Krings weist nach, dass der 1897 in Essen geborene Dietrich ab Herbst 1931 zur engeren Entourage Hitlers gehörte. Der promovierte Nationalökonom war Reichspressechef, SS-Obergruppenführer, Reichstagsabgeordneter und Staatssekretär. Er begleitete Hitler auf seinen politischen Reisen. Dietrich prägte das Bild des "Führers" als charismatischer Heilsbringer mit messianischer Bedeutung mit. Das Johannesevangelium deutete er in eine Art irdische Erlösungslehre um und präsentierte Hitler als "Retter der Nation". Sein 1933 erschienenes Buch "Mit Hitler in die Macht" war ein Bestseller und trug maßgeblich dazu bei, den Hitler-Mythos zu etablieren.
1933: Juden und Marxisten aus dem Deutschen Presseverband ausgeschlossen
Nach Hitlers Machtübernahme 1933 übte Dietrich erheblichen Einfluss auf die Neuausrichtung der gesamten deutschen Presse aus. Er war maßgeblich beteiligt an der Umstrukturierung und Verstaatlichung des Reichsverbandes der Deutschen Presse (RDP). Im Kapitel "'Säuberung' des Reichsverbandes der deutschen Presse" dokumentiert Krings eindrucksvoll, "wie gründlich sich deutsche Journalisten von einer Clique untereinander zerstrittener Satrapen und Staatsterroristen domestizieren ließen", so Lutz Hachmeister in seinem Vorwort.
Am 30. April 1933 gehörte nur die Hälfte der Delegierten des RDP der NSDAP an, bürgerliche Mitglieder stellten die Mehrheit. Dennoch wurde der NS-Pressechef Dietrich zum Vorsitzenden gekürt und konnte dafür sorgen, dass "Juden und Marxisten" aus dem Verband ausgeschlossen wurden. Von den 108 Delegierten des Reichsverbandstages votierten mehr als 90 Prozent für die antisemitischen Pläne. Krings wertet dies als "große Anpassungsbereitschaft der deutschen Journalisten" und sieht einen "rasant verlaufenen Entsolidarisierungsprozess in ihren Reihen".
1934: "Nichtariern" jede journalistische Tätigkeit untersagt
Das von Dietrich mitentwickelte Schriftleitergesetz untersagte "Nichtariern" ab 1934 jegliche journalistische Tätigkeit. Mit dem mehrheitlichen Votum für den Ausschluss von "Juden und Marxisten" trug der RDP dazu bei, dass große Bevölkerungsteile die antisemitische Politik der Nazis befürworteten. "Beides", so Krings, "war unabdingbar für das Entstehen des späteren genozidalen Prozesses."
Kritisch hinterfragt Krings auch die Politik der journalistischen Standesvertretung vor 1933 und konstatiert, dass der RDP "weit hinter" seinen "Möglichkeiten zu publizistischem Widerstand" gegen die Nazis zurückgeblieben sei und der fatalen politischen Entwicklung der Weimarer Republik wenig entgegensetzte.
Schlüsselrolle für die NS-Medienlenkung
Der rassistische Antisemit Dietrich war von der Existenz einer "jüdisch-bolschewistischen" Weltverschwörung überzeugt. In den 1940 von Dietrich eingeführten Tagesparolen wurden Journalisten vom Propagandaministerium aufgefordert, "speziell auf die Schädlichkeit der Juden" hinzuweisen. Die Einführung des Judensterns als Zwangskennzeichnung der jüdischen Bevölkerung sollte gerechtfertigt werden. So habe Dietrich einen wesentlichen Beitrag zur Ausgrenzung jüdischer Bürger, der propagandistischen Vorbereitung ihrer Verfolgung und schließlich zur industriell betriebenen Massenvernichtung geleistet.
Krings weist in seiner Dissertation nach, dass bislang ein schiefes Bild von den Realitäten der Verantwortlichen für die NS-Medienlenkung gezeichnet wurde. Die Fixierung auf Hitlers Chefpropagandisten Goebbels muss nach diesem Standardwerk relativiert werden. Goebbels, Star der NS-Propaganda, war dem Staatssekretär Dietrich zwar als Minister übergeordnet, aber auf Parteiebene standen die beiden Konkurrenten im Rang von Reichsleitern auf einer Stufe.
Als Staatssekretär im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda oblag Dietrich die Ausrichtung und Kontrolle der gesamten deutschen Presselandschaft und die Aufsicht über die in Berlin akkreditierten Auslandskorrespondenten. Er war damit Pressechef der NS-Regierung in Goebbels' Ministerium. Verglichen mit diesem habe seine Persönlichkeit jedoch farblos gewirkt, so Krings. Er sieht darin einen der Gründe, dass die Bedeutung Dietrichs sowohl von Journalisten im NS-Staat als auch später von der Forschung unterschiedlich bewertet wurde.
Verurteilter Kriegsverbrecher
Im Wilhelmstraßen-Prozeß, dem vorletzten und umfangreichsten von insgesamt zwölf Nürnberger Folgeprozessen für Kriegsverbrecher, wurde Dietrich 1949 zu sieben Jahren Haft verurteilt. Bereits im August 1950 vom US-Hochkommissar John McCloy begnadigt, starb Dietrich im November 1952 in Düsseldorf. Dietrichs persönlicher Referent, Werner Stephan, wurde 1955 Bundesgeschäftsführer der FDP und drei Jahre später erster Geschäftsführer der Friedrich-Naumann-Stiftung.
Krings recherchierte für seine brillante Studie "Hitlers Pressechef" in zahlreichen Archiven im In- und Ausland. Darüber hinaus hatte er Zugang zum persönlichen Nachlass Otto Dietrichs. Diese Fleißarbeit spiegelt sich in einem enormen Fußnoten- und Anmerkungsapparat wider. Krings Buch geht weit über eine biografische Darstellung von "Hitlers Pressechef" hinaus. Es ist ein bedeutender Beitrag zur Mediengeschichte der NS-Zeit, der nicht nur in Fachkreisen Verbreitung finden sollte.
Stefan Krings: "Hitlers Pressechef. Otto Dietrich (1897 - 1952). Eine Biografie", Wallstein Verlag, Göttingen, 2010, 544 Seiten, 58 Euro, ISBN 978-3-8353-0633-2







