Bundespräsident, Ministerpräsident, Oberbürgermeister - die Verdienste
Johannes Raus im In- und Ausland sind unumstritten. "Er war ein Politiker mit außerordentlicher Ausstrahlung,
auf den Verlass war, der sich kümmerte - ein Unikat, nicht kopierbar", so würdigte Hannelore Kraft vor namhaften Politikern und in Anwesenheit seiner Frau Christina Rau am Montag in Berlin ihren
Vorgänger im Ministerpräsidentenamt Nordrhein-Westfalens.
Selbstbestimmt und frei leben
Vieles habe er vorweggenommen, was nach wie vor aktuell sei, erklärte Kraft. Beispielhaft sei sein Plädoyer gegen die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, denn "er war sich bewusst, dass
der Markt nicht von selbst für einen sozialen Ausgleich sorgt und Politik mehr sein muss als ein Reparaturbetrieb gesellschaftlicher Verwerfungen." Um die Globalisierung aktiv zu gestalten,
bedürfe es einer Wertvorstellung jenseits des Wettbewerbs, sei sich Rau sicher gewesen.
Vielen seiner Ziele sei die Sozialdemokratie auch weiterhin verpflichtet. "Wir müssen mit unserem Tun beweisen, dass wir die Welt ein Stückchen menschlicher machen", zitierte Kraft. "Unsere
großen Anstrengungen müssen bei den Menschen ankommen, auch wenn es länger dauert als nur eine Legislaturperiode." Mediendruck und Atemlosigkeit dürften nicht zur Selbstbeschäftigung führen,
warnte sie.
Kraft betonte Raus Engagement für mehr Integration. "Er trat ein für eine Gesellschaft, in der man ohne Angst verschieden sein könne. Dabei war Integration für ihn kein mildtätiger Akt,
sondern Handeln im aufgeklärten Eigeninteresse." Auch in der Bildungspolitik habe Rau Maßstäbe gesetzt, sagte sie. Dass Schulen sich um jeden Einzelnen kümmern müssen und niemanden zurücklassen
dürfen, sei auch heute ein Leitmotiv für Bildungspolitik in NRW, erklärte sie.
Humanität als Maßstab politischen Handelns
Wladislaw Bartoszewski, Staatssekretär und außenpolitischer Berater des polnischen Ministerpräsidenten, erinnerte an
das außenpolitische Engagement Raus in Polen. Stets war Rau voller Beispiele der Gemeinsamkeit beider Staaten, sagte er. "Wenn das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert der Kriege war, so lassen sie
uns daran arbeiten, dass das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert des Friedens werde", zitierte Bartoszweski. Auf dem steinigen Weg Polens in die Europäische Union sei Rau ein verlässlicher Partner
gewesen, von ihm stamme die Aussage, "dass ohne Polen Europa nicht Europa sei".
Per Videobotschaft würdigte
Shimon Peres, Präsident des Staates Israel, die Verdienste Raus für die Aussöhnung mit dem jüdischen Volk. Seine erste wichtige
Auslandsreise als Bundespräsident habe ihn im Februar 2000 nach Israel geführt. Damals hielt er - als erster deutscher Politiker - eine vielbeachtete Rede im israelischen Parlament, der Knesset.
Die Erinnerung an ihn lebten in Israel weiter, sagte Peres.
Primat der Politik wiederfinden
"Ein Politiker mit hoher Sprachfähigkeit und Fingerspitzengefühl, der den Menschen auf's Maul schaute und nicht nach dem Munde redete", so beschrieb der ehemalige Bundesminister und
Vorsitzende der SPD,
Hans-Jochen Vogel seinen Weggefährten. Den Wert eines Menschen nach seinem ökonomischen Nutzen zu
bemessen, hielt er für verwerflich, so Vogel. Er präsentierte das Buch:
"Johannes Rau. Ein Politikerleben in Briefen, Reden und Bildern", in dem man ihn kennenlernen könne. "Denn er selbst spricht in diesen Briefen und Reden
über die Menschenpflicht, sich für das Gemeinwesen zu engagieren", sagte er. "Nur der könne mit sich im Reinen sein, der dieser Pflicht gerecht werde", zitierte er Rau.
Doch nicht nur das Buch wird dafür sorgen, die Erinnerungen wach zu halten. Auch die Gründung der Johannes-Rau-Gesellschaft hat das Ziel, das Andenken an Johannes Rau zu wahren, dessen
Todestag sich am 27. Januar zum 5. Mal jährt. Die Gesellschaft wird Stipendien an Promovierende vergeben, die wissenschaftlich das Wirken von Johannes Rau bearbeiten.
Wolfgang Gröf/Sabine Kneib (Hg.)
Johannes Rau: Ein Politikerleben in Reden, Briefen, Bildern
Mit einer Einleitung von Erhard Eppler
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188 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag
38,00 €
ISBN 978-3-8012-0406-8
Mehr unter
www.dietz-verlag.de/0406
Alt-Bundespräsident Johannes Rau wäre im Januar 2011 80 Jahre alt geworden. Die Friedrich-Ebert-Stiftung widmet dem beliebten Politiker und Staatsmann einen einzigartigen Band mit
zahlreichen unveröffentlichten Dokumenten, Texten sowie Fotos u.a. von Jupp Darchinger, Thomas Imo und aus dem Besitz der Familie Rau.







