vorwärts.de: Seit heute gibt es einen
überparteilichen Aufruf "Freiheit für die Inhaftierten in Weißrussland". Was muss jetzt folgen?
Martin Schulz: Die weißrussische Regierung muss alle politischen Gefangenen freilassen. Die dortige Diktatur hat ihr böses Gesicht gezeigt. Lukaschenko muss begreifen, dass er
sich dadurch international vollständig isoliert.
Und wenn er nicht reagiert?
Dann sind Sanktionen der EU unvermeidlich. Die hat der Ministerrat schon für den 31. Januar auf der Tagesordnung.
Wie muss man sich solche Sanktionen vorstellen?
Es wird zum Beispiel eine Liste der in Europa nicht erwünschten Personen geben. Das Einreiseverbot träfe nahezu alle Regierungsmitglieder.
Auch Lukaschenko selbst?
Sowieso. Darüber hinaus würden alle in den letzten Jahren erfolgten Annäherungen, etwa im kulturellen und wissenschaftlichen Bereich, infrage gestellt. Allerdings müssen wir Sorge tragen,
dass wir nicht die Zivilgesellschaft schwächen. Die Maßnahmen müssen gegen die Regierung gerichtet sein.
Nicht nur außerhalb der EU sind Presse- und Meinungsfreiheit akut bedroht. Ungarn hat durch ein neues Mediengesetz unangenehm auf sich aufmerksam gemacht. Nach ersten heftigen Protesten
ist es darum ruhig geworden.
Von Ruhe kann keine Rede sein. Die Europäische Kommission hat der ungarischen Regierung am Freitag ein Schreiben zugestellt. Schon nach einer Schnellprüfung wurde in drei Punkten die
Inkompatibilität des ungarischen Mediengesetzes mit fundamentalen medienrechtlichen Normen der Union festgestellt. Die ungarische Regierung ist nun aufgefordert, dazu Stellung zu nehmen. Ich
vertraue auf die Zusage Ministerpräsident Orbans, dass er ein neues, verbessertes Gesetz vorlegen wird.
Und wenn er das nicht tut?
Dann sind harte Auseinandersetzungen zwischen dem Europäischen Parlament und ihm zu erwarten. Aber ich vertraue auf seine Zusage, die er ja auch als amtierender Vorsitzender des
Europäischen Ministerrats gegeben hat. Niemand sollte ein Interesse an einem Konflikt zwischen europäischen Institutionen haben.
Als politischer Freund des weißrussischen Diktators Lukaschenko gilt der italienische Ministerpräsident.
Silvio Berlusconi ist eine bemerkenswerte Erscheinung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein anderer Politiker, in welchem europäischen Land auch immer, dem ähnliche Affären auch nur
nachgesagt würden, eine Stunde im Amt überleben könnte.
Berlusconi hat die italienischen Medien im Griff. Erleben wir nicht auch in anderen Ländern eine zunehmende Instrumentalisierung der Medien im Interesse von Privatpersonen oder
Unternehmen?
Eine Tendenz zur Boulevardisierung der Politik ist leider überall erkennbar. Ob in Frankreich mit Sarkozy und seiner Carla oder in Deutschland mit dem Baron zu Guttenberg und seiner
Fürstin. Aber ich bin sicher, dass die Italiener Berlusconis überdrüssig sind.
Haben die Italiener denn eine Alternative?
Das politische System Italiens steht leider so unter dem Einfluss des Berlusconismus, dass sich womöglich nicht viel ändern würde, auch wenn Berlusconi abträte. Dafür sorgt schon das von
ihm gezimmerte Wahlrecht.
Ist der Berlusconismus nicht auch anderswo in Europa auf dem Vormarsch?
Leider ja. Nicht nur in Ungarn, auch in einigen anderen Ländern gibt es Alarmzeichen. Ich habe davor schon vor zehn Jahren gewarnt. Berlusconi ist zu lange als folkloristisches Ereignis
wahrgenommen und verharmlost worden. Vor zehn Jahren hat sich Europa noch über den Aufstieg Jörg Haiders in Österreich erregt. Heute ist die Regierung in Den Haag vom Rechtspopulisten Geert
Wilders abhängig.
Ist wenigstens Deutschland vor dem Berlusconismus gefeit?
Kein Land ist davor gefeit. Aber ich glaube schon, dass die Bundesrepublik Deutschland ein stabileres politisches System als viele andere Länder hat. Wir sind aus historischer Erfahrung
vielleicht nicht populismus-resistent, aber wir sind vorsichtiger.
Interview: Uwe Knüpfer







