul Singer zu einem der populärsten und beliebtesten Politiker im späten Kaiserreich.
Als Paul Singer im Januar 1911 erkrankte und nach kurzer schwerer Krankheit starb, gaben ihm fast eine Million Menschen das letzte Geleit. Seine Beerdigung wurde zum größten Trauermarsch, den Berlin je gesehen hatte. Beigesetzt wurde er auf dem als "Sozialistenfriedhof" bekannten Zentralfriedhof im Stadtteil Friedrichsfelde in Berlin-Lichtenberg. Wie auch die politische Vita des wesentlich jüngeren und kurz nach Kriegsbeginn 1914 an der Front gefallenen SPD-Reichstagsabgeordneten Dr. Ludwig Frank schreibt das politische Wirken des Paul Singer die Biografie eines charakterfesten, toleranten und sein politisches Ziel mit aller Konsequenz verfolgenden Menschen. So ist gerade heutzutage die Rückbesinnung auf die Lebensleistung von Demokraten und Sozialisten wie Paul Singer und auch Ludwig Frank von Nutzen für die moderne Sozialdemokratie wie auch die politische Kultur in Deutschland.







