Nur, weil es scheinbar alle tun? Weil man sich dem Baumschmückzwang einfach nicht entziehen kann, wenn die Tage kürzer werden? Herdentrieb spielt sicher eine Rolle, aber warum "tun es" scheinbar alle? Trotz des ebenfalls allgegenwärtigen Gemeckers über Konsumzwänge, Besinnlichkeitsgedudel und Christbaumkitsch?
Seit Menschengedenken halten wir inne, wenn die längste Nacht des Jahres gekommen ist.
Lange bevor der Weihnachtsbaum erfunden wurde, lange bevor das Christenkreuz über Europa kam, feierten die hier lebenden Kelten - wie "Barbaren" fast überall - das Fest der Wintersonnenwende. Sie huldigten einen Rhythmus der Natur, den sie so wenig beeinflussen konnten wie wir es heute vermögen, trotz Internet und Mondraketen.
Die Wintersonnenwende versprach, dass es wieder wärmer werden würde, nicht sofort, aber bald. Dass an kahlen Ästen bald neues Grün sprießen, Eis wieder flüssig werden würde. Weihnachten war und ist ein Fest der Hoffnung; der Gewissheit, dass auch das schlimmste Elend irgendwann ein Ende hat.
Es war eine geniale Idee der Christen, an genau diesem Wendepunkt des Jahres den Geburtstag jenes Menschen zu feiern, der die Idee zu ihrer Kirchengründung geliefert hat. Niemand weiß, wann genau Jesus "von Nazareth" geboren worden ist. Wir wissen, dass er nicht von Adel war, wie das "von" es nahe legen könnte. Im Gegenteil: Jesus kam als uneheliches Kind einer Spätgebärenden zur Welt. Sein betagter Stiefvater arbeitete als Zimmermann. Jesus wuchs in eine Patchworkfamilie hinein und suchte sich in religiösen Kreisen eine größere Ersatzfamilie. Die wirtschaftlichen und politischen Umstände in seiner Heimat Galiläa waren, gelinde gesagt, unsicher. Die römische Besatzungsmacht regierte mit Zuckerbrot und Peitsche und Kreuzigungen. Juden fühlten sich wie Fremde im eigenen Land.
Dem Judenkind Jesus gelang der Aufstieg durch Bildung. Zu seiner Zeit hieß das: lesen und schreiben lernen, die Schriften der Propheten studieren. Doch er verweigerte sich der Integration in die Priesterkaste. Denn die setzte, wie jede kirchliche Organisation, auf Integration durch Abgrenzung: von den Andersgläubigen, den Ungläubigen. Und auf Kooperation mit den Unterdrückern. Jesus jedoch setzte den Einen Gott mit Liebe gleich und leitete daraus die Allgültigkeit der Menschenrechte ab; 1800 Jahre, bevor der Begriff im Zeichen der Aufklärung neu erfunden worden ist.
Jesus akzeptierte keine Unterscheidungen aufgrund von Status und Einkommen, Herkunft und Macht, Hautfarbe und Geschlecht. Jeder, der mit ihm bete, sagte er, gehöre seiner "Kirche" an, einer Kirche ohne Organisation und Gebäude, denn vor Gott seien alle Menschen gleich. "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst": das ist keine Aufforderung zum Rückzug aus der Welt, zur mitleidigen Selbstentäußerung. "Wie dich selbst", das heißt zunächst: Liebe Dich! Sieh zu, dass Du was aus Deinen Möglichkeiten machst! Gestalte Dein Leben produktiv und liebevoll! Und hilf anderen, es ebenso zu tun! Später geborene Philosophen brauchten nur mehr Worte, das Gleiche zu sagen.
Diese Botschaft war aus Sicht der Mächtigen, der Etablierten, gefährlich. Sie stellte Standesgrenzen und Autoritäten jeder Art in Frage. Sie bedrohte Privilegien. Sie entlarvte Dünkel und Bigotterie. Deshalb musste Jesus sterben. Er wurde hingerichtet wie ein gemeiner Verbrecher. Auf dass niemand mehr seine verrückte Botschaft ernst nehmen würde.
Das wahrhaft Wundersame ist: Jesus, der Mensch, war tot, aber seine Botschaft überlebte. Sie überlebt bis heute, obwohl sich staatliche und kirchliche Autoritäten immer wieder größte Mühe gaben, sie zu kanonisieren, unter Kitsch zu begraben und im Auslegungsstreit kleinzumahlen.
Die reine Botschaft Jesu unterscheidet sich kaum von dem, was Sozialdemokraten wollen: dass jeder Mensch ungeachtet seiner Herkunft das Beste aus seinen Möglichkeiten macht, und dass diese Möglichkeiten nicht durch Standesgrenzen und Privilegien verstellt werden. Sie wollen eine friedliche Welt ohne Grenzen.
Sie wollen sie freilich nicht erreichen ausschließlich durch intensives Gebet, sondern durch tätiges, durch politisches Handeln. Getreu dem Versprechen: Hilf Dir selbst, dann hilft dir Gott! In sozialdemokratischer Erweiterung: Hilf Dir in Gemeinschaft mit anderen, umso gewisser ist auch Gott bei Euch! Ob wir an ihn glauben oder nicht.
Ob wir in die Kirche gehen oder nicht: zu Weihnachten feiern wir, wenn wir Kerzen entzünden und Stollen essen, wenn wir Gesellschaft suchen - sei es im Kreis der Familie, sei es in Kirchen oder Heimen oder auch nur in der Kneipe -, die Immerwiedergeburt dieser Botschaft. In diesem Fall in der Gestalt eines nackten, frierenden, schutzlosen Migrantenkinds.
Frohe Weihnachten!







