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„Die sozialdemokratische Idee ist sexy“

Alexander Linden • 21. January 2011

Schauspieler Sebastian Ströbel
Schauspieler Sebastian Ströbel

vorwärts.de: Sebastian, braucht die SPD eigentlich einen Karl-Theodor zu Guttenberg?

Ströbel: Ich bewundere fast die Konsequenz, mit der das Paar Guttenberg in die Schlagzeilen drängt. Da hat die Ururenkelin des ehrlichen Maklers den Makler der Ehrlichkeit geheiratet. Inhaltlich bin ich von Herrn zu Guttenberg nicht überzeugt. Dass er seine Frau mit nach Afghanistan nimmt, finde ich legitim, aber diese Inszeniertheit, das ist beinahe pharisäerhaft. Solche schönen Bilder lenken davon ab, was eigentlich in Afghanistan passiert. Meinen Respekt hätte er bekommen, wenn beide hingeflogen wären und danach in aller Stille zwei, drei große Zeitungsinterviews geben hätten, in denen sie ihre Erlebnisse schildern. Die SPD braucht keinen KT zu Guttenberg, da bin ich sicher. Sein ist wichtiger als Schein.

Beruhigend. Was unterscheidet die SPD denn von anderen großen Parteien wie der CDU und der FDP?

Ist die FDP eine große Partei? Aber im Ernst: Keine Partei hat so viele Krisen in ihrer Geschichte durchgestanden, soviel Prügel bezogen und so viele Debatten hinter sich. Schröders Agendapolitik oder auch die Entstehung der Linkspartei - das war alles nicht leicht, und doch ist die SPD immer noch da. Sie ist die einzige Partei, die verlässlich für Ausgewogenheit in der Gesellschaft steht. Dieser Anspruch an soziale Gerechtigkeit steht nur bei ihr im Mittelpunkt.

Soziale Gerechtigkeit ist wohl eher eine gesellschaftliche Wunschvorstellung...

Sie ist bei der SPD aber auch politische Zielsetzung. Und darauf kommt es an. Mittel- und Unterschicht werden von keiner anderen Partei so sorgsam repräsentiert und betreut. Die Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn sie auf Solidarität und Gleichgewicht gründet. Soziale Gerechtigkeit ist einer der Pfeiler der Demokratie - das kann man gar nicht genug betonen.

Mit anderen Worten: Bislang gab es in Deutschland keine Ausschreitungen, weil wir sozialdemokratisiert sind?

Abstrakt gesagt, ja. Ich glaube schon, dass wir Deutschen zum Beispiel auch deshalb mit der Wirtschaftskrise besser fertig geworden sind als beispielsweise die USA, weil wir mehr auf Ausgewogenheit achten. Dafür stand die SPD in der Großen Koalition, und dafür steht sie noch immer.

Auch andere Parteien schreiben sich das auf die Fahnen. Sogar die FDP behauptet ja, sie sei in Wahrheit die Partei des Mittelstands?

Die Liberalen sind eindimensional und wirken immer stärker lobbyistisch. Ich bin enttäuscht, wie sie angeblich den Datenschutz verteidigen, aber gleichzeitig auch unter ihrer Ägide der gläserne Bürger immer näher rückt.

Was stört dich noch an der Politik der aktuellen Bundesregierung?

Die unsägliche Atompolitik zum Beispiel. Das ist eine einzige Bankrotterklärung. Da wurden gefasste Beschlüsse einfach so rückgängig gemacht. Und das Zurückpfeifen des Umweltministers Röttgen durch seine Chefin finde ich unglaublich. Außerdem ist es an der Zeit, dass alle etwas vom Aufschwung abbekommen, nicht nur Stromkonzerne, Hotelbesitzer und Pharmaunternehmen. Zusammen in die Krise, zusammen aus der Krise.

Von der SPD erhoffst du dir demnach bessere Politik, wenn sie regiert?

Ja. Auch wenn sie programmatisch noch nicht gut genug aufgestellt ist: Allein in der Bildungspolitik und bei der Integration ist die SPD meilenweit vor Union und FDP. Die Sozialdemokraten reichen auch fremden Kulturen die Hand. Am besten ergänzen sie sich da mit den Grünen.

Bist du generell für Rot-Grün?

Wenn es keine absolute Mehrheit gibt, durchaus. Allerdings sollte die SPD die stärkere Kraft sein. Die Grünen haben etwas von einer Art Öko-FDP. Sie sind mir nicht komplex genug, auch wenn sie eine gute Integrationspolitik verfolgen.

Multikulti gilt inzwischen als Schimpfwort..

Ich sehe auch die Probleme, dass man von Immigranten mehr erwarten kann, wenn sie in Deutschland leben möchten; dass sie deutsch sprechen können, gehört für mich dazu. Aber zunächst mal gilt: Wenn man als Ausländer herkommt, ist man doch erstmal ganz unten - meistens jedenfalls. Diese Menschen brauchen integrative Bildungspolitik und eine soziale Leiter. Die müssen mitgenommen werden. Integration geht alle an. Und ganz ehrlich: Eine moderne Gesellschaft muss auch Kopftücher aushalten.

Du bist bewusst nach Hamburg-Harburg gezogen - ein Stadtteil, der alles andere als elitär ist?

Es war nicht bewusst, um ein Zeichen zu setzen. Ich mache einfach keinen Unterschied. Entscheidend ist, dass man sich wohlfühlt. Ich mag "multikulti", und ich empfinde es als Bereicherung, mich mit Eltern mit diesem so genannten Migrationshintergrund zu unterhalten, wenn ich sie im Kindergarten meiner Tochter oder auf der Straße treffe. Wie kann man das ablehnen?

Harburg gilt als Brennpunkt. Noch nie mit Gewalt konfrontiert worden?

Auch mein Auto wurde schon zerkratzt. Aber nur deshalb ziehe ich doch nicht nach Uhlenhorst (Millionärsstadtteil in Hamburg, Anm. der Redaktion). Auch wir "Einheimischen" müssen ein Zeichen setzen gegen die anhaltende Ghettoisierung der Stadtteile. Unsere Demokratie zeichnet auch der Pluralismus aus. Es gibt viele Migranten, die sich vorbildlich integrieren, die fließend deutsch reden und teilnehmen. Sie sind ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft. Über Sie redet niemand. Nur "der böse Moslem" wird wahrgenommen.

In Hamburg stehen die Sozialdemokraten womöglich sogar vor einer absoluten Mehrheit. Was erhoffst du dir von der SPD in deiner Heimatstadt?

Eine bessere Bildungspolitik, wie ich schon sagte. Und eine menschlichere Sozialpolitik. Was ist das für eine Gesellschaft, die zulässt, dass alte Menschen leere Flaschen aus Mülleimern fischen? Und was ist das für eine Gesellschaft, die Mehrwegflaschen einfach wegwirft? Vor allem aber erwarte ich eine gescheitere Kulturpolitik. Die Theaterszene zum Beispiel ist in Hamburg durch ein brutales Sparprogramm in die Bredouille gebracht worden. Auf der anderen Seite gönnt sich die reichste Stadt Deutschlands eine gigantische Elbphilharmonie. Wie passt das zu Museenschließungen? Selbst im ewig klammen Berlin wird in der Kultur nicht so zusammengestrichen. Das, da bin ich mir sicher, wird die SPD rückgängig machen.

Du hast drei Töchter, die Gebührenerhöhung bei Kindertagesstätten durch die CDU in Hamburg dürfte dir nicht egal sein.

Ich bin nicht generell gegen Gebühren. Ich finde aber, dass es Irrsinn ist, wenn die Gebühren so hoch sind, dass genau diejenigen, für deren Kinder es wichtig wäre, in einer Tagesstätte zu sein, die Gebühren nicht zahlen können. Es muss doch möglich sein, zumindest den sozial Schwächeren die Gebühren zu erlassen. Und die Erhöhung durch die CDU - inakzeptabel, wenn man sinnvolle Bildungspolitik machen will.

Man kann erahnen, dass du für die hamburgische Schulreform warst.

Natürlich. Leider haben das die Eliten verhindert. Warum können sich diese Menschen nicht auch mal auf etwas Neues einlassen? Letztendlich kommt es jetzt wohl dazu, dass die Reichen ihre Kinder systematisch von Migrantenkindern oder Kindern aus sozial schwächeren Schichten fernhalten. Eliten züchten sich ja immer nach und wollen dann unter ihresgleichen bleiben. Wir müssen unseren Kindern außer Ehrgeiz und Ellbogen auch vermitteln, dass es wichtig ist Solidarität mit Schwächeren zu zeigen. Und "multikulti" heißt eben nicht nur englisch, französisch, spanisch!

Die SPD steht für mehr Volksentscheide. Teilst du das?

Nein. Ich bin gegen Volksentscheide. Denn die nehmen nur die hoch gebildeten Schichten wahr. Aber diejenigen, die es oft betrifft, können das nicht immer ganz erschließen und werden benachteiligt.

Dann wäre es doch gut, möglichst viele junge Menschen an die Politik heranzuführen, um alle Schichten abzudecken.

Unbedingt. Junge Leute sollen sich engagieren, an ihrer Zukunft mitwirken, sie selbst gestalten. Das muss und will ich auch. Gerade als Künstler muss ich Position beziehen. Politisch zu debattieren ist doch toll. Man muss nicht immer einer Meinung sein, aber man sollte wenigstens eine haben.

Du verteidigst die SPD eindrucksvoll. Findest du die Partei noch sexy?

Muss eine Partei das überhaupt sein? Aber um zu antworten: Ja. Ich glaube auch nicht, dass das mit diesem oder jenem Vorsitzenden zusammenhängt, sondern schlicht mit der sozialdemokratischen Idee. Das allein hat schon Charisma. Die SPD hat es nicht leicht zurzeit, ich vergleiche das mit meinem Lieblingsfußballverein. Ich bin Fan vom 1. FC Nürnberg …

… dann bist du leiden ja gewöhnt …

… aber das Entscheidende ist dabei: Ich blicke auf das Emblem und fühle mich wohl, das gibt mir Heimat. Und das fühle ich auchbei der SPD.


Sebastian Ströbel (33) studierte nach dem Abitur Schauspiel am altehrwürdigen Mozarteum in Salzburg. Nach etlichen Gastrollen in TV-Serien, Fernseh- und Kinofilmen gelang Ströbel 2004 der Durchbruch. Mit der erfolgreichen RTL-Actionserie "Countdown", deren zweite Staffel jetzt gestartet ist, und dem TV-Zweiteiler "Augustinus" hat der Frauenschwarm sich eine noch größere Fangemeinde erspielt. Neben der Filmschauspielerei will er demnächst auch wieder auf der Theaterbühne stehen. Ströbel lebt mit seiner Frau und den drei Töchtern in Hamburg-Harburg.

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