Simon Wiesenthal wurde am 31. Dezember 1908 in Buczacz, einer Kleinstadt in Galizien geboren. Er studierte an den Technischen Hochschulen in Prag und Lemberg, arbeitete als Bauleiter und Ingenieur. Am 22. Juni 1941 marschierte die deutsche Wehrmacht ein. Unmittelbare Folge war ein viertägiger blutiger Pogrom durch Ukrainer, unter Beteiligung deutscher Soldaten.
NS-Tätern in Listen erfasst
Als die siegreiche Rote Armee 1944 in Lemberg einzog, lebten von den ursprünglich 160.000 Juden noch 3.400. Unter jenen die Zwangsarbeit, Ghetto, Massenerschießungen und Gaskammern überlebt hatten war Simon Wiesenthal. Als Zwangsarbeiter in einem Ausbesserungswerk der Ostbahn hatte er zwei Vorgesetzte gehabt, die ihm wohlgesonnen waren und letztlich zur Flucht verhalfen. Sein Leben, erklärte Wiesenthal immer wieder, sei dank anständiger Deutscher gerettet worden.
Nach den "zehn schrecklichsten Monaten seines Lebens" wird Wiesenthal am 5. Mai1945 von den Amerikanern im KZ Mauthausen befreit. Schon wenige Tage später stellt er für den amerikanischen Lagerkommandanten eine Liste mit 150 Namen von NS-Tätern zusammen und bietet seine Mitarbeit an. Damit beginnt seine Dokumentationstätigkeit, die er in den nächsten 15 Jahren - neben der Hilfe für jüdische Flüchtlinge - im österreichischen Linz ausüben wird.
Wiesenthals Nachlass
Sehr ausführlich und mitunter allzu detailreich beschreibt Tom Segev dann Erfolge und Fehlschläge dieser Mission, insbesondere bei der pannenreichen Fahndung nach Adolf Eichmann. Er wertet dafür Tausende von Akten und den aus 300.000 Blatt bestehenden Nachlass Wiesenthal aus, an dem er sich, so scheint es, Ordner für Ordner unter strikter Wahrung der Chronologie entlang schreibt. Er schöpft also aus zahllosen, zumeist unveröffentlichten Quellen, in denen der Leser mitunter zu ertrinken droht.
Ausführlich wird der zeitgeschichtliche Kontext behandelt. Segev erinnert daran, dass der Holocaust in den fünfziger Jahren nur eine marginale Rolle im Bewusstsein der Öffentlichkeit spielte. Auch nicht in Israel, das zuvörderst um seine Existenz kämpfte und die Verfolgung von NS-Verbrechen hintanstellen musste. Die Überlebenden schwiegen zumeist, aus den verschiedensten Gründen. Im Kalten Krieg galten andere Prioritäten. Die Amerikaner verloren das Interesse an einer Bestrafung der NS-Täter, ließen bisweilen sogar welche für sich arbeiten, etwa Klaus Barbie.
Der Eichmann-Prozess als Wendepunkt
Erst mit der Entführung Adolf Eichmanns, am 11. Mai 1960, durch Agenten des israelischen Geheimdienstes, für den Wiesenthal seit 1949 arbeitete, begann ein Umdenken. Zwischen Prozessbeginn in Jerusalem, am 11. April 1961, und Eichmanns Hinrichtung im Mai 1962 wurde die Ermordung der europäischen Juden zu einem zentralen Ereignis.
Wiesenthal, der seitdem etwas mehr Resonanz und Anerkennung findet, verlegt sein Dokumentationszentrum 1961 nach Wien. Für internationale Aufmerksamkeit sorgen besonders die Fälle der NS-Täter Hermine Braunsteiner-Ryan, Josef Mengele und Franz Stangl. Ab 1965 kämpft Wiesenthal sein Kampf um eine Verlängerung der Verjährungsfrist für NS-Verbrechen in der Bundesrepublik.
Kein Friedensnobelpreis
In aller Breite schildert Segev die Fehde zwischen Wiesenthal und dem österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky. Wiesenthal protestierte auch gegen Mitglieder mit NS-Vergangenheit im Kabinett des Juden Bruno Kreisky. In Bedrängnis geriet Wiesenthal durch seine voreilige Ehrenerklärung für den österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim. Dieser hatte seine Vergangenheit in der Wehrmacht vertuscht.
Außerdem thematisiert Tom Segev die Auseinandersetzung zwischen Simon Wiesenthal und Elie Wiesel: "Beide wetteiferten um die höchste Autorität, im Namen der Opfer des Holocaust und seiner Überlebenden zu sprechen und dessen ethische und politische Lehren zu formulieren."
Dass 1976 Elie Wiesel, nicht er selbst den Friedensnobelpreis bekam, war für Wiesenthal die schlimmste Enttäuschung seines Lebens. Er schrieb dies, so Tom Segev, dem Einfluss des Jüdischen Weltkongresses zu, der Kurt Waldheimmit besonderer Vehemenz angegriffen hatte.
Das Schuldgefühl des Überlebenden
Was war die Triebfeder für diesen lebenslangen und enttäuschungsreichen Kampf um Gerechtigkeit? Tom Segev meint, Simon Wiesenthal empfand ein tiefes Schuldgefühl, weil er weniger gelitten hatte als andere und er und seine Frau ihr Überleben ausgerechnet zwei Deutschen verdankten: Die "Jagd nach Kriegsverbrechern erscheint daher wie eine Strafe, die er sich selbst auferlegte, und auch wie ein Versuch, Sühne zu tun." Wiesenthals Leitmotiv ist zugleich der Titel seiner 1988 erschienen Autobiographie: "Recht, nicht Rache".
Tom Segev: "Simon Wiesenthal. Die Biographie", Siedler Verlag, München 2010, 574 Seiten, 29,95 Euro, ISBN 978-3-88680-858-8







